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Was wir von einem skurrilen indischen Brauch über Vertrauen lernen können

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INDIA SITTING BEACH
Raquel Maria Carbonell Pagola via Getty Images
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Herrlich, endlich ist wieder Zeit für einen Teambuildingausflug. Da fährt die ganze Truppe in die Pampa, um sich mal wieder richtig zusammenzuraufen und tiefergehendes Vertrauen zu schaffen.

Schließlich weiß ja auch jeder, dass nur ein funktionierendes Team die besten Resultate fürs Unternehmen erzielt.

Also wird sich blind rückwärts von einem Tisch fallen gelassen. Und, oh Wunder, die Todesmutigen werden auch noch aufgefangen. Wenn das kein Zeichen für wahres Vertrauen ist ...

Absoluter Nonsens! Geht lieber mal zusammen kacken, das schafft wirkliches Vertrauen.

Ohne Mut zur Peinlichkeit kein Vertrauen

Als ich in Indien gelebt habe, kam ich morgens aus meiner Hütte und sah, wie die Fischer unten am Meer ihre Netze einholten. Danach reihten sie sich am Strand auf.

Morgenstund hat ja bekanntlich ... Kurioses zu bieten: Was aus der Ferne komisch aussah, wurde noch skurriler, als ich es mir am nächsten Tag aus der Nähe anschaute: Die setzen sich in einer Reihe an den Strand - und kacken.

Für mich als Europäer war das ziemlich befremdlich und ich fragte mich: Warum zur Hölle ...?

Ich fand es schnell heraus: Am nächsten Morgen half ich den Fischern beim Einholen der Netze und sie luden mich zum Dank zum Abendessen ein. Da saß ich also in einer Hütte zwischen Kokospalmen am Ende des Strands, tunkte Roti in verschiedene Soßen und sah, wieso das gemeinsame Kacken möglich ist.

Unter den Fischern herrscht Verständnis füreinander und tiefes Vertrauen, wie ich es selten gesehen habe. Diese Verbindungen sind angstfrei, brüderlich und von einem Urvertrauen geprägt, das ich in der Nähe dieser Menschen schon fast greifen konnte.

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Als einer der Männer versehentlich in die Soße trat, lachten alle darüber - und er lachte mit. Nichts ist peinlich, nichts unangenehm. In den vielen Stunden, die ich zusammen mit diesen Menschen teilen durfte, gab es stille Hilfe für den, der Hilfe brauchte, und stille Vergebung für den, der etwas Falsches tat oder sagte.

Wenn einer von ihnen etwas nicht zu tun vermochte, trat er auf einen anderen zu, der ihm half. Von Scham oder Peinlichkeit keine Spur - diese Menschen gehen schließlich jeden Morgen gemeinsam aufs Klo, pardon, an den Strand. Was soll da bitte noch peinlich sein?

Niemand kann allein gewinnen

Die Arbeit und das Zusammenleben dieser Menschen ist von einem solch tiefen Vertrauen geprägt, dass sie frei sind, gemeinsam kacken zu gehen. Integrität und Ehrlichkeit sind bei ihnen eine Selbstverständlichkeit, Missgeschicke und Schwächen nicht der Rede wert.

Irgendwie läuft das mit dem Vertrauen bei uns in Europa oft anders. Wir gönnen uns ewige Erklärungstiraden über die Umstände, das Außen, die große ganze Verschwörung, die es uns unmöglich machte, eine Aufgabe erfolgreich, fristgerecht und gut zu erledigen.

Kaum oder gar nicht blüht das zarte Pflänzlein auf, das heißt: "Ich glaube, das schaffe ich nicht allein. Wer kann mir helfen?" Das soll dann also Vertrauen sein? Das Zutrauen, vorher um Hilfe zu bitten - echtes Vertrauen zu haben und Hilfe einzufordern -, fehlt hier doch schlichtweg.

Das alles erlauben wir uns in einer immer komplexer werdenden Arbeits- und Umwelt. Dabei weiß doch im Grunde jeder, dass niemand mehr allein gewinnen wird.

Mehr zum Thema: Wie Arbeit in der Zukunft aussieht und wie Sie sich darauf vorbereiten können

Ich meine: Wenn wir metaphorisch vor dem Arbeiten morgens zusammen kacken könnten, dann könnten echtes Vertrauen und echte Teamarbeit entstehen. Und solche Teambuildingmaßnahmen?

Vollkommen überflüssig. Denn ich glaube tatsächlich: Wer vertraut, wird immer belohnt. Manchmal natürlich auch mit Enttäuschung. Für mich ist das nur ein anderes Gesicht von Vertrauen - davon dürft ihr euch das Herz nicht vergiften lassen.

Eine Portion Schwäche bitte!

Und Vertrauen und Gemeinschaft fangen schon bei Banalitäten an: Die Älteren unter euch erinnern sich vielleicht noch an die Zeit, als es noch keine Navis gab. Da ist das starke Geschlecht dann lieber stundenlang im Kreis geirrt, hat aber ganz sicher nicht nach dem Weg gefragt!

Weil es verpönt war, seine Schwäche einzugestehen. Und das Modell zieht sich bis in die Teamarbeit im Unternehmen durch. Ich möchte euch deshalb auffordern, Mut zu haben. Den Mut, auszusprechen und nicht nur zu denken: "Ich kann das nicht allein, ich brauche Hilfe!" - und damit das gleiche Vertrauen in Teamarbeit zu setzen, wie es die indischen Fischer haben.

Nun ist die Idee, mich morgens mit meinem Team in den Rinnstein zu setzen und meinen Haufen zu machen, auch für mich absonderlich. Übertragen auf Europa geht es jedoch darum, eine Kultur zu schaffen, in der alle sehr eng miteinander sind.

Eine, in der Offenheit, Ehrlichkeit und Integrität kein Vorhaben, sondern Selbstverständlichkeit sind. Eine, in der sich die einzelnen Teammitglieder helfen, anstatt zu denken: "Juhu, die Karriereleiter ist nicht mehr so voll", wenn einer umkippt.

Wenn ihr euch bei der Teamarbeit gegenseitig vertrauen und um Hilfe bitten könnt, hat das mit Schwäche oder Scham nichts zu tun. Nein! Dieses Vertrauen ist eine unglaubliche und unverzichtbare Ressource für erfolgreiche Teamarbeit, Führung, Partnerschaft und jede andere Gemeinschaft.

Ihr merkt schon, Vertrauen liegt mir am Herzen. Deshalb bin ich auch ein Anhänger von sinnvollen Teambuilding-Programmen. Und sich blind in die Arme der Kollege zu werfen, gehört sicherlich nicht dazu. Das ist für mich nur der klassische Griff ins Klo.

(kf)

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