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Vor unseren Augen geschieht Weltgeschichte - wenn wir hinschauen

12/03/2016 11:44 CET | Aktualisiert 13/03/2017 10:12 CET
dpa

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Am Sonntag ist es wieder soweit. In Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt werden die Bürger*innen zur Wahl gerufen. Sie sollen entscheiden, wer in den nächsten Jahren in ihren Ländern die Entscheidungen trifft und wohin es politisch gehen soll.

Soweit ist das nichts Neues. Irgendwo findet gefühlt immer eine Wahl statt. Sei es der Vorstand des Sportvereins, die Schüler*innenvertretungen oder irgendeine Selbstverwaltung von irgendeiner Körperschaft mit Zwangsmitgliedschaft, von der man gar nichts wusste. Das alles ist uns sehr vertraut.

Genauso wissen wir, dass, egal was gewählt wird, die Wahlbeteiligung vermutlich niedriger sein wird als beim letzten Mal. So erwarten wir es wohl auch am Wochenende. Wieder werden ein paar mehr Leute nicht hingegangen sein. Wieder hat es ein paar weniger interessiert. Besonders die jüngeren Wähler*innen, die aus meiner Generation, zeigen wenig Interesse an der Beteiligung per Wahl.

Auf Demo gehen? Gar kein Problem. Online-Petition unterzeichnen? Wird sofort gemacht. Über Politik reden, nachdenken und eine Meinung haben? Das tun viele. Zur Wahl gehen? Eher nicht. Klingt skurril, ist aber so.

Parteien oder Kapitalismus die Schuld geben?

Nun könnte man die ganze Geschichte auseinandernehmen. Man könnte nach Ursachen suchen und Missverständnisse zwischen dem System und einer Generation versuchen aufzuklären. Man könnte den Parteien die Schuld geben oder dem Kapitalismus. Man könnte pathetisch das Wort ergreifen und erinnern, dass das Wählen einen Bürgerpflicht sei, ein Privileg, welches von unseren Vorfahren für uns erkämpft wurde. Man könnte all das zum zigtausendsten mal machen und hätte dabei völlig recht. Aber das will ich heute nicht.

Ich möchte mein Unverständnis ausdrücken. Ich kann nicht verstehen, warum man als junger Mensch heutzutage nicht wählen gehen kann.

Klar, es ist immer Mist nicht wählen zu gehen, aber für den über 70jährigen, der gemütlich an der Ostsee am Strand seinen Lebensabend genießt und nicht wählen geht, habe ich wenigstens noch einigermaßen Verständnis. Der kann sagen, dass ihn der ganze politische Zirkus nicht interessiert.

Das ist im Übrigen auch der einzige plausible Grund nicht wählen zu gehen. Wenn man sagt: „Es ist mir egal." Was aber nie plausibel sein wird, ist, wenn ein junger Mensch das sagt. Mal im Ernst:

Selbst wenn man einen Menschen annimmt ohne jegliches Verständnis für Geschichte oder Demokratie, ohne Gespür für Richtig und Falsch, ohne einen Funken Interesse für seine Mitmenschen, selbst wenn ich den Prototyp von Ignoranz und Egoismus erschüfe und als Grundannahme für eine Betrachtung nähme, bliebe doch immer noch ein Faktor: Der schnöde Eigennutz.

Als junger Mensch gibt man regelmäßig noch sehr lange einen wunderbaren Spielball für politische und zeitgeschichtliche Ereignisse ab. Man hat noch so verdammt viel vor, dass das Risiko viel zu groß ist, wenn man nicht selber versucht den Lauf der Dinge zu beeinflussen. Kurzum selbst wenn man alle hochtrabenden Überlegungen zur Seite legt. Als junger Mensch nicht zu wählen ist einfach nur dumm.

Vor unseren Augen geschieht Weltgeschichte - wir müssen nur hinschauen

Auch klar ist: Nicht immer hat jede politische Entscheidung unmittelbaren Einfluss auf das eigene Leben und ja es gab und gibt auch die eine oder andere Gemeindewahl oder ähnliches, die nicht die großen historischen Linien ziehen wird, aber - und das ist die entscheidende Stelle - gerade die kommenden Wahlen, die nächsten politischen Jahre werden unser Land nachhaltig prägen. Spätestens im letzten Jahr ist doch eines klar geworden: Vor unseren Augen, mitten unter uns vollzieht sich gerade Weltgeschichte.

Wenn man in Europa aufgewachsen und heute in den 20ern ist, dann hat man den Großteil seines Lebens offene Grenzen in Europa erlebt. Man konnte ohne Probleme reisen, keine lästigen Grenzkontrollen, keine Fahrzeuginspektionen, kein stundenlanges Warten am Grenzübergang störten die Erholung.

Dieser Luxus, den andere Generationen entweder nie oder sehr lange nicht genießen konnten, ist für die jetzige junge Generation ganz selbstverständlich geworden.

Genauso selbstverständlich ist es für uns in einer globalisierten Welt aufgewachsen zu sein. Wir sind die ersten „digital natives". Wir sind die erste Generation, die von Anfang an mit dem Internet aufgewachsen ist.

Staatsgrenzen bedeuteten für uns lange Zeit, dass sich der letzte Teil der Internet-Adresse verändert oder, wie oben beschrieben, dass an der Straße ein blaues Schild mit gelben Sternen drauf steht, welches einen darüber in Kenntnis setzt jetzt in einem anderen Land zu sein.

Ja, die Leute sprechen dann auch mal anders. Aber Fremdsprachen sind für uns auch eine Selbstverständlichkeit. Ob Englisch, Französisch oder Spanisch die meisten jungen Menschen sprechen heutzutage mindestens eine dieser Sprachen völlig problemlos. Sei es über ein FSJ, einen Schüler*innenaustausch oder das Erasmus-Programm, viele von uns haben Auslandsaufenthalte rund um die Welt gemacht und so die Welt kennengelernt, sie versucht zu verstehen. Wir sind die Generation des Internets und der Globalisierung, des Reisens und der Verständigung, die Generation einer grenzenlosen Welt. Das sind wir. Das ist unser Lebensgefühl.

Doch genau diese Dinge, die für uns so selbstverständlich scheinen, stehen jetzt auf der Kippe. Der große Zustrom von Kriegsflüchtlingen und Asylsuchenden im letzten Jahr, der im Grunde genommen weder wirtschaftlich noch politisch ein besonders großes Problem darstellen würde, hat Gruppierungen von ewig Gestrigen neuen Aufwind gegeben.

Rechtspopulistische Parteien scharen in ganz Europa Anhängerschaft um sich

Was sich bereits seit einigen Jahren in Europa angebahnt hat, hat sich jetzt zu voller Gänze entfaltet. Parteien, wie die AfD, die Front National, die FPÖ, die Lega Nord usw. scharen in ganz Europa ein Anhängerschaft um sich. Sie gewinnen Wahlen und treiben die Politik. Was daraus wird, haben wir im letzten Jahr gesehen.

Die für uns selbstverständlichen offenen Grenzen standen zur Debatte, wurden je nach Belieben der einzelnen Staaten geschlossen und geöffnet. Das Europa der offenen Grenzen ist Geschichte. Geraubt von rechtspopulistischen Parteien und einer Politik, die zu schwach ist ihnen entgegenzutreten. Europa bricht auseinander.

Wurde in Zeiten der Finanzkrise von allen Staaten noch groß die europäische Solidarität beschworen, zieht sich jetzt, wo es darauf ankommt Menschen zu helfen, ein Staat nach dem anderen aus der Verantwortung.

Kürzlich konnte man aus der Slowakei hören, dass die EU eine reine Wirtschaftsgemeinschaft sei, keine Solidargemeinschaft und keine Wertegemeinschaft. Die EU sei demnach kein Selbstzweck, sondern nur wichtig solange der Einzelstaat seinen Profit aus ihr ziehen kann. Für Leute, die Europa so sehen, sind geschlossene Grenzen kein Problem.

Aber was sind das für Leute? In ersten Linie alte Männer, ein paar Frauen und sehr wenig junge Menschen. Was haben die alle gemein? Ihre Herzen und Köpfe sind die unserer Urgroßväter und Urgroßmütter. Die selbe unheilige Vaterlandsliebe vergiftet ihren Geist. Der selbe Hass gegen alles, was neu und anders ist, vertreibt jeden Funken Empathie.

Das sind Leute, denen ihre Heimat so wichtig ist, dass sie an Grenzen auf schutzbedürftige Kinder schießen wollen, die ungehorsame Schüler*innen in Erziehungslager stecken und deren Eltern zu Zwangsarbeit verpflichten möchten. Das sind Menschen ohne Menschlichkeit.

Bewegte Zeiten brauchen Bewegung

Wir sollten uns unser Europa und unsere Freiheiten nicht von unseren Urgroßvätern rauben lassen. Das ist unsere Zukunft. Wir müssen sie selbst in die Hand nehmen. Wir dürfen sie nicht den Alten überlassen. Wir wollen diesen Kontinent noch lange bewohnen und wir wollen ihn so, wie er für uns selbstverständlich ist: Frei, sicher und menschenfreundlich.

Das lassen wir uns von alten Männer mit Halbglatze nicht nehmen.

Das alles ist zu wichtig. Genau das ist der Grund, warum jeder junge Mensch dieses Wochenende zur Wahl gehen sollte. Warum sich jeder junge Mensch politisch engagieren sollte.

Wir leben in bewegten Zeiten. In solchen muss man aktiv werden und sich bewegen, wenn man ein Interesse an den Dingen hat und das hat unsere Generation ganz massiv. Es geht also nicht (nur) um große Politik oder darum, welche Koalition am Ende steht. Es geht um unsere Zukunft. Es geht um die Frage, in was für einen Land und was für einem Europa wir leben wollen.

Es geht um uns.

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