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Drum prüfet, wem ihr die Schuld gebt ...

Veröffentlicht: Aktualisiert:
RACISM
kokouu via Getty Images
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„Die Nichtwähler sind schuld an dem grauenhaften Wahlergebnis."

„Merkel ist die Schuldige - wegen ihr ist die AfD so erfolgreich."

„Ohne die blöden Flüchtlinge wäre die Bundestagswahl ganz anders abgelaufen."

Liebe Leute, seid vorsichtig, wem ihr die Schuld für eure schlechte Laune gebt. Denn wer die Schuld hat, hat auch die Macht ...

Finger voraus in die Misere

Schuldzuweisungen sind eben auch schrecklich einfach. So schön bequem. Schließlich können wir dabei mit Vergnügen mit unseren nackten Fingern auf andere zeigen und sehen gleichzeitig nur zu gerne über unseren eigenen Beitrag zur aktuellen Misere hinweg.

Hallo, merkt ihr was? Immer nur Schuld zu verteilen, um selber nicht aktiv werden zu müssen, ist total destruktiv. Denn wenn ihr jemanden für schuldig erklärt für euren eigenen Zustand - ganz nach dem Motto „Du hast etwas getan, deshalb geht es mir jetzt schlecht" -, dann verabschiedet ihr eure eigene Verantwortung auf direktem Wege ins Niemandsland.

Damit entsteht die Krux an der ganzen Geschichte: Solange euer Gegenüber sich nicht entscheidet, sein Verhalten zu ändern, seid ihr in eurer Leidenskammer gefangen. Und das ist einigermaßen schwachsinnig, finde ich.

Die Macht sei mit mir!

Natürlich weiß ich, dass es unzählige grausame Lebenssituationen gibt, in denen einen Menschen keinerlei eigene Schuld trifft. Wenn mich mein Großvater beispielsweise als Kind vergewaltigt hätte, dann wäre sicherlich nicht ich schuld daran gewesen. Aber selbst dann läge es immer noch in meiner Macht, wie ich damit umgehe: ob ich mich entweder in Schockstarre für den Rest meines Lebens aufs Sofa setze und die verschiedensten bunten Tabletten fresse oder ob ich hingehe und meine Zukunft in die Hand nehme.

Das Gleiche gilt in der Partnerschaft. Statt einen Schuldigen dafür zu suchen, dass die Paaraktivitäten sich auf den gemeinsamen Wocheneinkauf beschränken, könntet ihr doch mal einen Vorschlag für einen schönen Abend bringen anstelle der üblichen Anschuldigung. Fällt gar nicht mal so schwer.

Eine Portion Schuld zu vergeben ...

Denn traurig, aber wahr: Wenn ihr die Schuld immer nur bei eurem Gegenüber sucht, werdet ihr auch immer wie ein Abhängiger an seinem Verhaltenstropf hängen. Er hat ja scheinbar als Alleiniger die Macht, sein Verhalten zu ändern - und tut er es nicht, fühlt ihr euch eben weiterhin schlecht. Sorry, aber dann bleibt ihr auch für immer ein Opfer.

Darauf habe ich einfach keinen Bock. Statt einen Schuldigen zu suchen, reflektiere ich mich in solchen ärgerlichen Situationen lieber selbst: Was hat mich an der Situation traurig oder zornig gemacht? Was triggert mich hier eigentlich?

Dann ergeben auch endlich lächerliche Rechtfertigungen in meinem Leben keinen Sinn mehr. Wenn ich zum Beispiel vergessen habe, Milch zu kaufen, brauche ich mich nicht rechtfertigen oder die Schuld zurückschieben. Denn wenn ich wirklich keine gekauft habe, dann habe ich sie definitiv nicht gekauft. Was soll das also? Ich reagiere stattdessen lieber so: „Du hast recht. Wie kann ich das beim nächsten Mal besser machen? Wie kann ich in Zukunft besser daran denken?" Die Reaktion meines Gegenübers könnte mir helfen - und selbst wenn nicht, habe ich zumindest die Verantwortung bei mir behalten und unnötigen Streit vermieden.

Mein Schwachsinn, meine Verantwortung

Ich spreche aus eigener Erfahrung, wenn ich sage: Mit geradem Rücken hinzustehen und die Verantwortung für den eigenen Schlamassel zu übernehmen, ist oft hart. Es dennoch zu tun, schafft aber eine neue Form der Energie, sich aus einer verbockten Situation wieder rauszukämpfen.

Lieber übernehme ich Verantwortung für mein Handeln, als die Schuld abzuschieben und damit die Macht über mein Leben abzugeben.

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