Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Jörg Kleis Headshot

HIV und seine Metaphern: Über den Kampf gegen das Stigma

Veröffentlicht: Aktualisiert:
AIDS AFRICAN
BigFive Images via Getty Images
Drucken

In der Kalahari, am Grenzposten Mamuno zwischen Namibia und Botswana, stauen sich zur Mittagszeit die Laster auf der Passage. In einem roten Backsteinhaus stempelt die Beamtin mit leerem Gesichtsausdruck den Pass eines deutschen Reisenden ab. An der Wand hängt Ian Khama, Präsident der Republik Botswana, eingerahmt und mit stoischem Blick auf den Grenzgänger. Viel passiert hier nicht.

Auf dem Tresen, der den Besucher und die Frau trennt, steht eine Holzschale. Sie ist bis zum Rand gefüllt mit Kondomen. Nachdem er seinen Pass zurückerhält, schaut er die Beamtin ein letztes Mal an, richtet seinen Blick auf die Schale, greift beherzt zu und stopft sich die Hosentasche voll. Gelassen sieht der Präsident ihm dabei zu.

Die Schale auf dem Tresen an diesem Ort in Süd-Afrika erzählt eine Geschichte. Weltweit leben 36 Millionen Menschen mit HIV oder Aids. In Botswana ist jeder Fünfte HIV-positiv.

Die wissenschaftsfeindliche Logik der Verunreinigung

Die New Yorker Schriftstellerin Susan Sontag schrieb 1988 in ihrem Essay Aids und seine Metaphern:

„HIV-Positiv zu sein - was im allgemeinen bedeutet, dass man nicht auf das Vorhandensein des Virus, sondern der Antikörper getestet worden ist - wird gleichgesetzt mit krank. ‚Infiziert' heißt von nun an ‚krank'. Das unschätzbare Konzept der klinischen Medizin, wonach ein Mensch ‚infiziert aber nicht krank' sein kann, - der Körper trägt viele Infektionen in sich -, wird gegenwärtig von biomedizinischen Vorstellungen verdrängt, die auf eine Renaissance der wissenschaftsfeindlichen Logik der ‚Verunreinigung' hinauslaufen."

„Wie präsent ist Aids in Afrika?"

Immer wieder bin ich von Bekannten gefragt worden, wie „präsent" das Thema „Aids in Afrika" sei. In Wahrheit wollten sie wissen, wie „sichtbar" es im Vergleich zu Berlin, Hamburg oder Köln ist. Dem wohnt eine subtile Art der Grenzziehung inne. In Botswana kann man jedenfalls die Werbetafeln zur HIV-Prävention kaum übersehen. Selbst wer kein Setswana spricht, erkennt die drei Buchstaben im fremden Wörterwald: „BASIRELETSI BA POPOTA KGATLHANONG LE MOGARE WA HIV."

Vorbei sind die Zeiten, als das Virus angeblich von irgendwo hinter den Bergen kam oder Kartoffelsorten vor einer Infektion schützten. Die HIV-Rate sinkt in Botswana seit über zehn Jahren langsam, aber stetig. Die lückenlose Versorgung mit Medikamenten hat sich verbessert. Doch Menschen berichten von Ausgrenzung und körperlicher Gewalt. Es erinnert an die südafrikanische Aktivistin Gugu Dlamini, die nach Enthüllung ihres Status in ihrem Dorf nahe Durban zu Tode geprügelt wurde.

Verweigerung und Projektion als Abwehrmechanismen

In Deutschland waren die gesellschaftlichen Abwehrmechanismen keine anderen: Verweigerung und Projektion. Erst als die Zahl der Todesopfer die für eine breite Aufmerksamkeit erforderliche Schwelle überschritten hatte, war man zur Auseinandersetzung mit der „Tödlichen Seuche Aids" (DER SPIEGEL, 1983) im Ansatz bereit.

Noch heute, über drei Jahrzehnte später, bekommen Menschen mit HIV im Privat- wie Berufsleben Ausgrenzung, Diskriminierung, Mobbing oder das eigene Karriereende zu spüren. Die Begriffe HIV und Aids werden weiterhin nivelliert, also vertauscht oder gleichgesetzt. Besonders bizarr ist, dass Vorurteile und Unwissen verhältnismäßig oft unter medizinisch ausgebildetem Personal anzutreffen sind. „Mit HIV komm ich klar. Mit Ablehnung nicht", so steht es auf einem Plakat der diesjährigen Kampagne.

Mit einem bestimmten Stigma ist man nicht vollkommen menschlich

All die Jahrzehnte, in denen wir uns selbst die vermeintlich unüberbrückbaren Differenzen zwischen Europa und Afrika glauben machten, haben wir nie die Gleichartigkeit der sozialen Dimension von HIV auf beiden Seiten des Mittelmeeres erkannt: Den Todesopfern in unseren Familien, den verlorenen Freunden und Wegbegleitern folgte die Stigmatisierung, also der Glaube, dass eine Person mit einem bestimmten Stigma nicht ganz, nicht vollkommen menschlich ist.

„Die Griechen schufen den Begriff Stigma als Verweis auf körperliche Zeichen, die dazu bestimmt waren, etwas Ungewöhnliches oder Schlechtes über den moralischen Zustand des Zeichenträgers zu offenbaren. Die Zeichen wurden in den Körper geschnitten oder gebrannt und taten öffentlich kund, dass der Träger ein Sklave, ein Verbrecher oder ein Verräter war, - eine gebrandmarkte, rituell für unrein erklärte Person, die gemieden werden sollte."

Erving Goffman, ein US-amerikanischer Soziologe, schrieb diese Zeilen vor über 50 Jahren. In seinem Buch Stigma ging es um Blinde, Taubstumme oder psychisch Kranke, Kriminelle oder Arbeitslose. Das Virus kannte man damals noch nicht. Heute sind diejenigen die Gebrandmarkten, die es in sich tragen.

Stigmatisierung ist die gedankenlose Diskreditierung des Menschen

Stigmatisierung ist ein dynamischer Prozess. Auf die Abwertung eines bestimmten Verhaltens oder gewisser Eigenschaften eines Einzelnen innerhalb einer Gruppe folgt dessen Abwertung als Person durch diese Gruppe. Dabei kommen gesellschaftliche, wirtschaftliche, kulturelle oder religiöse Faktoren zum Tragen. So konstruieren wir eine Ideologie, die zuerst die Unterlegenheit des Stigmatisierten erklären, dann die von ihm ausgehende Gefährdung nachweisen soll und ihn im Ergebnis als Mensch gedankenlos diskreditiert, meint Goffman.

Typisch an der Stigmatisierung wegen einer Infektion mit HIV in Deutschland ist seither, dass die statistische Spitzengruppe - „Schwule, Huren, Junkies" - den Betrachtern zur übereilten Kategorisierung verhilft, die in der Regel bis heute in einer Vorverurteilung jedes einzelnen Individuums münden. HIV-Positive sind keine vollwertigen Menschen, egal ob Alleinstehende, Weitgereiste, Liebe suchende, Lehrlinge, Professoren, Arbeitslose, Kleinkinder. Sie oder ihre Nächsten waren zu irgendeinem Zeitpunkt ausnahmslos anormal, in ihren sexuellen Vorlieben, ihrem Umgang mit Eigenverantwortung.

Die wissenschaftsfeindliche Logik der Verunreinigung, von der Sonntag damals schrieb, steht weiterhin in direktem Bezug zu unserem jahrhundertealten, religiös geprägten Verständnis von Moral und Amoral und damit dem Konstrukt von Reinheit und Unreinheit. In gewisser Weise ist eine HIV-Infektion die bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts unheilbare „Lustseuche Syphilis" unserer Zeit, die man „sich holt" und die sprachlich insofern einen bewussten und gewollten Akt (der Unvernunft) impliziert, der - anders als bei einer eingefangenen Erkältung - gerade wegen dieses Verständnisses als unentschuldbar gilt.

Was will die stigmatisierende Öffentlichkeit?

2013 stellte der Journalist Axel Denecke im Deutschlandfunk in seinem Dossier HIV-positiv. Leben mit dem Virus, welches mir gleichsam mit meinen Erfahrungen in Botswana als Grundlage für diesen Beitrag diente, die entscheidende Frage: Was will die stigmatisierende Öffentlichkeit? Sie gilt es zu wiederholen.

Will sie etwa die Vollwertigkeit eines Menschen erst wieder nach einer erfolgreichen Heilung akzeptieren, eine Art der Reinwaschung? Einen ernsthaften Akt der Buße, die sich der Einzelne verdienen muss? Oder will sie sich bloß selbst in Sicherheit wiegen und eine Randgruppe allein für die Probleme mit dem Virus verantwortlich machen? „Zum Glück kein HIV, es war nur Syphilis." Wir halten uns für aufgeklärt, doch sind wir einer mittelalterlichen Sexualmoral verfallen.

HIV geht uns alle an

Die Öffentlichkeit sollte sich der Tatsache bewusst werden, dass HIV alle etwas angeht. Wir alle teilen ein allgemeines Lebensrisiko, dem wir uns selbst bei größten eigenen und fremden Anstrengungen nicht vollständig entziehen können. Es ist wesentlicher Bestandteil unserer Existenz. So bedeutsam das Prinzip der Eigenverantwortung auch ist, erwächst aus ihm gerade kein Anspruch der Öffentlichkeit darauf, dass der Einzelne auch tatsächlich verantwortungsbewusst handelt.

Das Stigma durch HIV selbst - und hier schließt sich der Kreis - wird als ein Grund für neue Ansteckungen genannt. Was zunächst undurchsichtig anmutet, ist schnell erklärt. Wer sich aus Angst vor den sozialen Konsequenzen, vor dem Verstecken müssen und der drohenden Ablehnung nicht testen lässt und keine Therapie beginnt, gefährdet andere und sich selbst. Auch das gilt in Europa wie in Afrika.

Stigmen halten keine Ewigkeit

In Botswana werden keine Mauern mehr um die Gelände neu errichteter Kliniken gezogen. „Know your status" ist zu einem Gebot geworden. In der Hauptstadt Gaborone findet jährlich ein Schönheitswettbewerb statt, der in der Hoffnung, dass Stigmen keine Ewigkeit halten, seither einen eindringlichen Namen trägt: „Miss HIV Stigma Free." Auch bei uns, so Denecke, werden Rothaarige nicht mehr als Hexen verbrannt, behinderte Kinder nicht mehr versteckt. Alleinerziehende Mütter sind heute viel angesehener als vor 50 Jahren. Öffentliches „Outing" ist weitgehend anerkannt.

Stigmen halten keine Ewigkeit, das mag sein. Doch sie zu Fall zu bringen dauert und kostet die Beteiligten täglich Kraft. Den dynamischen Prozess der Stigmatisierung umzukehren, sollte uns deshalb über den 1. Dezember hinaus ein Anliegen sein, an allen anderen Tagen des Jahres, auf unser beider Kontinente.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.