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Wir halten uns nicht mehr artgerecht. Das vergessene Wunder.

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BUERO MINDFUL
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Wir Menschen sind Sippenwesen, die die Natur brauchen wie das täglich Brot. Bekommen wir zu wenig Natur und zu wenig Sippe, werden wir krank. Die Krankheitssymptome äußern sich in immensen psychischen Überlastungen und Krankheiten der unterschiedlichsten Ausprägungen.

Mangelnde Leistungsfähigkeit und Leistungswilligkeit gepaart mit dürftiger Kreativität und geringem Vertrauen in die Zukunft, sind die fatalen Konsequenzen einer Zivilisation, die sich von ihren natürlichen Bedürfnissen bereits zu weit entfernt hat. Zukünftig werden nur diejenigen dauerhaft gesund und leistungsfähig, hoch kreativ und damit glücklich sein, die das Leben im hoch vernetzte Informationszeitalter mit ihrem Bedürfnis nach Natur und Sippe in Einklang bringen.

Tiere und Verbrecher sind uns wichtiger als wir uns selbst
Bei Käfigtieren, Gefängnisinsassen oder Bewohnern von Pflegeheimen prangern wir sofort mit Entrüstung unzureichende Lebensbedingungen an. Doch bei uns selbst? Bei uns frei lebenden, modern denkenden und handelnden Zivilisationsbürgern? Stehen wir bereits so nahe an den meist von uns selber erzeugten Gitterstäben, dass wir den Käfig nicht erkennen? Halten wir uns mit aller Kraft so sehr an diesen „goldenen" Gitterstäben fest, dass wir gar nicht merken, wie instabil wir tatsächlich stehen?

Die stetig steigende Zahl an Ausfalltagen aufgrund psychischer Leiden hat in Deutschland mittlerweile die gigantische Zahl von über 60 Millionen Tagen pro Jahr erreicht. Das sind 15 Prozent aller krankheitsbedingten Ausfalltage.

Wir leisten uns damit Jahr um Jahr den Arbeitsausfall von rund 300.000 Menschen. Einerlei, ob Ärzte und Menschen für diese Erkrankungen mittlerweile sensibilisiert sind oder ob wir besser diagnostizieren.

Was so sagenhaft gerne angegeben wird, um nicht am täglichen kollektiven Leistungsprogramm teilnehmen zu müssen, ist offensichtlich ein gefundenes Fressen. Zeigen Menschen Symptome psychischer Überlastungen in Form von Burnout oder gar Depressionen, so hat das immer Gründe.

Gründe, die nicht mit Symptombekämpfung in den Griff zu bekommen sind. Doch über die bloße Symptombekämpfung kommen leider die meisten Gegenmaßnahmen nicht hinaus.

Psychisch bedingte Ausfälle nur die Spitze des Eisberges
Über die Hälfte (52%) der Deutschen sind übergewichtig oder sogar fettleibig. Die Zahl derer, die sich als Sportmuffel oder sogar Antisportler bezeichnen steigt synchron.

Der Durchschnittsdeutsche bewegt sich täglich weniger als eine Stunde - wohlgemerkt inklusive Gang zu Kühlschrank und stillem Örtchen. Wer nicht bekommt, was er braucht, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, der beginnt zu suchen. Und wenn er kein Umfeld hat, das ihm gesunde und förderliche Betätigungen vorlebt, sucht er dort, wo die schnelle Befriedigung versprochen wird.

Jeder Zehnte stillt seinen Hunger nach Erfüllung regelmäßig mit zu viel Alkohol. Ebenso viele schaffen sich emotionalen Ausgleich durch Kaufen.

Dieses Tun isoliert uns und das macht uns Angst. Wir suchen vermeintliche Zugehörigkeit in Social-Media und anderen virtuellen Welten. Bereits 40 Prozent der Nutzer pflegen lieber ihre Onlinebekanntschaften, als sich mit Freunden im realen Leben zu treffen.

Gegen die aufkeimende Angst trotz all dieses Suchens und Tuns dennoch den Anschluss zu verlieren, nimmt ein Viertel der Menschen in Industrienationen Beruhigungsmittel. Diese Zahlen sind leider kein momentaner Peak, sie alle haben steigende Tendenz.

Viele kommen ohne Hilfsmittel gar nicht mehr vom Tun-Modus herunter und werde allein bei dem Gedanken an eine Phase der Ruhe nervös. Auch dies ist bereits ein Krankheitssymptom; die agitierte Depression.

Aber wir leben doch mit Inbrunst
In Deutschland engagieren sich konstant nur 15 Prozent aufrichtig für die Sache ihres Arbeitgebers. Der Rest schiebt Dienst nach Vorschrift oder verhält sich sogar aktiv destruktiv. Dieselben Menschen engagieren sich aber leidenschaftlich in Hobbys aller Art.

Wir sind also nicht per se abgestumpft, sondern finden im täglichen Broterwerb einfach nicht die Art von Befriedigung, die wir brauchen um, glücklich gesund und leistungsfreudig zu sein.

Zwar sind wir nach wie vor eine vor Kraft strotzende Wirtschaftsnation, doch es knirscht deutlich im Gebälk. Glücklich empfindet sich bei der unabsehbaren Raserei die Nation nicht sonderlich und reiht sich weit abgeschlagen auf Rang 26 im internationalen Glücksvergleich.

Leiden wir kollektiv am Deprivationssyndrom?
Leben Mensch und Tier in unzureichenden Umgebungen werden sie krank: Essstörungen, Depression, passive Grundstimmung, Resignation, Angstzustände, Erzwingen von Aufmerksamkeit, geringere Kritikfähigkeit und Frustrationstoleranz, Aggression, geringes Selbstwertgefühl, Leistungs- und Konzentrationsschwäche, schnelle Ermüdung, erhöhte Verantwortungslosigkeit, Gedankenkreise.

Liest sich diese Liste nicht wie ein Situationsbericht nach einem Gang durch deutsche Unternehmen, Fußgängerzonen und Cafés. Einem Blick in Zeitungen, Fernseher und Social Media-Timelines?

Macht die Kleinstfamilie wirklich Sinn?
Auf Dauer geht das nicht gut. Und mannigfach vernehmen wir in den Unternehmen, auf der Straße und im Gespräch mit Freunden und Bekannten, dass es endlich anders werden muss. Nur wie?
Heute wissen wir, die Umgebungsreize der Zivilisation sind zwar in solcher Fülle vorhanden, dass wir von einer Reizüberflutung sprechen.

Allerdings wirken diese Reize nicht besonders tiefgreifend auf uns. Die Folge: wir verflachen in unserer Wahrnehmung und damit in empfundener Lebensintensität. Wir erleben also unseren Alltag als nicht besonders intensiv im positiven Sinne. Dadurch wenig uns selbst betreffend, also wenig erfüllend.

Darüber hinaus leben wir in zunehmend sich auflösenden sozialen Beziehungen. Die Kleinstfamilie ist Standard und mittlere bis größere Verbünde von sich wirklich nahe stehenden Menschen werden immer seltener. Zeit unserer gesamten Menschheitsgeschichte lebten unsere Vorfahren jedoch in Sippen, umgeben von viel Natur. Das ist als Ideal-Standard unverändert in uns gespeichert. Wird dieser Standard nicht erfüllt, werden wir krank.

Wir brauchen Natur und Sippe
Mit regelmäßig genügend Natur und Sippe eliminieren sich die oben genannten Krankheitsphänomene. Sind wir häufig und viel draußen, bewegen wir uns adäquat und haben schlicht nicht das Bedürfnis nach Ersatzbefriedigungen. Wir nehmen uns selbst als aktiv und aktiv gestaltend wahr.

Mit genügend Zeit draußen in der Natur bekommen wir automatisch viel frische Luft und Licht. Das schützt uns vor einer Vielzahl von Erkältungen, Grippen, Unwohlsein und schleichenden Leistungseinbußen. Natürliche Umgebungen regen unsere Gedanken in positive Richtungen an und wir erleben uns als erfrischend kreativ. Eine starke soziale Gruppe gibt uns Zugehörigkeit und das Gefühl, echt gewollt und gebraucht zu werden.

So durchschreiten wir schwierige Lebensphasen weitaus leichter bzw. kommen gar nicht erst so schnell und tief in diese. Durch wertvolle und lebenserfahrene Menschen in unserem Umfeld haben wir beständig Vorbilder und Stützen, die unser Urvertrauen in das Leben aufrecht halten. Und wir selbst: wir erleben uns als Bereicherung für unsere Sippe, wenn wir andere von unserer Lebenserfahrung profitieren lassen. Das macht uns stark - unglaublich stark.

Wir haben mittlerweile leider kollektiv vergessen, wie sehr wir Natur und Sippe brauchen, um körperlich und vor allem geistig gesund zu bleiben und glücklich zu sein. Deshalb werden wir kollektiv krank und immer kränker. Doch es gibt einen Ausweg. Denn, Wunder können auch heute noch wahr werden. Wenn wir Natur und Sippe in unser Leben zurück holen!


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