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Das bedeutet der Brexit f√ľr die Wissenschaft und Forschung in Europa

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STUDENTS BRITAIN
Christopher Furlong via Getty Images
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Was w√ľrde Europa nur ohne √Čmelie du Ch√Ętelet machen? Wahrscheinlich noch in H√∂hlen wohnen. Moment mal, Ch√Ętelet, werden sich einige fragen, wer war das denn?

Zugegeben, der Wirkungsgrad der genialen franz√∂sischen Mathematikerin war eher gering, doch sie zeichnete sich dadurch aus, die Schriften von Isaac Newton zur Infinitesimalrechnung vom Englischen ins Franz√∂sische zu √ľbersetzen und verst√§ndlich zu kommentieren. Bis dahin waren Newtons Schriften f√ľr die meisten Wissenschaftler n√§mlich so gut wie unverst√§ndlich und daher kaum relevant gewesen.

Ein Durchbruch in der europäischen Wissenschaft

Better together hat in Europa also eine lange Tradition. Viele der bedeutsamsten wissenschaftlichen Erkenntnisse wurden in den Universit√§ten von Italien √ľber Deutschland, Frankreich und Gro√übritannien gewonnen und wiederum in anderen weiterentwickelt.

Austausch gab es schon immer; nach dem zweiten Weltkrieg und mit der Schaffung der EU ist Europa aber endg√ľltig zusammengewachsen. Doch nun schwankt Gro√übritannien. Sehen sie keinen Sinn mehr in der EU, die sie f√ľr zu b√ľrokratisch, f√ľr zu regulierend und vor allem f√ľr viel zu aufgeblasen halten?

Auch wenn es Auswirkungen auf ganz Europa h√§tte, ist es nat√ľrlich letztendlich die alleinige Entscheidung der Briten, wie sie am Donnerstag abstimmen.

Dabei sollten wir jedoch nicht zulassen, dass eben dies unter falschen Behauptungen passiert:

Eines der st√§rksten Argumente ist das Geld. Die Gegner behaupten, durch das Aussetzen der Zahlungen, die die Briten zwangsweise √ľberweisen m√ľssten, k√∂nnte jeder ein gr√∂√üeres Kuchenst√ľck des nationalen Wohlstands erhalten. Tats√§chlich ist das Vereinigte K√∂nigreich Nettozahler - sprich, es zahlt mehr, als es zur√ľckerh√§lt.

Gänzlich anders sieht es aus, wenn man sich den Bereich der Forschung und Wissenschaft ansieht. Hier erhält UK ganze 1,4 Milliarden Euro aus EU-Töpfen, was ca. 16 % des britischen Uni-Budgets ausmacht. Damit gibt es kein anderes Land innerhalb der EU, das mehr von den Fördertöpfen profitiert als Großbritannien.

√úberhaupt ist das F√∂rderprojekt f√ľr Wissenschaft mit dem Namen "Horizon 2020" aus britischer Perspektive ziemlich vielversprechend. Denn nicht nur das Mitspracherecht und die Kooperation mit anderen europ√§ischen Universit√§ten und somit ein direkter Austausch mit weiteren f√ľhrenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ist darin enthalten.

Auch der Zugang zu einem Finanzmechanismus, der multinationale Partnerschaften erlaubt, ist integriert. Wie Großbritannien derartige Kooperationsvorteile nach einem Brexit ausgleichen will, ist fraglich.

Ebenso fraglich ist, ob das eingesparte Geld der bisherigen Zahlungen an die EU nach einem Austritt den Universit√§ten und Forschungsreinrichtungen zugute k√§me. Denn Brexit-Bef√ľrworter versprechen schon jetzt jedem Briten mehr Geld - ohne sich mit der Regierung zu verst√§ndigen.

Und diese ist, vor allem in letzter Zeit, ohnehin eher durch Mittelstreichungen im Wissenschaftsbereich aufgefallen. Die frei werdenden Mittel betragen dabei allerdings ohnehin weniger als ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Zu verteilen g√§be es nicht viel, wenn wirklich jeder Bereich profitieren soll. Es ist also gut m√∂glich, dass das Finanzministerium nur die Spitzenuniversit√§ten weiter f√∂rdert oder die Gelder gar komplett einstreicht. So oder so w√ľrde die Finanzierung der Forschungsprojekte in Gro√übritannien mit dem Brexit letztlich stark gek√ľrzt. Es w√§re eine Schw√§chung f√ľr die gesamte europ√§ische Wissenschaft.

Was Brexit-Bef√ľrworter sagen

Nun, so argumentieren Brexit-Bef√ľrworter, gibt es aber noch andere L√§nder, die mit der EU lukrative Vertr√§ge ausgehandelt h√§tten, ihre Eigenst√§ndigkeit bewahren k√∂nnten und trotzdem nicht Mitglied werden m√ľssten. Das ist schlichtweg nicht korrekt.

Richtig ist, dass Norwegen und die Schweiz nicht Teil der EU sind. Norwegen ist aber Mitglied der Europ√§ischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und zahlt dabei den vollen Mitgliedsbeitrag. Gespart wird also nichts. Mehr noch, im Gegensatz zu allen anderen Vollmitgliedern hat Norwegen kein Mitspracherecht in den Gremien und entscheidet somit nicht einmal √ľber die Verwendung des Geldes. Wohl keine Option f√ľr Britannien.

Und die Schweiz? Das kleine Bergland zahlt der EU zwar kein Geld, hat jedoch selber √ľber 100 Vertr√§ge mit der Europ√§ischen Kommission geschlossen. Wie Norwegen hat aber auch die Schweiz kein Mitspracherecht bei tiefgreifenden Entscheidungen. Au√üerdem wurde das Land nach dem Personenfreiz√ľgigkeitsgesetz vom Erasmusprogramm ausgeschlossen und EU-gef√∂rderte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler durften ihre Projektgelder nicht in der Schweiz investieren. Auch diese Beispiele geben also keine attraktiven Aussichten f√ľr Gro√übritannien.

Wovor britische Gelehrte Angst haben

Doch wovor die britischen Gelehrten ebenso Angst haben, ist ein zu erwartender "Brain Drain". Dazu hat sich Stephen Hawking mit 150 anderen international renommierten Wissenschaftlern in einem offenen Brief an die Regierung gewandt. Großbritannien, so der Gedanke, ist ein Magnet der besten Köpfe der Welt, Cambridge und Oxford sind die Elite der Eliteuniversitäten und Motor der britischen Wissenschaft und Forschung.

Um das keinesfalls zu gef√§hrden, darf es nicht weitere H√ľrden, zus√§tzliche B√ľrokratie oder gar eine Visapflicht f√ľr EU-B√ľrger geben. "Wissenschaft", so der Mathematiker Peter Markowich von der Universit√§t Cambridge, "basiert auf Grenzenlosigkeit und das Wiederaufbauen von Grenzen ist der wissenschaftlichen Entwicklung v√∂llig gegenl√§ufig."

Dem schließen sich einer Umfrage unter 666 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler 80% an. An den Universitäten herrscht also mehr EU-Euphorie als anderswo. Auch Michael Galsworthy von der London School of Hygiene & Tropical Medicine wird gegen den Brexit stimmen: "Einer der Kommentare, die wir oft bekommen, ist: Die Wissenschaft im Vereinigten Königreich war schon seit Jahrhunderten großartig, schon bevor es die EU gab.

Deshalb wird die Forschung auch erfolgreich bleiben, wenn wir aus der EU austreten. Vorsicht bei dieser Logik: England war sicher auch schon großartig, bevor Computer und Internet erfunden wurden. Aber das bedeutet nicht, dass wir jetzt alle Computer einfach rausschmeißen können."

Nicht nur ein Problem f√ľr Gro√übritannien

Also alles nur ein Problem f√ľr die Briten? Wohl kaum. Auch wenn die Auswirkungen auf die britische Wissenschaft und Forschung sicher gr√∂√üer sind als auf die der kontinentaleurop√§ischen Universit√§ten, so ist Europa bereits zu eng verzahnt, als dass man sich einfach abschotten k√∂nnte, ohne die anderen zu beeintr√§chtigen. Es geht Europa und auch Deutschland also sehr wohl etwas an, wie Britannien am Donnerstag abstimmen wird.

Denn trotz oder eher weil das Vereinigte Königreich eine Wissenschaftsgroßmacht ist - nur ein Prozent der Weltbevölkerung lebt auf der Insel, diese stellt aber 4% aller Wissenschaftler- zeigt sich hier, wie stark die europäische Wissenschaft bereits vernetzt ist. Eine neue Auswertung vom "Nature Index", der Autoren und Herkunft wissenschaftlicher Publikationen auswertet, verdeutlicht dies nochmals.

So verfassen britische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haupts√§chlich Werke zusammen mit amerikanischen Partnern. Doch dicht dahinter folgen Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und die Niederlande. Im Umkehrschluss bedeutet das auch, dass einer der wichtigsten Partner f√ľr europ√§ische Publikationen Gro√übritannien ist.

Was w√ľrde passieren, wenn der gegenseitige Input und Kooperationsm√∂glichkeiten behindert werden w√ľrden? Ein Beispiel: Die Universit√§t Birmingham untersucht zusammen mit der Universit√§t Bonn neue Ansatzpunkte zur Heilung von Leberkrebs. Nach dem Brexit k√∂nnte sich die britische Forschergruppe nicht mehr am Projekt beteiligen. Es w√§re ein R√ľckschlag f√ľr die Forschung um Jahre - und zwar auch zulasten der Patienten, die dringend auf Heilung hoffen.

Folgen f√ľr das Erasmus-Programm

Doch nicht nur die ausgewachsene Forschung ist betroffen. √úber Forschungsprojekte wie die oben genannten hinaus g√§be es f√ľr die europ√§ischen Studierenden einen viel pers√∂nlicheren Verlust: Erasmus.

Das Erasmus-Programm wurde im Zuge der offenen Grenzen und der unb√ľrokratischen Austauschprogramme erst entwickelt. Ein Austritt UKs, mitsamt all der renommierten und f√ľr Studierende so hochattraktiven Universit√§ten, w√§re ein herber R√ľckschlag. Erasmus-Auslandsaufenthalte w√ľrden im Falle eines Brexits nicht mehr m√∂glich werden, denn mit einem Austritt aus der EU geht auch ein Austritt aus dem Erasmus-Programm einher.

Sicherlich w√§ren Auslandsaufenthalte immer noch m√∂glich, jedoch w√§re dies mit einem enormen Mehraufwand an B√ľrokratie, Formalia und insbesondere finanziellen Mitteln verbunden.

Das Erasmus-Programm sowie das Erasmus-Plus-Programm zeichnen sich gerade dadurch aus, ausl√§ndischen Studierenden die M√∂glichkeit zu offerieren, sehr kosteng√ľnstig an h√§ufig teuren britischen Universit√§ten zu studieren. Mal ein Rechenbeispiel: Ein regul√§rer Studiums-Auslandsaufenthalt am renommierten Londoner King's College kostet 10.000 ‚ā¨. Mit Erasmus-Plus entfielen diese Kosten. Ohne das Programm werden sie von den Studierenden gezahlt werden m√ľssen.

Es stellt sich die Frage, ob das f√ľr jeden machbar ist? Wohl kaum. Und wie steht es da eigentlich mit dem EU-Antidiskriminierungsparagraphen, der h√∂here Studiengeb√ľhren f√ľr EU-B√ľrger eigentlich verbietet? Auf all diese Fragen gibt es keine plausiblen Ant-worten.

Nicht nur ein Projekt der Völkerverständigung

Wir sehen an vielen weiteren Stellen, dass die EU nicht nur ein Projekt der Völkerverständigung, sondern auch der Interessengemeinschaft ist und gemeinsam einfach stärker wirkt. Das zeigt sich auch an den Rankings der angesehensten Hochschulen weltweit.

Im einflussreichen QS World University Ranking stehen auf der Top-50 Liste achtzehn US-Universit√§ten, 15 Universit√§ten aus dem asiatischen Raum, drei Kanadische Hochschulen und 14 europ√§ische, wobei zwei davon auf die Schweiz fallen. Gro√übritannien jedoch stellt mit zehn exzellenten Universit√§ten den gr√∂√üten Anteil am europ√§ischen Erfolg und ist mitverantwortlich, dass Europa √ľberhaupt ein ernstzunehmender Partner in der heutigen Zeit ist.

Es wird f√ľr den Donnerstag ein Kopf an Kopf Rennen erwartet. Viele Faktoren spielen dabei eine Rolle. Sollte es zu einem Brexit kommen, wird es anschlie√üend ma√ügeblich darauf ankommen, wie die EU entscheidet.

Ja, denn dann machen sich die Briten wirklich abh√§ngig von der EU. Wird sie Gro√übritannien weiterhin unterst√ľtzen und einen Vertrag aushandeln wollen, der den Weg zu den F√∂rdert√∂pfen weiterhin √∂ffnet? Oder wird die EU den Briten die Konsequenzen ihres Votums aufzeigen? Am Ende verlieren wohl alle bei einem Brexit - und besonders die Wissenschaft.

Es ist ein Jammer, dass eine der sonstigen Strophen der britischen Nationalhymne heutzutage nicht mehr gesungen wird:

Not in this land alone,
But be God's mercies known,
From shore to shore!
Lord make the nations see,
That men should brothers be,
And form one family,
The wide world over.

Vielleicht sollte man sich darauf zur√ľck besinnen. Bis dahin, abwarten & Tee trinken.

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Mehr zum Thema Brexit findet ihr hier.

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