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"Was meinen wir, wenn wir in Deutschland von Armut sprechen?"

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Ein von Armut betroffener Mensch in Deutschland | Fabrizio Bensch / Reuters
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Wir alle kennen die Schlagzeilen, die regelmäßig wiederkehrend von den Titelseiten der Zeitungen prangen: "Der Sozialverband warnt vor Armut und Ausgrenzung". "Armut in Deutschland sinkt nur leicht". "Viel Armut - trotz guter Wirtschaftslage". Jedes Jahr auf's Neue verkünden Wohlfahrtsverbände, Kirchen, Think Tanks und NGOs wie viele Menschen in Deutschland in Armut leben oder von Armut bedroht sind.

Und jedes Mal aufs Neue fragt man sich, wie es eigentlich sein kann, dass in einem reichen Land wie Deutschland, das eines der umfassendsten Netze sozialer Dienste und Leistungen durch den Staat aufgebaut hat, Armut so ein verbreitetes Phänomen sein kann. Es lohnt sich ein unaufgeregter Blick auf die Details. Denn was in der politischen und gesellschaftlichen Debatte als 'Armut' bezeichnet wird, ist eine sozialwissenschaftliche Maßzahl, die genauer 'relative Armut' heißt.

Was ist "relative Armut"?

Die Maßzahl 'relative Armut' gibt an, wie viele Menschen weniger als ein bestimmtes Einkommen zur Verfügung haben - die sogenannte Armutsgrenze. So weit, so intuitiv. Entscheidend ist, dass diese Einkommensgrenze nicht etwa absolut definiert ist (z.B. x Euro pro Monat), sondern sie ist relativ definiert, und zwar relativ zum Durchschnittseinkommen. Ganz konkret bedeutet das, dass in Deutschland als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verdient.

Im Jahr 2014 lag dieses Durchschnittseinkommen laut Eurostat bei 19.733 Euro pro Jahr - folglich lag die Armutsgrenze bei 60 Prozent davon, also 11.839,80 Euro pro Jahr. Um die aktuelle Debatte über Armut in Deutschland also wirklich zu verstehen, muss man sich klarmachen, dass hier nicht etwa als arm gilt, wer weniger als ein fest bestimmtes Einkommen hat, sondern wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aufweist.

Das ist keinesfalls selbstverständlich, denn in anderen Bereichen wird mit anderen Armutsdefinitionen gearbeitet, beispielsweise in der Entwicklungshilfe. Hier hat sich in den letzten Jahren eine absolute Armutsdefinition durchgesetzt. Wer 1996 weniger als 1 US-Dollar pro Tag zur Verfügung hatte, galt als sehr arm. Der Wert wird jährlich angepasst an die Entwicklung der Preise. 2015 betrug er 1,90 US-Dollar. UN-Institutionen und NGOs, die in der internationalen Armutsbekämpfung tätig sind, verwenden diese absolute Definition von materieller Armut. Es lohnt sich also zu fragen, warum.

Lebenssituation wird nicht richtig abgebildet

Das Konzept der relativen Armut hat einige entscheidende Schwächen, die immer wieder zu Tage treten. Wenn beispielsweise die Einkommen aller Menschen gleichmäßig steigen - eine Situation, die in Deutschland in den vergangenen Jahren immer wieder eingetreten ist - verändert sich die relative Armutsquote nicht.

Denn wenn sich alle Einkommen parallel nach oben bewegen, verbleibt nach wie vor die gleiche Anzahl an Personen unterhalb der Grenze von 60 Prozent des mittleren Einkommens. Das relative Armutsmaß bildet also die Lebenssituation der Menschen nicht richtig ab. Allen Menschen geht es besser und trotzdem sinkt die Armut scheinbar nicht - das ist ein echtes Problem.

Aber es wird noch schlimmer. Man stelle sich eine Situation vor, in der wieder alle Einkommen steigen, aber die Einkommen der Reichen steigen am stärksten, die Einkommen der Mittelschicht steigen ebenfalls stark und die unteren Einkommen steigen am wenigsten. Hier kann es dazu kommen, dass die Armutsquote steigt, weil das mittlere Einkommen - und somit auch die Armutsgrenze (60 Prozent von mittleren Einkommen) - stärker steigt als die unteren Einkommen.

So rutschen mehr Menschen unter die 60-Prozent-Grenze und die relative Armut steigt. Hier entsteht also ein noch verfälschterer Eindruck von der Lebenssituation der Menschen. Denn obwohl alle Einkommen gestiegen sind und es folglich allen Menschen besser geht, steigt die relative Armut. Zu beiden Situationen ist es in Deutschland in den letzten Jahren übrigens sehr oft gekommen.

Das sind keine theoretisch konstruierten Fallkonstellationen.

Die Absurdität der Situation ist nur schwer zu begreifen. Man stelle sich beispielsweise vor, die gesamte Fahrzeugflotte eines Automobilherstellers verzeichnete weniger Schadstoffausstoß als zu einem früheren Zeitpunkt - und trotzdem würde sie als weniger umweltfreundlich bezeichnet. Die verwendete Maßzahl gibt ein völlig verzerrtes Abbild der Realität wieder und folglich ist es auch wahrscheinlich, dass völlig falsche Entscheidungen aus ihr abgeleitet werden.

Und tatsächlich gibt die relative Armut keine Auskunft über die materiellen Lebensbedingungen der Menschen mit den niedrigsten Einkommen. Sie gibt Auskunft darüber, wie viele Menschen weniger als 60 Prozent von dem haben was die Mittelschicht hat. Relative Armut ist also kein Armutsmaß, sondern ein Maß für die Ungleichheit der Einkommen.

Tatsächliche materielle Lebensumstände bewerten

Wie könnten denn nicht-relative, also absolute Armutsmaße aussehen? Das Statistische Bundesamt bietet eine Vielzahl an Indikatoren an, die einen Eindruck von den tatsächlichen materiellen Lebensumständen der Menschen in Deutschland geben könnten. Absolut messbar ist beispielsweise die Anzahl der Haushalte, die einen Kühlschrank hat (2015 waren das 99,9% aller deutschen Haushalte).

Wir erfahren auch, dass über 97% aller Haushalte mindestens einen Fernseher haben und übrigens bereits über 80 Prozent aller Haushalte sogar einen Flachbildfernseher. Oder wir erfahren, dass die Zahl der armutsgefährdeten Haushalte (also diejenigen, die weniger als 60% des mittleren Haushaltseinkommens zur Verfügung haben), die die Kosten für ihre Wohnung als große Belastung empfinden, seit 2008 von 36 Prozent auf 28 Prozent gesunken ist. Es ist also sehr leicht, Eindrücke zu gewinnen von den tatsächlichen materiellen Lebensumständen der Menschen in Deutschland.

Das Konzept hat eine entscheidende Schwäche

Urteilen wir selbst: Wenn wir über Armut sprechen, meinen wir dann Einkommensungleichheit oder interessiert uns, ob Menschen tatsächlich materielle Entbehrung erleiden müssen? Ich denke, die Diskussion um Armut in Deutschland wäre ehrlicher, wenn wir uns vom kontra-intuitiven Konzept der relativen Armut verabschieden würden.

Denn die entscheidende Schwäche ist: Der Kampf gegen die relative Armut ist niemals zu gewinnen und wird per Definition bis in alle Ewigkeit fortdauern. Die Zahl der Menschen, die in Deutschland unter materieller Entbehrung leiden, geht hingegen stetig zurück - und das ist gut und wichtig so.

Mehr für alle statt Umverteilung

Tatsächlich führt die 'relative Armut' dazu, dass in der Politik die falschen Entscheidungen getroffen werden. Statt Wachstum und Wohlstand für alle in den Vordergrund zu stellen, wird versucht, durch Umverteilung die 'relative Armut' zu beseitigen. Ein leider unmögliches Unterfangen, das im Gegenteil sogar den Abbau der tatsächlichen Armut aufhält.

Daher müssen wir zurück zu Ludwig Erhard, der die heutige Debatte als vollkommen verfehlt einstufen würde. "Der Kuchen muss größer werden", war seine These. Denn nicht der ist satt, dessen Stück im Vergleich zu allen anderen relativ groß ist, sondern nur ein ausreichend großes Stück Kuchen macht satt.

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