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"Gewalt gegen Frauen ist eben unsere Kultur" - ich setzte mich weltweit für Frauenrechte ein, diese Ausrede kann ich nicht mehr hören

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WOMEN BRAZIL
ASSOCIATED PRESS
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"Es ist eben unsere Kultur"

Wie oft habe ich das gehört, wenn es darum ging, Gewalt gegen Frauen zu rechtfertigen. Häusliche Gewalt wird als "Teil der Kultur" verharmlost. Frauen als Bürger zweiter Klasse zu sehen "ist halt einfach so". Sexuelle Belästigung "ist eben unsere Kultur", wird behauptet. Kultur. Das wird immer als Entschuldigung für Missbrauch verwendet.

Für meine Frauenrechtsorganisation "Project Monma", die Gewalt gegen Frauen untersucht, bin ich rund um die Welt gereist. Dabei habe ich festgestellt, dass Gewalt gegen - und Diskriminierung von Frauen fast immer mit dem Begriff der Kultur gerechtfertigt wird.

Das ist eine Methode, Kritik einfach abzutun. Sie macht es Männern möglich, ihren Anspruch auf die Herrschaft und Kontrolle der Frauen vollkommen unbestritten und unangefochten beizubehalten.

Wenn die gleiche Art von Verbrechen gegen Männer verübt wird, werden sie nie mit der "Kultur" gerechtfertigt.

Denn heißen sie vielmehr Mord, Missbrauch, Diskriminierung, Völkermord.

Aber die schrecklichsten Arten von Gewalt und Diskriminierung, die gegen Frauen verübt werden, ernten nur ein Schulterzucken als Reaktion. "Das ist eben so", heißt es dann.

Und alle akzeptieren es.

Töten für die Familienehre

Auf meiner ersten Reise in den Nordirak habe ich mit dem Project Monma sogenannte Ehrenmorde untersucht. Man erklärte uns, wie Frauen und Mädchen für jeden vermeintlichen sexuellen Verstoß getötet werden können. Ein Kurde erzählte uns zum Beispiel, wie ein junges Mädchen in seinem Dorf von ihrem Vater erschossen wurde. Einfach weil sie dabei gesehen wurde, wie sie sich mit einem Mann auf der Straße unterhielt.

Mehr zum Thema: "Meine Tochter wurde Opfer von Traditionen": Vater von Ehrenmord-Opfer schreibt bewegenden Nachruf

Frauen dürften keinerlei sexuelle Beziehung mit einem Mann außerhalb der Ehe haben. Sollte sie gegen diese kulturelle Norm verstoßen, wäre ihre Familie dazu gezwungen, sie zu töten, um die Familienehre wieder herzustellen.

Das ist ihre Kultur.

Im Libanon saß ich mit einer Gruppe junger Männer zusammen, alle aus dem Libanon, aber aufgewachsen in den verschiedenen Golfstaaten. Ich war dort, um Recherchen zur Gewalt gegen syrische Frauen anzustellen und wir diskutierten über sexuelle Belästigung. Ich erzählte die vielen Geschichten, die ich von syrischen Frauen gehört hatte, die von Libanesen sexuell belästigt worden waren.

Doch die Männer in der Runde schienen gleichgültig. Dann erzählte ich ihnen von mir selbst, wie ich einmal in Kuwait von einer Gruppe Männer umzingelt und bedroht wurde - da brachen alle in lautes Gelächter aus.

"Das ist unsere Kultur", erklärte einer der Libanesen mit einem Lächeln.

Vergewaltigung und Diskriminierung von Frauen sind an der Tagesordnung

In Mauretanien forschte ich mit Project Monma über das Phänomen Sklaverei. Bis zum Jahr 2007 war das auf Abstammung basierende System von Sklaverei dort legal. Wenn die Sklaven-Frauen ein Kind zur Welt bringen, wird dieses Kind ebenfalls ein Sklave. Die "weißen Mauren", wie sie genannt werden, sind traditionell die Sklavenbesitzer.

Für die Sklavinnen sind Vergewaltigung und Diskriminierung an der Tagesordnung. Im Fall einer Vergewaltigung können sie sogar wegen "Sex außerhalb der Ehe" im Gefängnis landen. Eine ehemalige Sklavin erklärte mir, es sei für die "weißen Mauren" eine Ehre, Sklaven zu besitzen.

Das ist ihre Kultur.

In Gabun erklärte mir eine Frau, es sei für Frauen so gut wie unmöglich, einer Arbeit nachzugehen, so schlimm wäre die sexuelle Belästigung. "So ist das in Gabun", sagte sie. Eine Freundin in Südafrika erklärte, dass Bildung für Frauen nicht viel Sinn mache, denn auch die gebildeten Frauen würden am Arbeitsplatz belästigt und unterdrückt. "So läuft das in Südafrika", sagte sie.

Mehr zum Thema: Frauen teilen ihren schlimmsten Moment - diese Männer nutzen es aus

In Marokko erzählte mir ein Mann, dass er sich entschlossen hatte, Frauen nicht sexuell zu belästigen und wie er dafür von all seinen Freunden kritisiert wurde. Von Männern wird in Marokko erwartet, dass sie Frauen schlecht behandeln, erklärte er.

Im Senegal lachte ein Mann, als ich auf das Thema sexuelle Belästigung zu sprechen kam. "Naja, das gibt es überall", sagte er. Sein Lachen und sein Mangel an Anteilnahme zeigten deutlich, wie selbstverständlich die Belästigung ist, zweifellos ein weiterer Aspekt senegalesischer Kultur.

Gewalt kann nicht mit Kultur gerechtfertigt werden

Überall auf der Welt werden weibliche Bewerber für Jobs von Männern abgelehnt, und oft wird als Grund vorgebracht, es hänge mit der Kultur zusammen.

Überall auf der Welt rechtfertigen sich Männer, die ihre Frauen schlagen, damit, dass sie "das eben so machen". Und überall auf der Welt wird von Frauen erwartet, entweder bestimmte Kleidung tragen, oder eben mit den Konsequenzen zu leben: Belästigung und Vergewaltigung. Wie Frauen sich anzuziehen haben, hat natürlich etwas mit "Kultur" zu tun.

Gewalt kann und darf niemals im Zeichen der Kultur gerechtfertigt werden. Männer erlauben weder, dass Gewalt gegen sie ausgeübt wird, noch entschuldigen sie diese Gewalt als Kultur - und Frauen sollten das auch nicht tun.

Jede Handlung, die physischen oder psychischen Schaden anrichtet und eine Umwelt schafft, in der die einen keinen Zugang zu den gleichen Rechten und Möglichkeiten wie die anderen haben, muss verurteilt werden.

Es muss verurteilt werden, weil jeder in einer Welt leben will, in der wir alle angemessen und gerecht behandelt werden, und das schließt Frauen mit ein.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der "Huffington Post UK".

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