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Das Netz und ich - Szenen einer Ehe

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"Ich möchte eine Welt, in der Würmer und Insekten endlich wieder schmecken.
Ich möchte eine Welt, in der ich aus einer Toilette trinken kann, ohne Ausschlag zu kriegen.
Ich möchte eine Welt, in der Pinguine ohne Aufnahmeprüfung Polizist werden können."

(Leslie Nielsen in seiner Paraderolle des Polizisten Frank Drebin in der Komödien-Trilogie "Nackte Kanone")

Um es gleich vorab zu schreiben: Ja, ich liebe es! Das Internet! Ich kann mir ein Leben ohne nicht mehr vorstellen. Ich nutze es nahezu überall, ich brauche es. Und ich gab ihm via sozialer Netzwerke und Blog auch schon einiges zurück. Doch mittlerweile hat unsere Beziehung Risse bekommen. Und Sie ahnen es - das liegt eher nicht an mir.

Hallo, werden Sie jetzt vielleicht sagen, dazu hat sich doch letztens erst Sascha Lobo ausführlich geäußert. Der Internet-Vordenker mit dem roten Irokesen schreibt in seinem FAS-Beitrag Abschied von der Utopie. Die digitale Kränkung des Menschen: "Das Internet ist kaputt." NSA-Überwachung, Wirtschaftsspionage und mehr hätten dafür gesorgt, dass aus dem Internet als Ort der Freiheit und Demokratie ein Ort der totalen Kontrolle geworden ist. Lobo muss sich fühlen wie ein Philosophiestudent, der sich nach Jahren intensiven Studiums des Werks von Immanuel Kant entspannt zurücklehnt - bis er die erste Seite von Hegel aufschlägt. Denn der legt das mühsam aufgebaute Weltbild des Studenten sofort in Trümmer.

Sascha Lobo fühlt sich zurecht gekränkt, doch man muss gar nicht - wie er - die ganz große Keule schwingen. Es sind die vielen kleinen Kränkungen, die mich in ihrer Summe an meiner Liebe (ver)zweifeln lassen. Ja, es gibt in einer Beziehung immer Höhen und Tiefen, das weiß ich. Doch mir fehlt zunehmend Respekt und Wertschätzung. Ich habe das Gefühl, dass mich das Internet nicht mehr ernst nimmt. Und ich meine damit nicht nervige Spam-Mails oder offensichtliche Betrügereien aller Art vom angeblichen Millionenerbe in Afrika über abzockende Abmahn-Anwälte bis zum vermeintlich gutbezahlten Job von zu Hause aus.

Liebe Leser, bis hierhin durchgehalten? Gut so, denn nun kommt das, was ich mir von meinem geliebten Netz wünsche:

Ich möchte ein Internet, in dem ich wieder finden kann, was ich suche.
Immer mehr Internetseiten sind Google-optimiert. SEO heißt das Zauberwort in der Branche. Das heißt, dass diese Seiten bei einer Google-Suche weiter oben in der Trefferliste stehen. Problem: Diese optimierten Seiten verdrängen Seiten, die mir wirklich helfen könnten. So erlebte ich zuletzt auf der Suche nach Reisetipps für Prag, dass die Topp-Treffer mehr oder weniger inhaltlich voneinander abgeschrieben waren. Wirkliche Geheimtipps versteckten sich auf Trefferseite 2, wo Texte von Leuten standen, die wussten, wovon sie schreiben.
Geheimtipp: Geheimtipps stehen nie auf der ersten Google-Trefferseite.

Ich möchte ein Internet, in dem mir Überschriften oder Teaser wieder etwas sagen.
"Google will in Ihr Schlafzimmer" lautete kürzlich die Überschrift eines Artikels bei Spiegel Online. Es ging um Googles Kauf der Firma Nest, die unter anderem Thermostate herstellt. Gedeckt war die Überschrift durch nichts, sie lockte eben nur zum Lesen und Anklicken. (Ich habe hier absichtlich nicht auf den Artikel verlinkt.) Die irre Jagd nach den wichtigen Klicks der Internetnutzer findet aber auch bei Facebook statt. Da stehen - von Firmen - kurze, natürlich sensationelle Sätze, dann folgt ein Link. Was auch nur ansatzweise hinter dem Link steckt, erfahre ich erst, wenn ich drauf geklickt habe. Meist ist das dann enttäuschend.
Dieses Spiel mit der dem Menschen innewohnenden Sensationslust hat zumindest bei mir ein Ende. Ich klick da nicht mehr drauf.

Ich möchte ein Internet, in dem es nicht immer nur um die 23 besten Tipps geht, wie man mit links und 40 Fieber durchs Leben gehen kann.
Jeder, aber auch wirklich jeder Optimierungs-Experte erklärt, dass Texte mit Listen besser geklickt werden, zumal ja auch jeder einzelne Tipp angeklickt werden muss. Und natürlich soll das auch in der Überschrift stehen. Das Ergebnis sind krampfhaft gestrickte "Listen-Texte", die ich nicht mehr lesen werde.
Mein Text müsste vermutlich die folgende Überschrift haben: "Mit diesen 7 Tipps haben Sie wieder Spaß im Internet" - oder so ähnlich.

Ich möchte ein Internet, in dem ich nicht eine 30 Sekunden lange Werbung sehen muss, um dann ein 30 Sekunden langes Video sehen zu können.
Ja, Werbung ist wichtig. Sie finanziert viele Internetangebote, weshalb ich auch keine Werbeblocker einsetze. Doch die Verhältnisse müssen gewahrt bleiben. Sie sind es zum Beispiel nicht mehr, wenn einem kurzen Nachrichtenvideo ein langer Werbespot vorgeschaltet ist.
Werbevideos, die länger als 15 Sekunden sind, lassen mich sofort aussteigen.

Ich möchte ein Internet, in dem ich endlich passende Werbung bekomme.
Ich bin eigentlich immer online und gleichzeitig bei Google und Facebook eingeloggt. Die beiden Netz-Giganten sollten mittlerweile mehr über mich wissen als ich selbst. Denn im Unterschied zu mir vergessen die ja nichts. Was ich dann aber an auf mich zugeschnittener Werbung ertragen muss, beleidigt meinen Verstand. Höhepunkt zuletzt: Ich legte bei Amazon eine Blu-ray in den Warenkorb. Nur Minuten später bekam ich auf Facebook die Werbung für eben diese Blu-ray bei Amazon.
Hinterher ist man immer schlauer, oder wie? Ihr sollt mir meine (Werbe-) Wünsche doch schon vorher sagen können.

Ich möchte ein Internet, in dem Texte nicht mit einer Animationsfrage enden.
Und noch ein Tipp aus der Berater-Kiste: Animiere den Leser zum Mitmachen. Und weil der Leser auch oder gerade im Internet doof ist, stelle ihm am Schluss eines Artikels eine Frage. Dann fühlt er sich angesprochen und kommentiert. Leute, das nervt. Besonders dann, wenn es nicht mehr bei einer Frage bleibt. So sinngemäß: "Was hältst du davon? Findest du, dass das der Schritt in die richtige Richtung ist? Oder denkst du, dass das ein Fehler ist? Was hätte die Firma besser machen sollen?" und so weiter...
So werde ich bestimmt nicht kommentieren.

Ich möchte ein Internet, in dem Texte nicht ellenlang sind, nur weil sie ellenlang sein müssen.
Auch ein Ding aus der SEO-Schule. Texte müssen lang sein, will man über Google gefunden werden. In der Kürze liegt die Würze - diese Weisheit gilt im Internet längst nicht mehr. Und so verstopfen immer mehr lange Riemen das Netz, deren Informationsgehalt auch locker in ein Drittel der Textlänge passen würde. Fast genauso schlimm: Blogger, die kein Ende finden wollen, weil sie der Meinung sind, dass jeder ihrer Sätze absolut unverzichtbar ist.
Notiz an mich selbst: Fasse dich auch auf der HuffPo in Zukunft kürzer - das hier ist doch viel zu lang.

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