BLOG

Eine offene Plattform f├╝r kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Johannes Geyer Headshot

Altersarmut - das Risiko nimmt zu, es gilt gezielt gegenzusteuern!

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
ALTERSARMUT
Sean Gallup via Getty Images
Drucken

├ťber Altersarmut wird in Deutschland seit Jahren kontrovers diskutiert. In unregelm├Ą├čigen Abst├Ąnden wurden in den letzten Jahren Absch├Ątzungen zur Entwicklung der Altersarmut ver├Âffentlicht. Dabei ist klar, dass Altersarmut eine besondere sozialpolitische Herausforderung darstellt: arme ├Ąltere Menschen sind einem hohen Risiko ausgesetzt, dauerhaft arm zu bleiben.

In der Debatte wird insbesondere radikal negativen Prognosen viel Aufmerksamkeit zuteil. Dass Meldungen wie ÔÇ×Jedem zweiten Neurentner droht 2030 die Altersarmut" (z.B. vom WDR 2016 verbreitet und j├╝ngst wiederholt durch ver.di) in der ├ľffentlichkeit ├╝berhaupt ernst genommen werden, zeigt wie gro├č die Verunsicherung hinsichtlich der Einkommenssicherung im Alter ist; der gut begr├╝ndeten Kritik an den Methoden der Berechnungen wurde jedenfalls weniger Aufmerksamkeit geschenkt.

Wenn man die ├╝blichen Methoden zur Messung der Altersarmut verwendet, also Inanspruchnahme der Grundsicherung oder die sogenannte Armutsrisikoquote, dann gibt es zwar begr├╝ndete Erwartungen, dass die Armut unter ├Ąlteren Menschen zunehmen wird, aber eben nicht in dem skizzierten extremen Ausma├č.

Der Fehlschluss der genannten apokalyptischen Studien liegt darin, dass von der heutigen Verteilung der individuellen Bruttoeinkommen auf die Rente geschlossen wird.

Gegen dieses Vorgehen sprechen zwei Dinge: erstens ver├Ąndert sich die Einkommensposition im Lebensverlauf und zweitens muss das Armutsrisiko im Haushaltszusammenhang betrachtet werden. Es ist beispielsweise schon heute so, dass viele Altersrenten unterhalb des Grundsicherungsniveaus liegen. Gleichzeitig gelten die meisten dieser Menschen nicht als arm - da sie ├╝ber andere eigene Einkommen oder Einkommen von ihrem Partner verf├╝gen.

Erh├Âhtes Armutsrisiko

Im Juni 2017 wurden zwei weitere Studien zum Thema Altersarmut ver├Âffentlicht, die versucht haben, die Altersarmut im Haushaltskontext abzusch├Ątzen (durch die Bertelsmann Stiftung - hier war auch der Autor dieses Textes beteiligt und durch das Deutsche Institut f├╝r Altersvorsorge).

Ô×Ę Mehr zum Thema: Eine neue Studie zeigt, welches alarmierende Ausma├č die Altersarmut in 20 Jahren haben wird

Bei allen Unterschieden im Detail, kommen die beiden Studien in der Tendenz zu durchaus vergleichbaren Ergebnissen. Beide Studien prognostizieren einen Anstieg der durchschnittlichen Armutsrisikoquote bis in die 2030er Jahre um gut 10 bis 20% auf etwa 20 Prozentpunkte.

Allerdings zeigt sich in beiden Studien, dass es ganz konkrete Gruppen gibt, die in der Zukunft einem stark erh├Âhten Armutsrisiko ausgesetzt sind:

Ostdeutsche, die von der schlechten Arbeitsmarktsituation nach der Wende betroffen waren, geringqualifizierte Personen, Langzeitarbeitslose, alleinstehende Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund und Menschen mit einer Erwerbsminderung, die also aufgrund gesundheitlicher Einschr├Ąnkungen nicht mehr arbeiten k├Ânnen. Als weitere gef├Ąhrdete Gruppe werden versicherungsfreie Solo-Selbst├Ąndige mit geringen Eink├╝nften genannt.

Dass sich das Altersarmutsrisiko in diesen Gruppen stark erh├Âht ist nicht ├╝berraschend. Die Einkommens- und Verm├Âgensposition im Alter ist Ergebnis des vorherigen Erwerbslebens und wird ma├čgeblich durch die Anspr├╝che an die gesetzlichen Alterssicherungssysteme bestimmt.

Daneben sind auch die betriebliche und die private Alterssicherung relevant. F├╝r einen nicht unerheblichen Teil der Bev├Âlkerung spielt auch das Einkommen der sonstigen Haushaltsmitglieder eine wesentliche Rolle bei der Einkommenssicherung. Was sind also die zentralen Ursachen f├╝r die erwartete Zunahme der Altersarmut?

Ursachen f├╝r die Zunahme von Altersarmut

Ein wichtiger Faktor sind die ├änderungen der Erwerbsbiografien j├╝ngerer Geburtsjahrg├Ąnge. Wir beobachten eine Zunahme unsteter Erwerbsbiografien, ein Anwachsen des Niedriglohnsektors und eine Zunahme der versicherungsfreien Besch├Ąftigung mit geringem Entgelt.

Ô×Ę Mehr zum Thema: Lieber Herr Spahn, Ihre Aussagen zur Altersarmut sind eine Ohrfeige ins Gesicht von Millionen Deutschen

Wichtig ist auch die hohe und lang anhaltende Arbeitslosigkeit in der ehemaligen DDR, die erst in den letzten Jahren abgebaut werden konnte. Ob solche Phasen am Ende des Erwerbslebens zu niedrigen Alterseinkommen f├╝hren, h├Ąngt davon, ob es den Menschen gelingt diese Br├╝che auszugleichen.

Gerade f├╝r gering qualifizierte Menschen ist dies in den letzten Jahrzehnten immer schwieriger geworden. Ein weiterer Aspekt sind die ver├Ąnderten Haushaltsstrukturen: die Zunahme von alleinlebenden Menschen erh├Âht tendenziell das Armutsrisiko.

Der zweite Faktor, der f├╝r eine Zunahme der Altersarmut spricht, sind die Rentenreformen der letzten zwanzig Jahre. Mit wenigen Ausnahmen - z.B. bei den Leistungen f├╝r Kindererziehungszeiten zielten sie auf eine Reduktion des Sicherungsniveaus der gesetzlichen Rente, um den Beitragssatz zu stabilisieren. Prominent wird zurzeit die Senkung des Rentenniveaus durch den Nachhaltigkeitsfaktor diskutiert.

Aber es gab auch andere Reformen im Leistungsrecht, die das Sicherungsniveau gesenkt haben. Zum Ausgleich wurde die freiwillige private und betriebliche Altersvorsorge ausgebaut und staatlich gef├Ârdert. Hier gab es zwar gewisse Mobilisierungseffekte, aber der Verbreitungsgrad in den unteren Einkommensgruppen ist unterdurchschnittlich; dazu kommt, dass viele Riester-Vertr├Ąge ├╝berhaupt nicht mehr bespart werden.

Altersarmut vorbeugen

In Kombination mit den ├änderungen am Arbeitsmarkt vermehren sich f├╝r bestimmte Gruppen die Einkommensrisiken im Alter. Das zeigt sich exemplarisch am Beispiel des Mindestlohnes im Kontext der Absenkung des Rentenniveaus. Seit Januar 2017 liegt er bei 8,84 Euro. Eine Vollzeit arbeitende alleinlebende Person kann mit dem Mindestlohn mit gro├čer Wahrscheinlichkeit Bed├╝rftigkeit, also Hartz IV, vermeiden.

Der Lohn m├╝sste aber schon heute deutlich h├Âher liegen, um auch im Alter nach 45 Jahren Erwerbst├Ątigkeit mit den Anspr├╝chen an die Rentenversicherung die Grundsicherungsschwelle zu ├╝berwinden - eher bei ca. 11 Euro. Bei einem sinkenden Rentenniveau in der Zukunft, w├╝rde ein entsprechend h├Âherer Stundenlohn n├Âtig sein.

Ô×Ę Mehr zum Thema: Armut ist sozialer Z├╝ndstoff

W├╝rde die Person zus├Ątzlich riestern k├Ânnte sie vermutlich auch beim gegenw├Ąrtigen Niveau des Mindestlohns etwa das Niveau der Grundsicherung im Alter erreichen - allerdings ist es zweifelhaft, ob es gerade diesen Geringverdienern gelingt regelm├Ą├čig in erforderlicher H├Âhe zu sparen.

Wenn man das Risiko der Altersarmut reduzieren will, dann gibt es drei Felder in denen man ansetzen k├Ânnte: erstens gilt es w├Ąhrend des Erwerbslebens dem Risiko der Altersarmut vorzubeugen. Also beispielsweise verbesserte Chancen am Arbeitsmarkt f├╝r Langzeitarbeitslose und gering qualifizierte Personen.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Zweitens gilt es im Rentenrecht zu ├╝berlegen, wie mit versicherungsfreier Besch├Ąftigung insbesondere bei Selbst├Ąndigen umgegangen wird. Ob dies in Form der Pflichtversicherung oder in einer Pflicht zum Nachweis einer Versicherung umgesetzt wird, m├╝sste gepr├╝ft werden.

Drittens gibt es bei Menschen, die schon ├Ąlter sind und ein hohes Armutsrisiko aufweisen, nur noch die M├Âglichkeit durch umverteilende Ma├čnahmen deren Einkommenssituation zu verbessern. So k├Ânnte die Grundsicherung oder auch der Freibetrag f├╝r andere Einkommen und Verm├Âgen angehoben werden.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffiPost ist eine Debattenplattform f├╝r alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.