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Warum man Ourghis 40 Thesen zum Reformislam nicht ernst nehmen kann

27/11/2017 09:57 CET | Aktualisiert 27/11/2017 12:04 CET
mustafagull via Getty Images

In der aktuellen Islam-Debatte wird stark polarisiert zwischen denjenigen, die sich selbst als liberale "Reformer" sehen und anderen Muslimen, denen allzu schnell der Stempel der konservativen bis fundamentalistischen "Hard-Liner" aufgedrückt wird.

Dabei gibt es durchaus gute Gründe seitens "normaler" Muslime etwa den "40 Thesen" von Abdel-Hakim Ourghi zu einer "Reform des Islam" kritisch gegenüberzustehen.

Denn abgesehen von tatsächlich notwendigen Reformen und berechtigter Kritik an Missständen werden hier Thesen genannt, die von den meisten gläubigen Muslimen unterschiedlichster Couleur nicht ernst genommen werden können, weil sie schlichtweg aus der islamischen Glaubenslehre hinausführen.

Der Koran richtet sich nicht nur an Araber

So plädiert Ourghi dafür, dass einzig die mekkanischen Suren des Koran und nicht die Suren, die in medinensischer Zeit offenbart wurden, Geltung haben sollen.

Die Behauptung: "Der humanistisch-ethische Koran reicht als Grundlage für den muslimischen Glauben." (S. 89) ist aber schlichtweg falsch, weil damit mindestens drei der bekannten "Fünf Säulen des Islam" fallen würden, wie bereits von dem Islamwissenschaftler Muhammad Sameer Murtaza dargelegt wurde.

Problematisch ist auch, wenn Ourghi schreibt: "Der Islam ist keine universale Religion, denn der Koran ist eine an die Araber adressierte Religionsschrift." (S.91).

Da könnte eine von Ourghi ausgebildete Lehrkraft im bekenntnis-orientierten islamischen Religionsunterricht - dafür wird er vom Land Baden-Württemberg besoldet - ihren türkischen, bosnischen, pakistanischen und anderen nicht-arabischstämmigen Schülerinnen und Schülern nur sagen:

"Geht alle nach Hause! Euer Bekenntnis zum Islam beruht eigentlich auf einem großen Missverständnis!", und dann selber nach Hause gehen, sofern sie keine Araberin ist!

Muhammad im Glaubensbekenntnis hat nichts mit Polytheismus zu tun

Sehr gewagt ist auch die These: "Das richtige Glaubensbekenntnis des Islam lautet: 'Ich bezeuge: Es gibt keinen Gott außer Allah.'" (S. 105), denn hier fehlt für die allermeisten Muslime der zweite Halbsatz "Und Muhammad ist sein Diener und Gesandter".

Dabei ist es mehr als abwegig, wenn Ourghi behauptet: "Der Versuch, einen zweiten oder dritten Teil hinzuzufügen, ist nichts anderes als Polytheismus." (S. 109) . Unter fast allen islamischen Richtungen und Strömungen besteht Einigkeit darüber, dass Muhammad eben nicht Gott ist, sich selbst nie als dieser verstanden hat und auch nur als "Diener Gottes" verstanden werden wollte.

Ebenso sachlich falsch ist, wenn Ourghi schreibt: "In allen muslimischen Gemeinschaften ist es eine große Sünde, die von der Sunna vorgegebenen Handlungen und Vorschriften zu unterlassen." (S. 124). Denn gerade der Umgang mit der Sunna ist in den verschiedenen islamischen Gemeinschaften sehr unterschiedlich.

Außerdem gilt - je nach Gelehrtentradition - als "große Sünde" eigentlich nur "shirk" (die Vielgötterei), und allenfalls noch die Auflehnung gegen die Eltern, die Tötung eines Menschen, Meineid und dergleichen mehr.

Wissenschaftlich nicht haltbare Thesen

Zu wissenschaftlich unhaltbaren Thesen gehört auch die Behauptung: "Jede Muslimin und jeder Muslim hat die Freiheit, den Koran so zu interpretieren, wie sie oder er will." (S. 49). Das ist eben nicht so, und wäre auch nicht wünschenswert!

Gerade die "aufgeklärten" und "reformerischen" islamischen Theologen bemühen sich weltweit der "freien" und damit willkürlichen Koranauslegung entgegenzutreten.

Gegen eine methodenlose "Bruchsteinexegese" der Extremisten muss eine vernünftige Koranhermeneutik die Verse aus der Offenbarung in ihren historischen Offenbarungskontext einbetten und damit auch mögliche Grenzen ihres Geltungsanspruchs deutlich machen.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

Die Gewaltbereitschaft im Namen des Islam hat ihre Wurzeln im "Self-made Islam" oder "Lego-Islam" von Laien, wie von dem Islamwissenschaftler Michael Kiefer nachgewiesen wurde.

Ourghi will sein Projekt einer "Islamreform" als "differenzierte und sachliche Islamkritik" (S. 11)

verstanden wissen, doch stellt er viel mehr undifferenzierte und unsachliche Behauptungen auf.

Beispielsweise behauptet Ourghi etwa in Bezug auf die letzten beiden Verse der "Eröffnungssure" (Koran 1:6-7: "Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen Du Gnade erwiesen hast, nicht den Weg derer, die Deinem Zorn verfallen sind und irregehen!"):

"Die gesamte muslimische Koranexegese ist der Auffassung, dass mit der ersten Gruppe die Juden gemeint sind und mit der zweiten die Christen." (S. 29 u. S. 214). Der behauptete Bezug der Verse auf Juden und Christen findet sich allerdings nicht im klassischen Kommentar von an-Nisabūrī (gest. 1328) und auch nicht bei dem sufischen Koranexegeten at-Tustarī (gest. 896) oder im berühmten schiitischen Korankommentar von at-Ṭabāṭabāʾī.

Selbst in den Korankommentaren der Wegbereiter des politischen Islam wie Sayyid Qutb (gest. 1966) oder Maudūdi (gest. 1979) sucht man diesen behaupteten Bezug vergebens; ganz zu schweigen von "reformerischen" Auslegungen wie von Said Nursî (gest. 1960) oder Muhammad Asad (gest. 1992).

Unhaltbare Pauschalurteile über den Islam

Wissenschaftlich nicht korrekt sind auch die häufigen Pauschalurteile, die Ourghi fällt. So schreibt er: "Der Islam hat ein gestörtes Verhältnis zur Reflexion." (S. 133) oder: "So ergehen sich die traditionellen Freitagspredigten nicht selten in der Diffamierung anderer Religionen und überhaupt aller Andersdenkender." (S. 143).

Mehr zum Thema: Der Koran lädt zum Respekt vor anderen Religionen ein

Ourghi liefert dafür keinerlei Belege und übergeht stillschweigend die aufwändigen und durchaus kritischen empirischen Forschungen, die islamische Theologen und Religionssoziologen (wie zum Beispiel Rauf Ceylan, Naika Foroutan, Ursula Boos-Nünning u.a.) zu solchen Themen anstellen.

Manche Behauptungen Ourghis sind dabei nicht nur unwissenschaftlich, sondern auch gefährlich; etwa, wenn er behauptet: "Der Unterschied zwischen den salafistischen und den moderaten Imamen besteht darin, dass erstere ihren Glauben in die Tat umsetzen, während die anderen nur daran glauben. Anders gesagt: Es gibt den aktiven und den passiven Islam." (S. 144).

Ourghis Aussage bedeutet, dass er im Prinzip nur den salafistischen Islam als den "wahren Islam" betrachtet, da Glaube nicht vom Handeln getrennt werden kann.

Ourghi bestätigt also den Kurzschluss extremistischer Agitation und spielt so islamistischer Propaganda geradewegs in die Hände. Insgesamt stellt sich die Frage, was abseits von medialer Aufmerksamkeit und Selbstdarstellung mit solchen "Thesen" zu einer "Reform des Islam" erreicht werden soll?

Mehr zum Thema: Warum ein Reformislam der völlig falsche Weg ist

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