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Diskussion um Nobelpreis: Wissenschaft kennt keine Grenzen

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Jedes Land der Welt ist glücklich über seine Nobelpreisträger. Ihre Ehrung wird besonders von Forscherinnen und Forschern als Anerkennung für ihren Wissenschaftsstandort und Ansporn für künftige Spitzenleistungen verstanden. Umso merkwürdiger mutet deshalb die Diskussion darüber an, ob die Vergabe des Medizin-Nobelpreises an Thomas Südhof für Deutschland wirklich ein Grund zur Zufriedenheit ist, schließlich forsche der Experte für das Transportsystem von Zellen doch in den USA.

Ich persönlich freue mich, dass Thomas Südhof es geschafft hat. Er hat in Aachen und Göttingen studiert und promoviert. Südhofs Entscheidung, seine Karriere in den USA fortzusetzen, muss unsere Begeisterung für seine Leistungen nicht schmälern. Wissenschaft kennt keine Grenzen, sie ist mehr denn je international organisiert und verflochten, lebt von gegenseitigem Informationsaustausch und grenzüberschreitenden Netzwerken. Anschaulich wird das beim alljährlichen Nobelpreisträgertreffen in Lindau, das erfahrene und junge Forscher aus aller Welt zusammenbringt.

Die großen Menschheitsaufgaben lassen sich nicht mit Kirchturmdenken lösen. Das zeigt auch die Geschichte der Physik-Nobelpreisträger Peter Higgs und Francois Englert, mit denen sich ebenfalls jeder freuen darf, dem der Wissenschaftsstandort Deutschland am Herzen liegt. An der Entdeckung des Higgs-Teilchens haben Wissenschaftler aus aller Welt mitgewirkt. Allein mehr als 500 deutsche Forscherinnen und Forscher haben sich, kräftig unterstützt vom Bundesforschungsministerium, in verschiedenen hochkarätigen Instituten und Verbünden diesem Projekt verschrieben.

Die Teilchenphysik ist ein besonders gutes Beispiel für den Wert internationaler Kooperation. Die Versuche, bei denen die Theorie des Nobelpreisträgers ihre Bestätigung fand, wurden am Teilchenbeschleuniger im Europäischen Forschungszentrum für Elementarteilchenphysik CERN in Genf durchgeführt. Kein Land allein könnte Bau und Betrieb einer solchen Anlage stemmen. Gemeinsam geht es. Deutschland nimmt seine Verantwortung wahr und ist mit 20 Prozent Finanzierungsanteil der größte Beteiligte am CERN.

Wir brauchen unser Licht nicht unter den Scheffel zu stellen. „Die Forschungslandschaft in Deutschland ist ausgezeichnet", hat Nobelpreisträger Thomas Südhof in einem aktuellen Interview gesagt. Gerade in Südhofs Fachgebiet, der Gesundheitsforschung, hat sich in Deutschland eine Menge bewegt. Zu den sechs großen Volkskrankheiten Krebs, Infektionen, neurodegenerative Erkrankungen, Herz-Kreislauf, Lunge und Diabetes haben sich die besten Forscherinnen und Forscher aus dem universitären und außeruniversitären Bereich zu Deutschen Gesundheitszentren zusammengeschlossen, die von Bund und Ländern gefördert werden. Mit dem geplanten Berliner Institut für Gesundheitsforschung wird eine weitere Einrichtung mit internationaler Strahlkraft entstehen.

Das Lob des Medizin-Nobelpreisträgers hat einen realen Hintergrund. „Viele meiner Mitarbeiter, sehr gute Leute, sind wieder nach Deutschland zurückgegangen - und das gern. Deutschland hat extrem viel zu bieten", hat Südhof beobachtet. In der Tat mehren sich die Hinweise darauf, dass der lange beklagte „Brain Drain" gestoppt ist, wir im Gegenteil sogar einen „Brain Gain" verzeichnen. Im Wintersemester 2013 studierten hierzulande 265.000 ausländische Studentinnen und Studenten an Universitäten und Fachhochschulen - ein neuer Rekord. In der Rangliste der attraktivsten Gastgeberländer liegt Deutschland damit hinter den beiden englischsprachigen Ländern Großbritannien und USA auf Platz 3.

Die Wissenschaftsorganisationen bemühen sich intensiv und erfolgreich, interessante Gastwissenschaftler für Deutschland zu gewinnen, etwa mit den Alexander von Humboldt-Professuren. Alexander von Humboldt-Stiftung, DAAD und die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanzieren Programme, um im Ausland tätige deutsche Wissenschaftler zurückzugewinnen.

So haben die drei Organisationen das Netzwerk GAIN gegründet, das sich an deutsche Wissenschaftler in Nordamerika richtet. Der Erfolg spricht Bände: Von den Teilnehmern der einmal im Jahr stattfindenden GAIN-Tagungen 2004 bis 2009 haben zwei Drittel angegeben, inzwischen wieder in Deutschland zu arbeiten. Und weitere - auf den ersten Blick überraschende - Ergebnisse hat die Befragung der GAIN-Teilnehmer gebracht: Die Chancen auf eine Festanstellung war für die Wissenschaftler in Deutschland größer als in den USA. Und: Hierzulande waren auch die Verdienstmöglichkeiten besser als jenseits des großen Teichs.

Unser Wissenschaftsstandort ist so attraktiv wie lange nicht mehr. Deutschland hat gegen den internationalen Trend und trotz Wirtschafts- und Finanzkrise seine Investitionen in Forschung Jahr für Jahr erhöht - und wird diesen Weg fortsetzen. Die Voraussetzungen sind gut, dass auch künftig Nobelpreisträger aus Deutschland kommen können. Möglich ist, dass demnächst ein US-Amerikaner, Chinese oder Inder den Nobelpreis gewinnt, der in Deutschland forscht, weil er hier die besten Bedingungen vorfindet. Auch das wäre für mich ein Grund zur Freude.