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Flucht und Terror, Ursache und Wirkung - eine falsche Verbindung

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TERROR FLUECHTLINGE
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Kausalzusammenhänge in einer komplexen, unübersichtlichen Gemengelage darzustellen, ist anspruchsvoll und riskant. Nicht umsonst veranschlagen sozialwissenschaftliche Forschungsarbeiten, die die Wirklichkeit angemessen abbilden wollen, Monate für umfangreiche Datenerhebungen in Form von Beobachtungen und Befragungen.

Kausalität, also das Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung, nachzuweisen, ist eine Herausforderung - selbst für erfahrene Wissenschaftler. Dies gilt umso mehr, wenn es sich um ein so vielschichtiges und bedrohliches Phänomen wie den internationalen Terrorismus handelt.

Ressentiments, Verunsicherung und Generalisierungen

Folgt man den Debatten der letzten Tage, glaubt man jedoch fast schon, Ursache und Wirkung lägen in dieser Angelegenheit auf der Hand: Die Verbindung zwischen Flüchtlingspolitik und Terrorgefahr wirkt geradezu selbstverständlich.

Doch: Die infolge der ebenso grauenhaften wie unterschiedlich motivierten Gewalttaten in Deutschland und Frankreich geführte Diskussion über die Auswirkungen einer möglicherweise zu liberalen Flüchtlingspolitik vereinfacht, verkennt und verfälscht Zusammenhänge. Sie unterstellt unmittelbare Verbindungen zwischen zwei Phänomenen, die weder rational noch richtig sind, sondern von Ressentiments, Verunsicherung und Generalisierungen herrühren.

Ressentiments gegenüber Ausländern als Bürde für das Sozialsystem. Verunsicherung aufgrund einer vermeintlichen „Nicht-Integrierbarkeit" des Islam. Und Generalisierungen, wie sie teilweise die Debatten nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht bestimmten, die arabische Männer zu Gefährdern stereotypisierten.

Es ist von herausragender Bedeutung, sich ein Bild davon zu verschaffen, in welchem Maße psychologischer Betreuungsbedarf unter Geflüchteten infolge traumatischer Erlebnisse im Heimatland oder während der Flucht besteht. Die Aufarbeitung von Traumata muss begleitet und angeleitet werden.

Dies jedoch primär in den Kontext der Terrorprävention zu rücken, schürt eben jene Verunsicherung und Ablehnung, die konstruktive Vorschläge und Integrationsstrategien blockieren. Denn: Einen direkten Zusammenhang zwischen traumatischen Erlebnissen eines Geflüchteten, Zugehörigkeit zum Islam und dem Ziel, Menschen zu töten, zu unterstellen, ist Teil eines irrationalen und vorverurteilenden Diskurses, der Terror und Flüchtlinge zusammenkettet.

Kausalität ist nichts für Kleingeister und Kurzsichtige

Wem es gekünstelt oder gar verlogen vorkommt, dass Sprecher der Bundesregierung und des Innenministeriums die Unterschiede zwischen Taten und Tätern betonen, sollte seinen inneren Wissenschaftler ein wenig ermutigen und sich vergegenwärtigen, dass genau das der springende Punkt ist: zu differenzieren, Generalisierungen nur dann zuzulassen, wenn sie ausreichend getestet sind, und sich niemals anderen Erklärungsmöglichkeiten zu verschließen.

Kausalität ist nichts für Kleingeister und Kurzsichtige, sie ist nichts für Realitätsverweigerer und Kopf-in-den-Sand-Stecker.

Politik, Medien, Wissenschaft und Zivilgesellschaft teilen daher die Verantwortung, die den vielen kritischen Stimmen zugrunde liegenden Ängste zu identifizieren und zu adressieren.

Vereinfachungen auf der einen Seite und Verunglimpfungen auf der anderen schüren Unsicherheit und Unzufriedenheit auf allen Ebenen. Und das auch, weil nach der „Wir schaffen das"-Euphorie eine umfassende Strategie noch immer fehlt, ein Plan, der all diesen Verunsicherungselementen - Integration, Trauma, Bildung, Rassismus, Religiosität, Gleichberechtigung - begegnet und einen Lösungsansatz entgegenhält.

Mit dem Anfang Juli verabschiedeten Integrationsgesetz ist dieser Masterplan sicher noch nicht gefunden. Denn Geflüchtete mit einer unklaren Bleibeperspektive sind in wichtigen Punkten wie dem Zugang zu Integrationskursen deutlich benachteiligt. Ohnehin ist die Bereitstellung von Sprach- und Orientierungskursen auch aufgrund des beträchtlichen Lehrermangels unzureichend.

Der Masterplan der Bundesregierung

Bestimmen nach den Anschlägen nun vermehrt Angst, Gereiztheit und Abneigung den Umgang mit Geflüchteten, ist das geradezu kontraproduktiv. Die um sich greifende Terrorangst macht Menschen nachvollziehbar unzugänglich für Abwägungen entlang von Logik und Wahrscheinlichkeit.

Umso wichtiger ist es, dass die Bundesregierung nicht nur Besonnenheit anmahnt und weitere Schritte ankündigt, sondern weiterhin Ressourcen umschichtet - über eine Erst- oder Notfallversorgung hinaus - und mit einer langfristig ausgerichteten Strategie Vertrauen schafft.

Dabei ist es nicht so, als müsste die Bundesregierung auf sich allein gestellt die Quadratur des Kreises vollbringen. Es gibt bereits zahlreiche Gutachten einschließlich konkreter Handlungsempfehlungen, die beispielsweise Wohnraumkonzepte, Bildungsstrategien und Arbeitsmarkintegration in den Blick nehmen.

Sie bieten Anhaltspunkte für eine so dringend benötigte ganzheitliche Strategie. Ausharren und an das „Wir schaffen das" glauben, das ist in einem Klima der Verunsicherung sehr viel verlangt. Es setzt denjenigen, die sich Angst und Misstrauen zunutze machen und vorverurteilende Kausalzusammenhänge predigen, nichts entgegen.

Der Masterplan der Bundesregierung ist also nicht nur sehr dringend, sondern muss auch allerhand leisten: Verunsicherung abbauen, Misstrauen beseitigen und Berührungsängste mindern, Perspektiven schaffen, Problemgruppen einbeziehen und Branchen zusammenbringen. Eine Sommerpause scheint da nicht realistisch.

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