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Warum der aktuelle österreichische Außenminister Merkel nicht kritisieren sollte

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SEBASTIAN KURZ
Leonhard Foeger / Reuters
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Vor den Parlamentswahlen in Österreich am 15. Oktober. Der österreichische Außenminister Sebastian Kurz soll der neue Bundeskanzler werden. Er punktete auch durch Kritik an der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, verfügt aber nicht über die erforderlichen Qualitäten. Deutsche Medien sollten seine Statements nicht hinnehmen. Die Entzauberung des Sebastian Kurz wird folgen.

Der österreichische Außenminister Sebastian Kurz sagte über sich in einem Interview: „Ich bin auch gewohnt, manchmal frech und sehr hartnäckig zu sein". Frechheit ist aber keine geeignete Kategorie für den diplomatischen Dienst. Auch „hartnäckig" ist nicht der passende Begriff für ein solches Statement, in der Sprache der Diplomaten würde „beharrlich" bevorzugt werden.

Sebastian Kurz hatte allerdings nie die Gelegenheit, Sprache und Habitus der Diplomaten zu erlernen. Er wurde am 27. August 1986 geboren und wuchs im Wiener Arbeiterbezirk Meidling auf. In diesem Bezirk besuchte er ein Realgymnasium, nur zehn Minuten entfernt vom Bahnhof Meidling.

Leben im Arbeiterbezirk

In den achtziger Jahren zählte diese Gegend zwischen der Durchfahrtsstraße Gürtel und der Stadtumfahrung Südosttangente bereits zu den schlechtesten Wohngegenden der Stadt Wien. Meidling verfügt über einen starken Anteil an ausländischer Bevölkerung.

„Ich bin in Meidling aufgewachsen und in eine Klasse gegangen, in der die Hälfte der Kinder Migrationshintergrund hatten",
erklärt Kurz über seine Schulzeit:

Meidling ist berühmt durch das sogenannte palatale „L". Eine Prononciation des Konsonanten „L", die es auf diese Weise nur im Meidlinger Dialekt gibt. Die Zunge wird bei einem solchen „L" deutlich an denhinteren Gaumen gedrückt. Dabei öffnen sich die Lippen schwülstig und der Mundwinkel verzieht sich auf einer Seite.

Wenn man in Wien zeigen will, dass man bei einer Konfrontation in besonders proletarischen Stil auftreten will, dann wird bewusst ein solches „L" vom Gaumen geholt. Man sagt in Wien, dass sich jemand, der in Meidling aufwuchs, von einem solchen palatalen „L" nie ganz befreien kann. Wenn es „hart auf hart" geht, dann bricht es in den Zungenschlag durch.

Nach seiner Schulzeit am Realgymnasium in Meidling begann Sebastian Kurz ein Studium der Rechtswissenschaft am Juridicum in Wien. Über den Zustand der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien wird im Zusammenhang mit der Lage der österreichischen Justiz noch deutlich zu berichten sein.

Außenminister ohne Eliteschule

Sebastian Kurz beendete das Studium am Juridicum allerdings nicht. Er wurde schon vor Beendigung des Studiums zum Außenminister ernannt. Im Alter von 27 Jahren.

Es gab Zeiten, da hätte man für eine solche Profession das Studium der Staatswissenschaft empfohlen. Dieses wurde von Juristen in Wien gerne als Zweitstudium mit einer weiteren Promotion absolviert.

Wäre Sebastian Kurz mit 40 Jahren Außenminister geworden, so wäre er ein junger Bundesminister für Europäische und Internationale Angelegenheiten gewesen, der offenbar aufgrund seiner ausreichenden Erfahrungen und bewiesenen Leistungen dieses Amt für die Republik Österreich und deren Bevölkerung ausüben soll.

Mehr zum Thema: Vor Wahl in Österreich: Kanzlerkandidat Kurz hetzt offen gegen Ausländer - und erntet deutliche Kritik

Aufgrund welcher Qualifikationen wurde Sebastian Kurz in dieses wichtige Amt gehoben, das für die internationale Reputation Österreichs von Bedeutung ist.

Kurz besuchte keine der Eliteschulen des Landes, auf die früher führende Politiker der bürgerlichen ÖVP gerne in ihrem Curriculum pochten. Insbesondere zählt dazu das Schottengymnasium, zentral auf der Freyung im ersten Wiener Bezirk Innere Stadt gelegen.

Als Außenminister hätte Kurz aber auch mit dem Lycée Français de Vienne, nahe der bezaubernden Strudlhofstiege, der Vienna International School, nahe der UNO-City Wien, oder mit dem Theresianum, das bei der Diplomatischen Akademie angesiedelt ist, erste wesentliche Grundlagen für eine solch wichtige Aufgabe erhalten, die die Funktion des österreichischen Außenministers sein soll.

Verzicht auf Bildungsideal

Sebastian Kurz stammt aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Wie ist es ihm gelungen in der Jungen ÖVP zu bedeutenden Einfluss zu kommen?

Kurz setzte auf einen Wagen, der von ihm als „Geilomobil" bezeichnet wurde. Im Wahlkampf 2010 war er gemeinsam mit 500 Getreuen aus der Jungen ÖVP mit diesem Gefährt in Wien unterwegs, begleitet von sogenannten „Geilmachern". Sebastian Kurz erklärte dazu: Er „wolle geil auf Politik machen".

Warum Medien und die ÖVP dachten, dass Sebastian Kurz sich mit solch lasziven Auftritten für höhere Weihen empfiehlt, das bleibt ein Mysterium. Offenbar verabschiedet die bürgerliche Partei in Österreich sich vom traditionellen Bildungsideal.

Auf einem solch primitiven Niveau darf politische Arbeit in Österreich nicht stattfinden. Österreich war bisher ein Land, das seine Identität stark durch kulturelle Leistungen definieren wollte.

Noch vor wenigen Jahren hätte man das Auftreten eines Sebastian Kurz in Wien als „präpotent" rasch abgetan. Seine Bemerkungen basieren nicht auf genauen Überlegungen, sondern bauen auf die Hoffnung, dass sich Erfolg durch ein forsches und freches Auftreten einstellt.

Kritisiert deutsche Bundeskanzlerin

Auch die Kommentare von Sebastian Kurz über die Flüchtlingspolitik der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel müssen mit einer solchen Kategorie qualifiziert werden. Der Spiegel schrieb über solche Aussagen von Sebastian Kurz im Oktober 2016:

„Mit scharfen Worten hat Österreichs Außenminister Sebastian Kurz die jüngste Ankündigung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kritisiert, dass Deutschland bald mehrere hundert Flüchtlinge monatlich aus Griechenland und Italien aufnehmen wird."

Manche deutsche Medien glorifizierten in der Folge Sebastian Kurz als neuen Heiland. Solche Statements von Sebastian Kurz sollten in Deutschland aber nicht hingenommen werden. Das Land, in dem die Frankfurter Schule eines Theodor W. Adorno und Max Horkheimer wirkt, darf den Mut zeigen, kritische Analysen auch entsprechend öffentlich zu machen.

Am 1. Juli 2017 wurde Sebastian Kurz zum Parteivorsitzenden der ÖVP ernannt und soll der nächste Bundeskanzler der Republik Österreich werden. In Österreich wurde Sebastian Kurz von einer kleinen Truppe Getreuer forciert.

Man wird aber noch konstatieren, dass sein öffentliches Image nicht von Dauer ist. Die Demaquillage des Sebastian Kurz wird folgen. Unabhängig vom Ausgang der aktuell bevorstehenden Nationalratswahlen in Österreich.

Mehr zum Thema: TV-Duell in Österreich: Eine Szene zeigt, was dem Land nach der Wahl blühen könnte

© Autor: Johannes Schütz, 2017

Zum Autor:
Johannes Schütz bereitet eine Buchpublikation vor:
„Die Enteigner: Der größte Skandal der Republik Österreich".
Johannes Schütz, Medienwissenschafter und Publizist, war Lehrbeauftragter an der Universität Wien (Informationbroking, Recherchetechniken, Medienkompetenz), Vorstand des Zentrums für Medienkompetenz, Projektleiter bei der Konzeption des Wiener Community-TV, Projektleiter Twin-City-TV Wien-Bratislava, investigative Publikationen (Vergabe der .eu Domains).
Email: info (at) communitytv.eu

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