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"Bloß keinen Streit vom Zaun brechen": Warum wir uns durch Lästern das Leben nur selbst schwer machen

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TWO FRIENDS GOSSIPPING
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Klartext reden, kann doch eigentlich gar nicht so schwer sein ... sollte man meinen.

Ich saß vor Kurzem gemütlich in einem Café, an meinem Nebentisch zwei Damen, die sich lauthals den neuesten Klatsch und Tratsch austauschten: Sie sprachen über die Macken von Promis, lästerten über das Aussehen von Tanja und spekulierten über einen Seitensprung ihres Bekannten Lukas. Sie hätten eben von jemandem erfahren, der jemanden kennt ... Unglaublich!

Mir lag es schon auf der Zunge und glaubt mir, wenn ich die beiden gekannt hätte, hätte ich nicht an mir halten können und gesagt: "Was sagen denn Tanja, Lukas und Co. zu all dem?"

Bedauerlicherweise ist nicht nur bei den beiden aus der Mode gekommen, mit Menschen von Angesicht zu Angesicht zu sprechen - und zwar Klartext.

Hintenrum ist das neue Vornerum

Empörung ist allgegenwärtig: der blöde Nachbar stellt immer seine Mülltonne in den Weg, der Kollege geht zu oft rauchen, der Partner hat diese blöde Angewohnheit, der Freund macht jenes immer falsch...

So viele Menschen hegen Groll und empören sich wahnsinnig schnell über Personen aus ihrem Umfeld. Aber offen ansprechen - nee, das ist zu viel verlangt! Angeblich verbieten Anstand, Moral und die gute Erziehung ein offenes Gespräch.

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Der andere könnte sich schließlich auf den Schlips getreten fühlen, das in den falschen Hals kriegen oder gekränkt werden.

Die Mittel zum Zweck, um ja nicht in Konfrontation gehen zu müssen: Im direkten Kontakt wird verklausuliert, verschleiert und verschönert, was das Zeug hält. Alles nur Tarnung und vor allem nur die Halbwahrheit - dem lieben Frieden wegen versteht sich.

Aber hintenrum, da geben diese unzufriedenen Menschen, die vornerum das schickliche Benehmen an den Tag legen, richtig Gas.

Übereinander statt miteinander

Die Krönung sind besondere Tage, wie der kommerziell aufgeblasene Valentinstag, Geburtstage, Weihnachten, Jahrestage ...

Da ist es für jeden eine Pflichtveranstaltung, die heile Welt vorzuspielen. Friede-Freude-Eierkuchen. Maske auf und los geht's mit den Huldigungen und Schmeicheleien - egal, wie sehr es brodelt.

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Doch woran liegt es, dass die Menschen heutzutage lieber übereinander als miteinander reden?

Für mich ist die Antwort ist ganz einfach und ich muss es in dieser Deutlichkeit sagen: Weil viele Menschen feige Arschgeigen sind! Weil sie Panik vor einem offenen Schlagabtausch haben. Weil sie vor Beklemmung den Mund nicht aufkriegen. Weil sie Angst vor Gegenwind haben.

Klartext braucht das Land!

Natürlich ist nicht immer Zeit, einen Kressetee zu servieren oder Rhabarbersalat zu kredenzen und jeden Käse ausführlich zu diskutieren. Das geht aber auch in rasender Geschwindigkeit - zumindest, wenn die Kultur da ist, in der Menschen ungestraft die Wahrheit sagen können.

Selbst dann ist es nur bedingt einfacher, die Meinung offen auszusprechen. Und ihr seid auch nicht davor gefeit, dass euer Gesprächspartner trotzdem nicht gleich einsichtig ist und eure Meinung "kauft".

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Aber Gewitter reinigen bekanntlich die Luft - auch im Umgang mit Mitmenschen. Es ist doch viel befreiender, wenn die Dinge endlich mal auf den Tisch kommen. Nichts schwelt mehr, kein nervenraubendes Lästern mehr, keine innerliche Zerrissenheit mehr, nichts brodelt mehr unter der Oberfläche.

Ich kann euch sagen: Ihr habt so viel mehr Zeit für die wichtigen Dinge im Leben - denn eure Welt hintenrum existiert nämlich nicht mehr. Wenn ihr in Zukunft keinen Unmut mehr anstaut, werdet ihr ein neues Gefühl der Freiheit erleben.

Und das ist jeglicher Klartext wert - ganz ohne, dass ihr euren Gesprächspartner mit euren Worten brüskiert oder einen beziehungskillenden Streit vom Zaun brecht.

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