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Warum ich dankbar bin, dass mein Arzt 40 Minuten zu spät kam

04/11/2015 16:08 CET | Aktualisiert 04/11/2016 10:12 CET
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Vor kurzem hatte ich einen Termin für eine Ultraschalluntersuchung. Im Wartezimmer der Praxis saß ein Pärchen neben mir, sie sahen nicht sehr glücklich aus. Wie das gesamte Wartezimmer nur wenig später erfahren sollte, hatte sich ihr Arzt verspätet.

Nachdem sie mehrmals deutlich geseufzt und die Sprechstundenhilfe mindestens vierzehnmal gefragt hatten, wie lange es denn noch dauern würde, ließen sie sich gut hörbar darüber aus, wie „verdammt inkompetent" alle in der Praxis doch seien.

Dann wandte sich der Mann mir zu als seien wir im Geiste verbündet und sagte „vierzig scheiß Minuten zu spät! Wir wissen doch alle ganz genau, dass die Ärzte grade einfach nur eine Kaffeepause machen und ihre Zeit mit Papierkram vertrödeln! Warum sonst sollte man sich um halb elf am Vormittag um vierzig Minuten verspäten?"

Er sah mich an und wartete auf meine Zustimmung und darauf, dass ich in die Hasstiraden gegen das Gesundheitssystem mit einstimmen würde. Ich zuckte nur mit den Schultern und erwiderte „na, ich hoffe doch, dass es so ist", ehe ich mich wieder der sieben Jahre alten Klatschzeitschrift zuwandte, die ich gefunden hatte (übrigens, Peter Andre und Katie Price haben sich getrennt? Ernsthaft?).

Als es ihm dämmerte, dass er in mir nicht seine neue beste Freundin gefunden hatte, drehte er sich wieder zu seiner desinteressierten Freundin und verzichtete darauf, mich zu fragen, ob ich das wirklich ernst gemeint hätte. Aber so war es. Ich hatte es wirklich ernst gemeint. Ich hoffte wirklich, dass der Arzt grade auf Facebook unterwegs war oder seine Zeit mit „Papierkram vertrödelte."

Ich erkläre es mal.

Ich war im siebten Monat schwanger mit meinem jüngsten Kind und befand mich grade auf einer Familienfeier, als ich plötzlich starke Blutungen bekam. Ich rief panisch nach meinem Mann und zusammen mit meiner Mutter brachte er mich ins Krankenhaus.

Noch auf dem Weg rief ich im Krankenhaus an, beinahe hysterisch, und eine nette und sehr kompetente Hebamme beruhigte mich. Ich solle direkt in den Kreißsaal kommen, man würde mich dort erwarten. Genauso war es. Ich hatte den Raum kaum betreten, als sich ein Arzt und einige Hebammen meiner bereits annahmen, ohne Zeit zu verlieren.

Ich lag weinend im Bett, fürchtete, mein geliebtes ungeborenes Kind zu verlieren, als man mir unsere Ärztin Elizabeth vorstellte. Unverzüglich überprüfte sie den Herzschlag unserer Tochter.

In kürzester Zeit hielt man einen Scanner bereit und Elizabeth zeigte uns, dass unsere Tochter immer noch am Leben war. In einem Strudel von Handlungsabläufen wurde ich untersucht, an einen Monitor angeschlossen, und es prasselten Informationen auf mich ein, von denen ich nicht ein Wort wirklich mitbekam.

Ich verstand nur, dass man sich darauf einstellte, dass ich unser Kind höchstwahrscheinlich noch in derselben Nacht auf die Welt bringen würde. Als die Blutungen wieder stärker wurden, brachte man mich eilig in einen anderen Raum und legte mich an den Tropf. Es wurden noch eine ganze Reihe anderer Dinge durchgeführt, bis heute weiß ich nicht, was das alles war.

Es war an diesem Samstagabend kaum eine halbe Stunde vergangen, in der ich das Krankenhaus betrat und mit dem medizinischen Fachpersonal bekannt gemacht wurde: dem Anästhesisten, jemandem von der Neugeborenen-Intensivstation und weiteren Ärzten und Krankenschwestern.

Ich konnte das alles nicht richtig verarbeiten, aber ich wusste, dass unsere Situation kritisch war, und sie alles für mich und unser winziges Baby taten. Mir wurden Steroide für die Lunge des Babys verabreicht; Magnesium, um das Gehirn zu schützen, und ich wurde 24 Stunden lang überwacht.

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Um es kurz zu machen, ich habe in der Nacht nicht entbunden. Die Blutungen konnten gestoppt werden, und es stellte sich heraus, dass es dem Kind gut ging. Wir waren noch nicht ganz über den Berg, aber das Schlimmste hatten wir überstanden.

Ich blieb fünf Tage im Krankenhaus, drei Tage lang wurde ich rund um die Uhr überwacht. Eine Hebamme war fast die ganze Zeit bei uns im Zimmer und stündlich wurden alle Werte überprüft. Nach fünf Tagen konnte ich das Krankenhaus verlassen.

Immer noch etwas wackelig auf den Beinen, aber es ging mir soweit gut. Keiner konnte uns sagen, ob es nicht noch einmal zu einer Blutung kommen würde. Für den Rest meiner Schwangerschaft sollten regelmäßig zusätzliche Scans durchgeführt werden, damit sichergestellt werden konnte, dass das Baby und ich gesund waren. Bis zur Entbindung könnte das alles sein.

Aber so war es nicht. Zwei Wochen später bekam ich erneut Blutungen. Sehr viel schwächer zwar, aber erneut verbrachte ich drei Tage im Krankenhaus. Ich wurde entlassen und landete zwei Tage später wieder in der Klinik. Und so ging es weiter. Letztendlich wurde ich siebenmal eingeliefert und wieder entlassen.

Während dieser Krankenhausaufenthalte wurden wir von einem ganzen Stab an Ärzten, Hebammen und Pflegern betreut. Als ich das dritte Mal Blutungen bekam, konnte mein Mann mich nicht ins Krankenhaus begleiten.

Stattdessen verzichtete eine der Hebammen auf ihre Pause und hielt meine Hand, während ich untersucht wurde. Ich wurde an einen Facharzt verwiesen, einen sehr coolen Deutschen, der mich an Boris Johnson erinnerte. Er war sehr direkt, aber brachte mich auch zum Lachen.

Er erklärte mir, dass die Geburt deshalb nicht eingeleitet würde, weil es unserem Kind gut ging. Es gab keine Anzeichen dafür, dass das Kind durch die Blutungen Schaden genommen hätte. In mir drin ging es unserer Tochter im Moment besser als in der Welt draußen.

Jedes Mal, wenn ich wieder eingeliefert wurde, sah der Arzt nach mir. Ganz gleich wie viele Menschen auf ihn warteten und wie beschäftigt er war, die Zeit nahm er sich.

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Bei der fünften Einlieferung war die Blutung sehr stark, und ich war nahe dran, die Hoffnung zu verlieren. Ich redete mir ein, dass ganz egal, was die Ärzte sagten, mit unserem Kind nicht alles in Ordnung sei. Keiner konnte so starke Blutungen haben, ohne dass nicht doch etwas passierte.

Es ging mir furchtbar, und ich stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Eine der Ärztinnen im Team des Facharztes, Eli, kam zu mir und führte die üblichen Untersuchungen durch, wie es jeden Tag getan wurde.

Ich weiß nicht, ob Eli einfach auf jeden Menschen so zugeht, oder ob sie merkte, dass ich mit der ganzen Situation nicht mehr so gut umgehen konnte. Statt einfach mit der üblichen Routine die Untersuchungen durchzuführen und nach zwei Minuten nach den üblichen Fragen mit einem warmen Lächeln wieder zu verschwinden, blieb sie eine ganze Weile bei mir.

Sie sagte mir, dass alles in Ordnung sei und alles wieder gut werden würde. Sie erklärte mir genau, weshalb es dem Baby in meinem Bauch besser ging, und was als nächstes passieren würde. Sie beantwortete Tausend Fragen und ging nicht eher, bis ich mich etwas beruhigt hatte.

Sie wies mich nicht auf die Millionen anderer Dinge hin, die sie grade zu tun hätte, und dass ich sie nur aufhalten würde.

Als entschieden war, dass ich in der 35. Schwangerschaftswoche nun doch entbinden würde, verbrachte meine Hebamme ihre Pause damit, Eis für mich zu besorgen, da ich ihr gesagt hatte, dass ich es brauchen würde.

Eli, dieselbe Ärztin wie zuvor, überwachte alles und schaute ständig nach mir, während ich in den Wehen lag. Sie wollte sehen, ob es mir gut ging, denn sie wusste, dass das nicht der Fall war.

Als meine Fruchtblase platze, und die Möglichkeit einer erneuten Blutung bestand, und damit auch die Möglichkeit eines Notkaiserschnitts, wartete ein Team von Spezialisten bereits, um in einem solchen Fall sofort eingreifen zu können.

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Und jetzt kommt es: Keine dieser Personen hatte wirklich die Zeit dafür. Als ich in der 27. Schwangerschaftswoche eingeliefert wurde, mit Blutungen und voller Panik, hatte keiner der Ärzte und Hebammen einzig zu dem Zweck Dienst, das Leben meines Kindes zu retten.

Weil man mich vor dem Verbluten gerettet hatte, musste ein anderer Patient wahrscheinlich auf seine Behandlung warten. Der Kaiserschnitt einer anderen Patientin wurde wahrscheinlich verschoben, weil darüber entschieden werden musste, ob man mein Kind in der 27. Woche auf die Welt bringt.

Keine Hebamme hatte auf ihrem Dienstplan stehen, stetig an meinem Bett zu sitzen, um sicherzustellen, dass alles seinen richtigen Gang nahm. Als ich kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand, hatte Eli sicherlich anderes zu tun, sie hatte sicher nicht die Zeit, einen Haufen wirrer Fragen zu beantworten.

Sicher hat sich jemand später beschwert, weil er meinetwegen warten musste. Es musste auch jemand warten, weil mein Facharzt die Entscheidung getroffen hatte, dass es das Beste für mein Kind sei, es jetzt auf die Welt zu holen.

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Ich habe seitdem mit vielen Menschen über meine Zeit im Krankenhaus gesprochen und dabei immer wieder ähnliche Geschichten gehört.

Meine Freundin hatte einen Termin für einen Scan ihrer ungeborenen Zwillinge. Dabei stellte sich heraus, dass eines der Kinder im Mutterleib gestorben war. Der Sonographie-Spezialist blieb eine dreiviertel Stunde bei ihr,während sie weinte und auf den Arzt wartete, der entscheiden würde, was als nächstes passieren sollte.

Eigentlich waren für ihren Termin nur 15 Minuten angesetzt. Eine meiner Kundinnen erzählte mir, dass ihre Hebamme alles stehen und liegen ließ, als bei ihr frühzeitig die Wehen einsetzten. Ihr Ehemann war mit der Armee im Ausland und sie war ganz allein.

Als eine andere Freundin die Diagnose Krebs bekam, schob sie ihr Arzt nicht nach zehn Minuten zur Tür raus und bat sie darum, dass sie doch aufhören solle zu weinen und sie möge doch bitte seine Praxis verlassen, er wolle seine anderen Patienten nicht warten lassen.

Ich bin ganz sicher kein Experte was das Gesundheitssystem betrifft, und ich verfüge über keine aktuellen Informationen zu Budgetkürzungen. Ich weiß, dass die vielen Streichungen nicht gut sind, und ich weiß, dass viele Patienten deswegen auf einiges verzichten müssen.

Ich weiß, dass Jeremy Hunt, der Leiter des Ressorts Gesundheit in der britischen Regierung, die Schuld gerne auf die „faulen und gierigen Ärzte" abwälzt. Während ich sehr wohl weiß, dass Letzteres Quatsch ist, weiß ich doch zu wenig über die Abläufe in britischen Krankenhäusern, um hier konkret Stellung zu beziehen.

Aber ich weiß sehr wohl, dass die Ärzte, Schwestern und Hebammen für uns da waren, als meine kleine Tochter und ich sie brauchten. Ja, auch ich musste schon einmal warten. Auch mir wurde morgens schon einmal gesagt, dass sich gleich jemand um uns kümmern würde und letztendlich war es doch Abend, bis es endlich so weit war.

Aber als wir sie brauchten, waren sie da. Und das Ergebnis ist meine gesunde Tochter. Dafür werde ich auf ewig dankbar sein.

Wenn ich also jetzt einmal warten muss, dann hoffe ich, dass mein Arzt grade Solitaire spielt oder seinen Mercedes wäscht. Ich hoffe, dass sie sich verspäten, weil sie auf Facebook hängengeblieben sind oder Kaffee trinken.

Die Alternative wäre - und seien wir mal ehrlich, die Wahrheit - ist, dass sie in dem Moment gebraucht werden und nicht weg können. Sie verspäten sich, weil eine Sache ihrer vollen Aufmerksamkeit bedarf, und sie sich nicht einfach verabschieden können, weil jemand anderes grade wartet.

Die Alternative, sich in einer Woche nochmal mit der Sache zu beschäftigen, weil sie eigentlich grade Besseres zu tun haben, ist einfach nicht gegeben. Das Leben eines Menschen kann nicht warten.

Wie viel einfacher wäre es doch, es meinem guten Freund aus dem Wartezimmer gleich zu tun, und einfach auf die „faulen, nutzlosen Ärzte" zu schimpfen, die einfach ihre „Zeit vertrödeln".

Ich hoffe, dass es so ist.

Wenn die Ärzte, Schwestern, Hebammen und Pfleger irgendwo ihre Zeit vertrödeln, dann bedeutet das, dass sie in dem Moment nicht das Leben eines Patienten retten müssen oder eine Patientin wie ich voller Furcht und Panik der Möglichkeit ins Auge sehen muss, ihr ungeborenes Kind zu verlieren.

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Dieser Artikel erschien zunächst in der Huffington Post UK und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.


Video:Rührende Idee:Ein Arzt lässt sich beim Ultraschall etwas Wundervolles für eine blinde Schwangere einfallen

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