BLOG

Afrika, deine Flüchtlinge: Eine Kritik an Politik und Medien

01/09/2015 17:03 CEST | Aktualisiert 01/09/2016 11:12 CEST
Getty

Eigentlich wollte ich ja über Ebola schreiben. Dann kam die Flüchtlingsflut. Aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, dem Balkan, ach, und aus Afrika natürlich. Man verliert so schnell den Überblick.

Afrika, deine Flüchtlinge haben es dieser Tage wirklich nicht leicht. Bei ihnen weiß man nämlich nicht, woran man ist. Kein Assad, kein IS, keine Taliban - vielleicht ist es doch einfach nur zu heiß in Afrika? Fest steht, "Flüchtlinge aus Afrika" haben es geschafft, Ebola von Platz 1 der unbeliebtesten Exporte des Kontinents zu verdrängen.

Was in den vergangenen Monaten zählt, das sind Kategorien. Was weniger zählt, das sind Biographien. Wirtschaftsflüchtlinge, Kriegsflüchtlinge, Bootsflüchtlinge, gute Flüchtlinge, schlechte Flüchtlinge.

Es soll sogar Flüchtlinge mit und ohne Smartphones geben. Jedenfalls sind Nigerianer, Eritreer oder Somalier - nur um "die Afrikaner" zu nennen, die mit bis zu 5 Prozent aller Asylsuchenden überhaupt namentlich in der BAMF-Statistik auftauchen - einmal mehr ihre eigene Kategorie: "Flüchtlinge aus Afrika".

Das gilt nicht nur am sächsischen Gartenzaun, sondern auch bei Politikern, ARD, ZDF und den überregionalen (Online-)Zeitungen. Eine Umschreibung, so herrlich griffig wie schlicht.

Nach ihrer Ankunft auf überfüllten Schlauchbooten verweilen sie hinter NATO-Draht auf Lampedusa oder bahnen sich bei Einbruch der Nacht ihren Weg von Calais nach England. "Flüchtlinge aus Afrika" sind Menschen ohne Identität. Ihre Geschichte ist austauschbar. Wozu bedarf es da noch weiterer Informationen?

Côte d'Ivoire hat den höchsten Ausländeranteil der Welt

Es geht nicht um die Frage nach der Notwendigkeit rechtlicher Kategorien oder um die Einordnung eines Staates als sicheres Herkunftsland. Es ist der irreführende Begriff.

Tatsächlich spielt sich der weit überwiegende Teil der Migrationsbewegungen innerhalb des Kontinents selbst ab. Côte d'Ivoire ist mit geschätzten 40 Prozent das Land mit dem höchsten Ausländeranteil auf der Welt und nicht etwa, wie viele Biodeutsche meinen, die Bundesrepublik.

Die Einwanderer kommen aus den umliegenden frankophonen Ländern wie Senegal, Togo, Burkina Faso, Benin und Niger. Ein weiteres Beispiel sind die Simbabwer in Südafrika. Arbeitsplätze sind ein "pull factor" und das gilt in Afrika wie überall auf der Welt.

Gemessen an den geschätzten Zahlen der Gesamtmigration unseres Nachbarkontinents stellen die Bootsflüchtlinge bestenfalls 3 Prozent.

Neben der fehlenden Differenziertheit ist die Bezeichnung auch politisch höchst bedenklich. Der Verallgemeinerung wohnt ein chronisches Desinteresse von Politik und Medien am afrikanischen Kontinent inne. Ich erinnere an Angela Merkels Antwort an Reem: "Und wenn wir jetzt sagen: Ihr könnt alle kommen, und ihr könnt alle aus Afrika kommen, das können wir auch nicht schaffen."

Oder an Philip Hammond, der gegenüber der BBC sagte: "Europa kann sich nicht schützen und seinen Lebensstandard ... aufrechterhalten, wenn es Millionen von Migranten aus Afrika aufnehmen muss."

Oder an den WDR-Redakteur Georg Restle, der in den Tagesthemen zwar den richtigen Ton zur deutschen Flüchtlingspolitik traf, weil sie nicht die Ursachen bekämpfe, dann aber beispielhaft die Verfehlungen der Bundesregierung kritisierte: Zuerst im Kosovo, dann in Syrien und zuletzt "in Afrika, wo der deutsche Außenminister einen Pakt mit den schlimmsten Despoten des Kontinents schließen will."

Jeder, der sich ein bisschen mit Afrika beschäftigt, erkennt die fehlende Sensibilität der Schöpfer solcher Sätze, ihre mangelhafte Kenntnis, ihre latente Ignoranz - gleichgültig, ob sie im Affekt entstehen. Es wird regelmäßig nicht nach Herkunftsländern oder regionalen Gegebenheiten differenziert.

Diese Pauschalität entspricht einer jahrhundertealten europäischen Tradition einer rassistisch geprägten Erzählweise über unseren Nachbarkontinent. Reicht ja, wenn alle irgendwie gleich aussehen. So sehr man auch über die unbeholfene Wortwahl dieser Tage hinwegsehen möchte, so deprimierend bleibt ihr Kern.

Die Politik hat keine Vision davon, wie Europa und Afrika sich ergänzen können

Die Politik hat keinen Plan. Entwicklungshilfe? Ich bitte Sie. Die Politik hat keine Vision davon, wie Europa und Afrika sich ergänzen können, wie wir uns wieder entdecken können im Sinne einer Philosophie der Eintracht, um es mit den Worten des französischen Denkers Vincent Cespedes zu sagen.

Auf meinen bevorstehenden Beitrag und die Zitate der Obengenannten vergangene Woche angesprochen, meinte ein Freund aus Nigeria zu mir ganz charmant, ich solle Angela Merkel sagen, er habe nicht vor nach Deutschland zu kommen.

Vielleicht sei es doch besser, würde ich über Ebola schreiben. Da wüssten die Leute wenigstens, woran sie seien. "You know, Africa at its best ;-)", so seine Worte.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Umgekehrte Welt: Was wäre, wenn wir auf einmal Flüchtlinge wären?

Hier geht es zurück zur Startseite

Sponsored by Trentino