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Ärztliche Behandlungsfehler - ein gesellschaftliches Unheil, das den Einzelnen trifft

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Über ärztliche Behandlungsfehler wird mittlerweile in jedem Bekannten- oder Familienkreis gesprochen. Damit ist das Thema in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen.

Etwa 40.000 Fälle von Behandlungsfehlern werden jährlich der Berufshaftpflicht der Ärzte angezeigt. Nur ein Drittel davon wird offiziell als Schaden anerkannt. Die geschätzten Zahlen bewegen sich zwischen 100.000 bis hin zu einer Million Fälle pro Jahr. Juristen im Medizinrecht gehen sogar noch von weit höheren Dunkelziffern aus. Wobei es mit zum Problem gehört, dass es keine zentrale Stelle zur Erfassung und Analyse von Behandlungsfehlern gibt. So aber kann es keinen Fortschritt in der Betrachtung und hinsichtlich einer Verbesserung der Situation geben.

Allein die Techniker Krankenkasse hat in einer Befragung ihrer Mitglieder ermittelt, dass jeder Fünfte meint, schon einmal falsch behandelt worden zu sein. Der Finanzbedarf bei den Haftpflichtversicherern im Heilwesen stieg von rund 150 Millionen Mark im Jahr 1990 auf etwa 700 Millionen Mark im Jahr 2000. Ungeklärte Arztfehler verursachen immense Kosten in unserem Gesundheitssystem, dessen finanzielle Schieflage immer wieder Anlass zur Diskussion gibt. Welch großer Faktor davon allein durch ärztliche Fehlbehandlungen verursacht wird, bleibt bislang weitgehend unbeachtet. So bezahlen häufig die Krankenkassen und die Rentenversicherungen für das, was Ärzte angerichtet haben.

Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die rechtliche Lage der Menschen, denen ein Behandlungsfehler passiert, so überaus ungesichert ist. Die brisante Situation erklärt, dass Anfang des Jahres seitens der politischen Vertreter ein sogenanntes „Patientenrechtegesetz" beschlossen worden ist und rechtskräftig wurde.

Von den Fachanwälten jedoch, die tagtäglich mit den Auswirkungen des Medizin- und Haftungsrechts in Deutschland zu tun haben, wird das neue Gesetz als bloße „Kosmetik" im Rechtsgefüge angesehen, das an der schlimmen Situation der vielen Betroffenen nichts ändert. Ein von der Opposition geforderter Hilfsfond, der die Opfer von Behandlungsfehlern wenigstens finanziell unterstützen sollte, wurde nicht umgesetzt.

Die Patienten, die schwer erkrankt sind, müssen dem Arzt seinen Fehler nach- und beweisen, Gutachten einholen (und häufig bezahlen), einen oder mehrere Anwälte konsultieren. Was nicht nur in finanzieller Hinsicht für sie schwierig ist. Die „Beweislast" liegt in der Regel nur auf den Schultern der Patienten, wohingegen die gesunden Ärzte durch mächtige Haftpflichtversicherungen und ihre Juristen vertreten werden.

So sind die Patienten weiterhin Spielball einer gut vernetzten Ärzteschaft, die in Gutachten zusammenhält und von internationalen Versicherungskonzernen vertreten wird, gegen die ein Patient als kleiner David gegen Goliath kaum eine Chance auf Verwirklichung eines angemessenen Schadensersatzes hat. Letztlich kommt hier Schaden auf Schaden, denn diese Weise des juristischen und medizinischen Umgangs bedingt weiter, dass die Betroffenen nicht nur körperlich geschädigt, sondern durch langwierige Prozessführungen und Abwiegelungen zusätzlich psychisch traumatisiert werden. Häufig sehen sich die Opfer von Behandlungsfehlern seitens der Versicherungen eher verhöhnt als entschädigt.

Aus purer Verzweiflung griff der Buchhalter André Bamberski zur Selbsthilfe. Nach einem dreißigjährigen, aussichtslosen Kampf gegen die deutsche Justiz (die anhand der bundesrepublikanischen Gesetze einen Arzt beschützte, der seine Tochter Kalinka erst betäubt, dann misshandelt und schließlich umgebracht hatte) ließ der Franzose den betreffenden Gynäkologen nachts entführen und nach Frankreich schaffen. Vom Gericht in Paris wurde dieser Arzt in diesem und im vergangenen Jahr gleich zweimal (nach eingelegter Berufung) zu einer fünfzehnjährigen Haftstrafe verurteilt.

Hierzulande werden die Opfer ärztlicher Behandlungsfehler nach wie vor allein gelassen. Sehr häufig wird ihre berechtigte Klage abgewiesen, da es ihnen nicht möglich ist, einen Arztfehler, der zum Bespiel in Narkose passierte, nachzuweisen.

Wer das neue Patientenrechtegesetz in seiner wirklichen Un-Bedeutsamkeit erfasst, wird kaum noch allein zum Arzt gehen, weil er hinterher eventuell einen Zeugen für den Nachweis eines Behandlungsfehlers braucht. Selbst eine Operation ist ohne ein aufzeichnendes, neutrales Kamerateam im OP nicht vorstellbar, wenn man sich die Konsequenz der gängigen Rechtsprechung im Medizinrecht in Deutschland vor Augen hält. Denn Arztfehler können schlimmer als tödlich sein. Man überlebt sie, die Frage ist nur wie und wofür, und unter welchen Bedingungen.

Ich bin Journalistin, Autorin und Dokumentarfilmerin. Nein, ich war es - bis mir ein gravierender ärztlicher Behandlungsfehler passierte und mein Leben aus den Angeln gehoben wurde. Vierzehn Jahre ist das heute her. Auch ich blieb bisher, trotz meiner gewonnenen Prozesse vor dem Land- und vor dem Oberlandesgericht, ohne Schadensausgleich durch zwei große, ärztliche Haftpflichtversicherungen. Da wird auf Zeit gespielt, honni soit qui mal y pense, vielleicht könnte sich das Problem von selbst erledigen?

Geht nicht mehr. Ich habe etwas geschaffen, das bleibt. Mit meinem Buch „Die Wunde in mir - Misshandlung auf Krankenschein" bin ich zur Chronistin eines Behandlungsfehlers und seiner Folgen geworden. Viele Betroffene schreiben mir über das Internet, dass ich darin auch ihre Situation und Gefühlslage beschrieben habe, auch ihre Hilflosigkeit und ihr Ausgeliefertsein; den immensen Verlust von Leben, in dem, was ein Leben ausmacht. So bin ich zur Zeitzeugin der medizinischen und juristischen Praktiken in der Gegenwart geworden. Einmal Journalistin, immer Autorin. Eine Berufung, der ich auch unter schlimmsten Umständen nachgegangen bin. Mögen andere entscheiden, mit welchem Erfolg.

Nur nebenbei sei angemerkt: ich bin ich keine „Ärztehasserin". Zweimal wurde mir während meiner Leidensgeschichte durch einen menschlich und medizinisch kompetenten Chirurgen das Leben gerettet. Daraus resultierte eine wunderbare Freundschaft. Auch ein Kapitel in meinem vorliegenden Buch.

Johanna Darka - www.johannadarka.com

Die Wunde in mir - Misshandlung auf Krankenschein. Ein Bericht
BoD Paperback, 404 Seiten.
ISBN: 978-3-8448-5067-3