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Konflikte lösen mit dem Kommunikationsquadrat

Veröffentlicht: Aktualisiert:
COMMUNICATION CONFLICT
Chris Tobin via Getty Images
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Wie oft haben Sie in Gesprächen das Gefühl, dass irgendetwas einfach nicht bei Ihrem Gesprächspartner ankommt? Selbst wenn Sie Formulierungen ändern, Begriffe austauschen und versuchen, sich der Sache von einer anderen Seite zu nähern: Es gibt da diese Kommunikationsbarriere, die Sie einfach nicht überwinden können.

Das Gleiche gilt natürlich auch andersherum. Sind Sie sich immer sicher, was genau Ihnen eine bestimmte Nachricht mitteilen soll? Mir zumindest geht es oft genug so, dass ich mir bei der Interpretation unsicher bin oder erst spät merke, dass ich meinen Gesprächspartner völlig falsch verstanden habe.

Diese Unsicherheiten und Missverständnisse liegen nicht immer nur am faktischen Inhalt einer Nachricht. Selbst wenn man auf dieser sachlichen Ebene (oder Sachebene, um schon einen später ausgeführten Begriff zu verwenden) eine Aussage versteht, gibt es genügend Möglichkeiten, sie trotzdem falsch zu interpretieren.

Sehen Sie sich zum Beispiel folgenden Dialog an:

  • Kim: Ich gehe dann mal ins Bett.
  • Robin: Ok, ich versuche leise zu sein.
  • (Kim knallt wütend die Tür hinter sich zu)

Irgendetwas ist hier schief gelaufen, oder? Können Sie erkennen, was? Das Kommunikationsquadrat kann bei der Analyse von solchen Missverständnissen helfen und - noch besser - dafür sorgen, dass solche Missverständnisse erst gar nicht entstehen. Wir werden später zu diesem Beispiel zurückkehren und es uns nochmal genauer ansehen.

Zuerst will ich Ihnen aber einen kleinen Einblick in die Theorie hinter dem Kommunikationsquadrat geben, das übrigens auch unter dem schönen Namen Vier-Ohren-Modell bekannt ist.

Das Kommunikationsquadrat nach Schulz von Thun

Vier-Ohren-Modell nach Schulz von Thun: Im Kommunikationsquadrat nach Friedemann Schulz von Thun können Nachrichten anhand von vier Ebenen beschrieben werden. Eine Nachricht wird nur dann erfolgreich vermittelt, wenn alle vier Aspekte richtig interpretiert werden. Diese vier Ebenen sind die Sachebene, die Appellebene, die Selbstoffenbarung und die Beziehungsebene.

Man nennt dieses Modell auch Vier-Ohren-Modell, weil der Empfänger sozusagen mit vier verschiedenen Ohren die Nachricht empfangen muss.

Die Begriffe Sender, Empfänger und Nachricht sind in diesem Zusammenhang (und allgemein in der Kommunikationswissenschaft) sehr frei zu verstehen. Eine Nachricht umfasst nicht nur schriftliche Äußerungen, sondern auch gesprochene Sätze. Sender und Empfänger wiederum müssen nicht unbedingt einzelne Personen sein, es kann sich auch um Gruppen von Menschen oder um Institutionen handeln.

Sachebene: Mit der Sachebene ist der eigentliche Inhalt einer Nachricht gemeint: Informationen, Fakten, Sachverhalte. Hier geht es um die Frage: Ist es wahr und richtig was mein Kommunikationspartner sagt? Ist es relevant für unser Gespräch? Fehlen noch Informationen? Was muss noch diskutiert werden? Verstehe ich, was mein Kommunikationspartner sagt?

Selbstoffenbarung: Jede Nachricht enthält immer Informationen über den Sender. Schulz von Thun nennt diese Ebene Selbstoffenbarung. Hier wird klar, wie es dem Sender geht, was ihn umtreibt, welche Rolle er einnimmt, womit er Schwierigkeiten hat, was er fühlt. Der Empfänger einer Nachricht kann auf dieser Ebene wahrnehmen, welche Gefühle der Kommunikationspartner hat, wofür er steht und was die eigentlichen Ziele sind.

Beziehung: Die Beziehungsebene macht klar, wie Sender und Empfänger zueinander stehen. Hier spielen Tonfall, Mimik und Gestik eine wichtige Rolle. Der Empfänger einer Nachricht kann auf dieser Ebene wahrnehmen, was der Sender von ihm hält und wie die Kommunikationspartner zueinander stehen. Auf dieser Ebene geht es um Wertschätzung oder Gleichgültigkeit, Respekt oder Verachtung, Akzeptanz oder Bevormundung.

Appell: Die Appellebene enthält einen Handlungsimpuls, der durch die Nachricht ausgelöst werden soll. Der Sender möchte etwas bewirken, er möchte, dass der Empfänger etwas tut oder unterlässt. Dabei kann es sich um einen offenen Appell handeln, zum Beispiel in Form einer Bitte oder einer Aufforderung, oder um einen verdeckten Appell. Der Empfänger nimmt auf der Appellebene wahr: Was möchte der Sender einer Nachricht von mir?

Das Kommunikationsquadrat ermöglicht uns nun, aus der Außenperspektive einen Dialog zu betrachten und uns zu überlegen, wie die vier Ebenen für Sender und Empfänger in einer bestimmten Situation funktionieren. Zum Beispiel bei Kim und Robin:

  • Robin: "Ich gehe dann mal ins Bett."
  • Sachebene: Robin begibt sich ins Bett.
  • Selbstoffenbarung: Ich möchte nicht schlafen.
  • Beziehung: Zusammen im Bett sein wäre schön.
  • Appell: Komm mit ins Bett.

Kims Interpretation der Nachricht:

  • Sachebene: Robin begibt sich ins Bett.
  • Selbstoffenbarung: Robin möchte schlafen.
  • Beziehung: Wenn ich zu laut bin, kann Robin nicht schlafen.
  • Appell: Sei bitte leise.

Wir verstehen jetzt besser, was in diesem Dialog schief gegangen ist. Zwar hat Kim richtig verstanden, was Robin auf der Sachebene sagte, aber auf allen anderen Ebenen gibt es eine Diskrepanz. Insbesondere die Abweichung auf der Appellebene sorgt dafür, dass Kim wütend wird und es möglicherweise zu einem Streit kommt.

Wenn es sich nicht gerade um Kommunikationswissenschaftler und andere Profis handelt, passiert eine solche Interpretation natürlich eher unbewusst. Kim denkt sich vielleicht so etwas wie "Ah, Robin hat ja morgen die Präsentation, da ist natürlich früh schlafen gehen angesagt", aber Kim unterscheidet dabei nicht zwischen verschiedenen Ebenen. Welche Vorteile es hat, wenn man das kann und das Kommunikationsquadrat bewusst anwendet, zeige ich im nächsten Abschnitt.

Wie Sie das Kommunikationsquadrat praktisch anwenden können

Hätten Kim und Robin das Kommunikationsquadrat gekannt, wäre es möglicherweise nicht zu diesem Streit und all seinen Konsequenzen gekommen. Denn mit diesem Modell steht einem ein ganz einfaches Werkzeug zur Verfügung, um Missverständnisse zu vermeiden. Es hilft dabei, über die eigenen Nachrichten und die Interpretation von fremden Nachrichten bewusst zu reflektieren.

Wer eine Nachricht vermitteln und sichergehen will, dass der Empfänger wirklich alles richtig versteht, sollte die Aussage so formulieren, dass es auf allen Ebenen möglichst wenig Spielraum für Fehlinterpretationen gibt. Schließen Sie mögliche Missverständnisse am besten gleich aus, indem Sie noch einen zweiten Satz hinterher schieben. Oder auch einen dritten, wenn es sein muss. Und bleiben Sie trotzdem aufmerksam.

Wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihre Nachricht trotz aller Vorsicht nicht richtig verstanden worden ist, scheuen Sie sich trotzdem nicht, einzugreifen und Sie genauer zu erläutern.

Als Empfänger wiederum sollten Sie die Nachricht aus den vier Gesichtspunkten genau betrachten - alle vier Ohren spitzen, also. Überlegen Sie sich aus jeder Perspektive, was Ihr Gesprächspartner wahrscheinlich gemeint hat, aber auch was es sonst für Interpretationen gibt. Denken Sie daran, auch Gestik und Mimik mit einzubeziehen. Gerade bei der Selbstoffenbarung spielt diese eine wichtige Rolle.

Wenn Sie sich dann bei der Interpretation unsicher sind, fragen Sie lieber nach, bevor Sie falsche Annahmen treffen.

So hätten auch Kim und Robin ihr Missverständnis verhindern können. Kim hätte einfach ein „Kommst du mit?" anhängen können, um deutlicher klar zumachen, was gemeint ist. Und Robin auf der anderen Seite hätte auch Kims Mimik betrachten können und sich Gedanken über mögliche andere Interpretationen machen können Oder einfach fragen "Darf ich mitkommen oder willst du lieber deine Ruhe haben?"

Noch mal auf einen Blick die Tipps für Kommunikation ohne Missverständnisse:

  • Alle Ebenen in der Nachricht abdecken: Konkret sein statt andeuten.
  • Im Zweifelsfall erläutern oder nachfragen.
  • Andere Interpretationen in Betracht ziehen.
  • Mimik und Gestik mit einbeziehen.
  • Gut vorbereitet in Gespräche gehen

Wenn wichtige Gespräche bevorstehen, dann können Sie das Kommunikationsquadrat schon im voraus ausnutzen, indem Sie der Reihe nach durch alle Ebenen gehen und sich genau überlegen was Sie auf dieser Ebene mitteilen wollen. Wenn Sie selbst sich sicher sind, was Sie dem Gegenüber sagen wollen, dann fällt es auch viel leichter die Dinge so zu formulieren, dass sie nicht missverstanden werden können.

Ich habe eine kleine Übersicht erstellt, die Sie sich vor jedem wichtigen Gespräch ansehen und ausfüllen können. Hier gibt es sie zum Download.

Und falls Sie schon lustige Dialoge gehört oder miterlebt haben, bei denen das Kommunikationsquadrat viele Missverständnisse hätte vermeiden können, dann erzählen Sie uns doch davon in den Kommentaren!

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Dieser Beitrag wurde übernommen von coach.ichraum.de

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