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Nairobi Full Life: Wie Kenias Hauptstadt Ostafrika verändert

08/02/2016 15:21 CET | Aktualisiert 08/02/2017 11:12 CET
Luis Davilla via Getty Images

Jedes Mal denke ich mir: Afrika ist viel länger, als man es mir noch zu Schulzeiten auf einer bunten Schreibtischunterlage weißmachen wollte. Man sitzt eine gefühlte Ewigkeit im Flugzeug, schaut zwei Mal hintereinander Date Night und der kleine Flieger auf dem Bildschirm hängt immer noch in der Sahara fest.

Ist es wirklich so weit ins Paralleluniversum? Gut, irgendwann ist man doch da, im dunklen Land der edlen Wilden. Am Abend holt mich mein Gastgeber Ben vom Flughafen in Nairobi ab. Wir überqueren die Straße zum Parkplatz und steigen ins Auto.

Der Schlüssel gleitet ins Zündschloss, das Radio leuchtet und aus den Lautsprechern ertönt feierlich unser aller Hohelied, die Hymne des Planeten Erde: "Hello from the other side. I must have called a thousand times." Welcome to Africa.

Kenias wachsende Mittelschicht

In Nairobi werde ich in der kommenden Woche einfach nicht den Gedanken los, wie sehr mich Kenias Hauptstadt an Berlin erinnert. Und damit meine ich nicht die vielen architektonischen Missgeschicke oder dass hier pausenlos Adele im Radio läuft.

Hier gibt es die Hello-Swahiliversion, gesungen von der Künstlerin Dela. Ihr Name ist übrigens keine schlechte Kopie in Gestalt eines Anagramms. Die Frau heißt wirklich so und ist ein Star in Kenia. Ich meine auch nicht die Radiomoderatoren, die Tinder-Witze reißen und sich danach halb schlapplachen. Was ich meine, ist die Gründerkultur und das damit verbundene Selbstbewusstsein.

In Nairobi leben viele junge Hochschulabsolventen, die Ökonomen aufgrund ihrer Einkommensentwicklung der stetig wachsenden afrikanischen Mittelschicht zuordnen. Ben und seine Frau Joyce sind ein Beispiel.

Er (Lieblingsmusik: Angelique Kidjo aus Benin) arbeitet für eine Ölfirma, macht abends seinen Master of Economics und betreibt Investmentgeschäfte. Sie (Lieblingsserie: Vampire Diaries) arbeitet als Compliance-Managerin in einer Bank und ist Mitglied eines Chamas. Beide sind vergangenes Jahr vom Süden in den Norden der Stadt gezogen. Da ist es ruhiger, sauberer und die Wohnung ist größer. Auch das kommt einem irgendwie bekannt vor.

Chamas haben sich als Alternative zu Banken entwickelt

Joyce nimmt mich jeden Morgen mit in die Stadt. Der Weg zur Arbeit ist kein leichter. Sieben Kilometer vor dem nördlichen Geschäftszentrum Westlands staut sich der Verkehr. Die vielen Matatus, alte aus Japan importierte und mit WLan nachgerüstete Kleinbusse, blockieren die Hauptverkehrsstraße.

Wer zaudert, verliert. Ein Typ mit rot-weißer Bommelmütze überholt uns auf seinen Rollerskates, bahnt sich einen Weg durch die Mitte und feiert sich selbst. Als ich ihm hinterherschaue, erkenne ich am Horizont eine fettige Salamipizza auf einem riesigen Werbeschild, das über dem Waiyaki Way prangt. Ich glaube, sie war gestern noch nicht da.

Joyce erzählt mir, wie sie vor einigen Jahren mit Freundinnen ihr Chama gegründet hat. Das ist eine Gesellschaftsform, bei der die Teilhaberinnen gemeinsame Investitionen tätigen und sich untereinander Geld leihen.

Zuerst waren es nur Frauengruppen aus Kenia. Mittlerweile gibt es Frauen- und Männerchamas in ganz Ostafrika. Ein Mal im Jahr werden die besten Chama-Konzepte des Landes mit einem Preis ausgezeichnet. Die Banken sind dazu übergegangen Chamas als juristische Personen anzuerkennen, weil ihnen aufgrund der hohen Beliebtheit fast nichts anderes übrigblieb.

Der Unternehmergeist ist in Nairobi besonders ausgeprägt

In Westlands gehe ich täglich vor meinen Terminen in eines der unzähligen Java Houses, die WLan-Cafés der Stadt. Viele fangen von hier aus an, ihre Ideen zu verwirklichen. Überhaupt höre ich erstaunlich oft den Wortfetzen "grow a business".

Im Java House treffe ich Anderson, 28, groß und mit einer tiefen Stimme als er sich zu mir an den Tisch setzt. Stolz verkündet auch er mir: "I am growing a business." Anderson macht in Immobilien. Fertighäuser seien das neue Ding in Kenia, meint er jedenfalls. Raus aus der Wellblechhütte, rein ins kollektive Spießerglück. Die wachsende Mittelschicht soll sich etwas gönnen. Unser Gespräch dauert eine halbe Stunde. Am Ende lädt er mich zu seiner Hochzeit ein.

Seine Rechnung zahlt Anderson, so wie alle anderen, per SMS über M-Pesa. M-Pesa ist ein Bezahlsystem des Mobilfunkanbieters SafariCom, das sich von Nairobi aus nahezu überall in Ostafrika verbreitet hat.

Man muss nur die am Stand, im Geschäft oder auf der Restaurantrechnung abgedruckte Registriernummer des Händlers zusammen mit dem geschuldeten Betrag ins Handy eintippen. Das Geld ist innerhalb von Sekunden verschickt. M-Pesa gibt es nun schon seit fast zehn Jahren. Entsprechend viel wurde über M-Pesa geschrieben.

Daraus hat sich ein gewisses Interesse an der aufkeimenden Startup-Szene Nairobis entwickelt. Sie scheint gar zum Darling hiesiger Journalisten geworden zu sein: "Gott sei Dank, endlich gibt es Gutes aus Afrika zu berichten."

Lieferheld auf Kenianisch

Die Kenianer interessiert all dies nur herzlich wenig. Duncan Muchangi, der Freund meines Kollegen Isaac, ist ohnehin so beschäftigt, dass er sich gar nicht mit mir treffen kann. Er baut gerade HelloFood Kenya auf, also das Pendant zu Deliveroo, Foodora oder wie sie alle heißen. Er schreibt mir, er habe vor vielen Jahren einmal den Ratschlag bekommen jede Kaffeetasse besser abzuwaschen, als die davor.

Wenn das nicht das "afrikanische Sprichwort 2016" wird, dann weiß ich auch nicht. Die Startup-Szene sei auch eine große Blase. Viele scheitern natürlich. Aber das ist in Ordnung. Duncan meint, die Bereitschaft Risiken einzugehen, andere dazu motivieren es ebenfalls zu tun und dann gemeinsam Ideen zu entwickeln und umzusetzen, sei alle Mühe wert.

Was Nairobi ausmache, sei der Unternehmergeist der jungen Leute. Es klingt wie ein Interviewsatz auf gruenderszene.de.

Für einen Termin geht es am Nachmittag in den Stadtteil Hurlingham im Süden Nairobis. Ich habe eine Verabredung mit meinem Bekannten James Shikwati. Er ist Ökonom und Direktor des Inter Region Economic Network, einer Art Denkfabrik für Ostafrika.

James ist kurioserweise - er wird mir diese Bemerkung verzeihen - in Deutschland um einiges bekannter, als in seiner Heimat. Seit etlichen Jahren spricht er sich gegen Entwicklungshilfe aus und wird regelmäßig von den großen Zeitungen interviewt. Vergangenes Jahr erhielt er in Bonn den Walter-Scheel-Preis der Friedrich-Naumann-Stiftung für sein Engagement für junge Nachwuchsunternehmer in der Region.

Wie der Nachwuch gefördert wird

Sein Wettbewerb "Young Innovators in Agribusiness" funktioniert ähnlich wie die BBC Show Dragon's Den. (In den USA heißt es Shark Tank, bei uns lief das Format unter Die Höhle der Löwen.) Auf einer Messe dürfen dreißig Jungunternehmer ihren Elevator Pitch vorstellen.

Mit etwas Glück beißt einer der geladenen Investoren an. Das Gute an James Konzept ist: Die glücklichen Dreißig waren zu Beginn mehr als 200 und von ihnen erhalten alle dieselbe Ausbildung in Agrarwirtschaft. Erst nach einem halben Jahr kommt der Cut.

Joyce will mich auch diesmal um 17.30 Uhr zurück nach Ilri mitnehmen. Aber ich bin spät dran. Nach Westlands geht es deshalb nicht mit dem Taxi, sondern mit dem Uber. Die Idee kam von ihr. Was bei uns vergangenes Jahr gerichtlich untersagt wurde, revolutioniert in Kenia die private Fortbewegung.

Kurz vorweg: Man kann ganze Abende über Uber diskutieren und geteilter Meinung sein. Durch Peter, meinen Uberfahrer, bekomme ich jedenfalls die positiven Seiten der Systemveränderung in Kenia mit. Es gibt reichlich Vorteile für den Kunden, beispielsweise dass die Preise im Vergleich zu Taxifahrten bis zu einem Drittel geringer sind.

Dann natürlich den, dass der Kunde nicht lange nach einem Taxi suchen muss. Zuletzt, dass der Kunde - in diesem Fall meine Wenigkeit - aufgrund der Kostenschätzungsfunktion keinen "Mzungu-Tarif" bezahlt.

Uber formalisiert den Personentransport

Doch auch Peter hat sich durch seinen Jobwechsel eine enorme Gehaltserhöhung verpasst. Vorher war er Matatufahrer und fuhr einen täglichen Umsatz von maximal 3000 Kenianischen Schilling ein, ungefähr 26 Euro. Davon mussten noch das Benzin, der Kassierer und die KFZ-Haftpflichtversicherung bezahlt werden.

Letztere ist mittlerweile überall in der Ostafrikanischen Gemeinschaft vorgeschrieben. Die Uber-App hingegen ermöglicht ihm eine höhere Taktung. So kommt er, jedenfalls solange es noch eine überschaubare Zahl an Uberfahrern gibt, auf das Dreifache. Er grinst bis über beide Ohren, als er lang und breit "up to Nine-Thousand Shilling ... per ... day" jauchzt.

Ein Vorteil darüber hinaus ist, dass Uber den Prozess formalisiert. Viele der Taxifahrer sind nicht registriert. Sie erkaufen sich ihre Fahr- und Standlizenzen durch Schmiergelder. Die Uberfahrer hingegen werden wegen der Vertragsbedingungen mit Uber von Beginn an registriert.

Der Staat weiß somit, dass es sie gibt, wohin sie fahren, wieviel sie einnehmen. Das wiederum freut die Kenya Revenue Authority. Peter ermöglicht es die Eröffnung eines Bankkontos. Zur Zeit finanziert er sein zweites Fahrzeug. Die Digitalisierung packt ein fundamentales Problem afrikanischer Marktwirtschaften, nämlich den informellen Wirtschaftssektor, an der Wurzel.

Der Weg hin zur flächendeckenden Vergabe von Konto-, Versicherungs und Steuernummern ist weit. Doch die Entwicklung dorthin ist unaufhaltsam.

Nairobi Half Life ist nur ein Teil der Geschichte

Kommendes Jahr wird in Kenia gewählt. Auch eine friedliche Wahl wird nach den Unruhen von 2008 ein Signal in die Region aussenden. In Tansania ist mit Präsident Magufuli nun immerhin ein Aufräumer am Werk. Doch in Burundi droht ein Bürgerkrieg, in Uganda gibt es seit 30 Jahren nur Museveni und was Kenia von Ruanda abhebt, ist die Meinungsfreiheit und eine freie Presse.

Joyce meinte zu mir, sie hoffe trotz der im Wahlkampf immer wieder unnötig geschürten ethnischen Rhetorik auf eine gewisse Stabilität. Bereits bei der letzten Wahl 2013 seien an Handybesitzer, also praktisch alle wahlberechtigten Kenianer, SMS verschickt worden. Darin habe gestanden, dass friedliches Miteinander wichtiger seien als ethnische Differenzen. Kenia besteht aus 42 Volksgruppen. Mag da mal einer durchsteigen.

Gerade diese Differenzen haben zu enormen Wachstumsstörungen geführt: Aufstachelungen vor den Wahlen, Enteignungen und Gewalt nach den Wahlen. Viele trieb es in die Haupstadt, um dem zu entkommen. Vor vier Jahren kam mit Nairobi Half Life erstmals ein beachteter Film aus Kenia in die deutschen Kinos.

Er handelt von dem jungen Schauspieler Mwas, der ebenfalls in Nairobi sein Glück versucht. Gewiss bekommen wir darin all die Schattenseiten der Hauptstadt zu sehen. Wir haben es nicht mit Hochschulabsolventen und jungen Gründern als Protagonisten zu tun, sondern mit Schicksalskriminellen, korrupten Polizisten und den Perspektivlosen der kenianischen Gesellschaft.

Selbstverständlich sind meine Impressionen kein exklusives Abbild kenianischer Realität. Auch die vielen Street Boys sind in meinen Gesprächen mit Joyce ein Dauerthema. Aber es ist nicht meine Aufgabe sie an Misstände zu erinnern, um die sie ohnehin weiß.

In einem Punkt gibt sie mir jedoch Recht: Die von Nairobi ausgehende Digitalisierung, das gemeinsame Erarbeiten und Anbieten von Lösungen und die Aufbruchsstimmung können Brücken zwischen den sozialen und ethnischen Gräben schlagen - auch das möglicherweise über Kenia hinaus.

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