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Das bedeutet der Brexit für die Wissenschaft und Forschung in Europa

23/06/2016 09:27 CEST | Aktualisiert 24/06/2017 11:12 CEST
Christopher Furlong via Getty Images

Was würde Europa nur ohne Émelie du Châtelet machen? Wahrscheinlich noch in Höhlen wohnen. Moment mal, Châtelet, werden sich einige fragen, wer war das denn?

Zugegeben, der Wirkungsgrad der genialen französischen Mathematikerin war eher gering, doch sie zeichnete sich dadurch aus, die Schriften von Isaac Newton zur Infinitesimalrechnung vom Englischen ins Französische zu übersetzen und verständlich zu kommentieren. Bis dahin waren Newtons Schriften für die meisten Wissenschaftler nämlich so gut wie unverständlich und daher kaum relevant gewesen.

Ein Durchbruch in der europäischen Wissenschaft

Better together hat in Europa also eine lange Tradition. Viele der bedeutsamsten wissenschaftlichen Erkenntnisse wurden in den Universitäten von Italien über Deutschland, Frankreich und Großbritannien gewonnen und wiederum in anderen weiterentwickelt.

Austausch gab es schon immer; nach dem zweiten Weltkrieg und mit der Schaffung der EU ist Europa aber endgültig zusammengewachsen. Doch nun schwankt Großbritannien. Sehen sie keinen Sinn mehr in der EU, die sie für zu bürokratisch, für zu regulierend und vor allem für viel zu aufgeblasen halten?

Auch wenn es Auswirkungen auf ganz Europa hätte, ist es natürlich letztendlich die alleinige Entscheidung der Briten, wie sie am Donnerstag abstimmen.

Dabei sollten wir jedoch nicht zulassen, dass eben dies unter falschen Behauptungen passiert:

Eines der stärksten Argumente ist das Geld. Die Gegner behaupten, durch das Aussetzen der Zahlungen, die die Briten zwangsweise überweisen müssten, könnte jeder ein größeres Kuchenstück des nationalen Wohlstands erhalten. Tatsächlich ist das Vereinigte Königreich Nettozahler - sprich, es zahlt mehr, als es zurückerhält.

Gänzlich anders sieht es aus, wenn man sich den Bereich der Forschung und Wissenschaft ansieht. Hier erhält UK ganze 1,4 Milliarden Euro aus EU-Töpfen, was ca. 16 % des britischen Uni-Budgets ausmacht. Damit gibt es kein anderes Land innerhalb der EU, das mehr von den Fördertöpfen profitiert als Großbritannien.

Überhaupt ist das Förderprojekt für Wissenschaft mit dem Namen "Horizon 2020" aus britischer Perspektive ziemlich vielversprechend. Denn nicht nur das Mitspracherecht und die Kooperation mit anderen europäischen Universitäten und somit ein direkter Austausch mit weiteren führenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ist darin enthalten.

Auch der Zugang zu einem Finanzmechanismus, der multinationale Partnerschaften erlaubt, ist integriert. Wie Großbritannien derartige Kooperationsvorteile nach einem Brexit ausgleichen will, ist fraglich.

Ebenso fraglich ist, ob das eingesparte Geld der bisherigen Zahlungen an die EU nach einem Austritt den Universitäten und Forschungsreinrichtungen zugute käme. Denn Brexit-Befürworter versprechen schon jetzt jedem Briten mehr Geld - ohne sich mit der Regierung zu verständigen.

Und diese ist, vor allem in letzter Zeit, ohnehin eher durch Mittelstreichungen im Wissenschaftsbereich aufgefallen. Die frei werdenden Mittel betragen dabei allerdings ohnehin weniger als ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Zu verteilen gäbe es nicht viel, wenn wirklich jeder Bereich profitieren soll. Es ist also gut möglich, dass das Finanzministerium nur die Spitzenuniversitäten weiter fördert oder die Gelder gar komplett einstreicht. So oder so würde die Finanzierung der Forschungsprojekte in Großbritannien mit dem Brexit letztlich stark gekürzt. Es wäre eine Schwächung für die gesamte europäische Wissenschaft.

Was Brexit-Befürworter sagen

Nun, so argumentieren Brexit-Befürworter, gibt es aber noch andere Länder, die mit der EU lukrative Verträge ausgehandelt hätten, ihre Eigenständigkeit bewahren könnten und trotzdem nicht Mitglied werden müssten. Das ist schlichtweg nicht korrekt.

Richtig ist, dass Norwegen und die Schweiz nicht Teil der EU sind. Norwegen ist aber Mitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und zahlt dabei den vollen Mitgliedsbeitrag. Gespart wird also nichts. Mehr noch, im Gegensatz zu allen anderen Vollmitgliedern hat Norwegen kein Mitspracherecht in den Gremien und entscheidet somit nicht einmal über die Verwendung des Geldes. Wohl keine Option für Britannien.

Und die Schweiz? Das kleine Bergland zahlt der EU zwar kein Geld, hat jedoch selber über 100 Verträge mit der Europäischen Kommission geschlossen. Wie Norwegen hat aber auch die Schweiz kein Mitspracherecht bei tiefgreifenden Entscheidungen. Außerdem wurde das Land nach dem Personenfreizügigkeitsgesetz vom Erasmusprogramm ausgeschlossen und EU-geförderte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler durften ihre Projektgelder nicht in der Schweiz investieren. Auch diese Beispiele geben also keine attraktiven Aussichten für Großbritannien.

Wovor britische Gelehrte Angst haben

Doch wovor die britischen Gelehrten ebenso Angst haben, ist ein zu erwartender "Brain Drain". Dazu hat sich Stephen Hawking mit 150 anderen international renommierten Wissenschaftlern in einem offenen Brief an die Regierung gewandt. Großbritannien, so der Gedanke, ist ein Magnet der besten Köpfe der Welt, Cambridge und Oxford sind die Elite der Eliteuniversitäten und Motor der britischen Wissenschaft und Forschung.

Um das keinesfalls zu gefährden, darf es nicht weitere Hürden, zusätzliche Bürokratie oder gar eine Visapflicht für EU-Bürger geben. "Wissenschaft", so der Mathematiker Peter Markowich von der Universität Cambridge, "basiert auf Grenzenlosigkeit und das Wiederaufbauen von Grenzen ist der wissenschaftlichen Entwicklung völlig gegenläufig."

Dem schließen sich einer Umfrage unter 666 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler 80% an. An den Universitäten herrscht also mehr EU-Euphorie als anderswo. Auch Michael Galsworthy von der London School of Hygiene & Tropical Medicine wird gegen den Brexit stimmen: "Einer der Kommentare, die wir oft bekommen, ist: Die Wissenschaft im Vereinigten Königreich war schon seit Jahrhunderten großartig, schon bevor es die EU gab.

Deshalb wird die Forschung auch erfolgreich bleiben, wenn wir aus der EU austreten. Vorsicht bei dieser Logik: England war sicher auch schon großartig, bevor Computer und Internet erfunden wurden. Aber das bedeutet nicht, dass wir jetzt alle Computer einfach rausschmeißen können."

Nicht nur ein Problem für Großbritannien

Also alles nur ein Problem für die Briten? Wohl kaum. Auch wenn die Auswirkungen auf die britische Wissenschaft und Forschung sicher größer sind als auf die der kontinentaleuropäischen Universitäten, so ist Europa bereits zu eng verzahnt, als dass man sich einfach abschotten könnte, ohne die anderen zu beeinträchtigen. Es geht Europa und auch Deutschland also sehr wohl etwas an, wie Britannien am Donnerstag abstimmen wird.

Denn trotz oder eher weil das Vereinigte Königreich eine Wissenschaftsgroßmacht ist - nur ein Prozent der Weltbevölkerung lebt auf der Insel, diese stellt aber 4% aller Wissenschaftler- zeigt sich hier, wie stark die europäische Wissenschaft bereits vernetzt ist. Eine neue Auswertung vom "Nature Index", der Autoren und Herkunft wissenschaftlicher Publikationen auswertet, verdeutlicht dies nochmals.

So verfassen britische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hauptsächlich Werke zusammen mit amerikanischen Partnern. Doch dicht dahinter folgen Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und die Niederlande. Im Umkehrschluss bedeutet das auch, dass einer der wichtigsten Partner für europäische Publikationen Großbritannien ist.

Was würde passieren, wenn der gegenseitige Input und Kooperationsmöglichkeiten behindert werden würden? Ein Beispiel: Die Universität Birmingham untersucht zusammen mit der Universität Bonn neue Ansatzpunkte zur Heilung von Leberkrebs. Nach dem Brexit könnte sich die britische Forschergruppe nicht mehr am Projekt beteiligen. Es wäre ein Rückschlag für die Forschung um Jahre - und zwar auch zulasten der Patienten, die dringend auf Heilung hoffen.

Folgen für das Erasmus-Programm

Doch nicht nur die ausgewachsene Forschung ist betroffen. Über Forschungsprojekte wie die oben genannten hinaus gäbe es für die europäischen Studierenden einen viel persönlicheren Verlust: Erasmus.

Das Erasmus-Programm wurde im Zuge der offenen Grenzen und der unbürokratischen Austauschprogramme erst entwickelt. Ein Austritt UKs, mitsamt all der renommierten und für Studierende so hochattraktiven Universitäten, wäre ein herber Rückschlag. Erasmus-Auslandsaufenthalte würden im Falle eines Brexits nicht mehr möglich werden, denn mit einem Austritt aus der EU geht auch ein Austritt aus dem Erasmus-Programm einher.

Sicherlich wären Auslandsaufenthalte immer noch möglich, jedoch wäre dies mit einem enormen Mehraufwand an Bürokratie, Formalia und insbesondere finanziellen Mitteln verbunden.

Das Erasmus-Programm sowie das Erasmus-Plus-Programm zeichnen sich gerade dadurch aus, ausländischen Studierenden die Möglichkeit zu offerieren, sehr kostengünstig an häufig teuren britischen Universitäten zu studieren. Mal ein Rechenbeispiel: Ein regulärer Studiums-Auslandsaufenthalt am renommierten Londoner King's College kostet 10.000 €. Mit Erasmus-Plus entfielen diese Kosten. Ohne das Programm werden sie von den Studierenden gezahlt werden müssen.

Es stellt sich die Frage, ob das für jeden machbar ist? Wohl kaum. Und wie steht es da eigentlich mit dem EU-Antidiskriminierungsparagraphen, der höhere Studiengebühren für EU-Bürger eigentlich verbietet? Auf all diese Fragen gibt es keine plausiblen Ant-worten.

Nicht nur ein Projekt der Völkerverständigung

Wir sehen an vielen weiteren Stellen, dass die EU nicht nur ein Projekt der Völkerverständigung, sondern auch der Interessengemeinschaft ist und gemeinsam einfach stärker wirkt. Das zeigt sich auch an den Rankings der angesehensten Hochschulen weltweit.

Im einflussreichen QS World University Ranking stehen auf der Top-50 Liste achtzehn US-Universitäten, 15 Universitäten aus dem asiatischen Raum, drei Kanadische Hochschulen und 14 europäische, wobei zwei davon auf die Schweiz fallen. Großbritannien jedoch stellt mit zehn exzellenten Universitäten den größten Anteil am europäischen Erfolg und ist mitverantwortlich, dass Europa überhaupt ein ernstzunehmender Partner in der heutigen Zeit ist.

Es wird für den Donnerstag ein Kopf an Kopf Rennen erwartet. Viele Faktoren spielen dabei eine Rolle. Sollte es zu einem Brexit kommen, wird es anschließend maßgeblich darauf ankommen, wie die EU entscheidet.

Ja, denn dann machen sich die Briten wirklich abhängig von der EU. Wird sie Großbritannien weiterhin unterstützen und einen Vertrag aushandeln wollen, der den Weg zu den Fördertöpfen weiterhin öffnet? Oder wird die EU den Briten die Konsequenzen ihres Votums aufzeigen? Am Ende verlieren wohl alle bei einem Brexit - und besonders die Wissenschaft.

Es ist ein Jammer, dass eine der sonstigen Strophen der britischen Nationalhymne heutzutage nicht mehr gesungen wird:

Not in this land alone,

But be God's mercies known,

From shore to shore!

Lord make the nations see,

That men should brothers be,

And form one family,

The wide world over.

Vielleicht sollte man sich darauf zurück besinnen. Bis dahin, abwarten & Tee trinken.

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Mehr zum Thema Brexit findet ihr hier.

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