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An die Frau, die sagte, ich hätte meine Kinder nicht unter Kontrolle

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JUNGE
Mutter dachte ihr Sohn hatte ADHS, doch der Arzt gibt ihr eine überraschende Diagnose. | Facebook
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Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem ich endlich eine Erklärung für das Verhalten meines 4-jährigen Sohnes bekam. Es war der 1. April 2016. An diesem Tag ließ ich ihn beim Arzt untersuchen.

Ich dachte, dass bei ihm wie bei seiner 9-jährigen Schwester eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert werden würde. Als ich seiner behandelnden Ärztin die wichtigsten Hintergrundinformationen erläuterte, sah ich, wie ihr plötzlich ein Licht aufging.

Nachdem sie einige Tests dazu gemacht hatte, wie er auf Berührungen reagiert, drehte sie sich zu mir um und sagte: "Er hat nicht ADHS. Er hat eine Störung der Sinnesverarbeitung und es sieht so aus, als hätte er auch eine Störung aus dem Autismusspektrum."

Mein Sohn bekam einen Wutanfall

In meinem Kopf drehte sich alles. Wenn diese Diagnosen bei meinem Sohn wirklich stimmten, dann hätten sie mir doch auffallen müssen, richtig? Sie erklärte mir, dass Störungen der Sinnesverarbeitung oft mit den Symptomen von ADHS verwechselt werden.

Ich erinnerte mich wieder an den Tag, an dem ich den Arzttermin ausgemacht hatte. Mit meinem Sohn und meiner 2-jährigen Tochter im Schlepptau holte ich meine 9-jährige Tochter von der Schule ab.

Als wir auf dem mit Backstein gepflasterten Korridor der Schule standen, begann mein Sohn zu weinen und er bekam einen Wutanfall. Die Sekretärin kam aus ihrem Büro heraus und forderte mich auf, draußen zu warten, da mein Kind die anderen stören würde. Ich ging mit gesenktem Kopf nach draußen, um dort zu warten.

Mein Kind hat eine Sinnesverarbeitungsstörung

Als diese dreistündige Untersuchung vorbei war und ich die Diagnosen erhalten hatte, fuhr ich nach Hause und suchte sofort auf Google danach, was Sinnesverarbeitungsstörungen bedeuten.

Innerhalb von 30 Minuten konnte ich mir endlich einen Reim auf das ganze Leben meines Sohnes machen. Auf die ganzen vier Jahre seines Lebens - ich erfuhr den Grund, warum er so wenig schlief und warum er am liebsten sein Halloween-Kostüm aus Elasthan oder langärmelige T-Shirts trägt.

Endlich wusste ich, wie ich meinem Kind helfen konnte

Ich verstand endlich, was an diesem Tag in der Schule vor sich gegangen war. Der Lärm im Korridor war von den Backsteinmauern widergehallt und das hatte sich so verzerrt angehört, dass es meinem Sohn weh tat und er deshalb einen Wutanfall bekam.

Er zieht sich tausendmal am Tag um. Und auch das ergab jetzt einen Sinn! Endlich wusste ich, wie ich meinem Kind helfen konnte. Ich wusste genau, worauf ich achten musste und was mich erwartete.

Große Selbstzweifel

Ich war erleichtert, weil ich endlich Antworten erhalten hatte. Ich war jedoch auch aufgebracht und verwirrt, weil ich die ganze Zeit gedacht hatte, dass etwas an meiner Erziehung "falsch" war.

"Vielleicht haben die Leute, die in der Öffentlichkeit über meine Fähigkeiten als Mutter tuscheln, ja doch recht", dachte ich mir oft. Nein, es hatte nichts damit zu tun, dass ich eine schlechte Mutter bin - es lag einfach nur daran, dass mir etwas nicht bewusst war, was ich gar nicht kannte.

Den Sohn von Hintergrundlärm abschotten

Am Montag nach dem Arzttermin hatte ich selbst einen Termin bei meinem Frauenarzt. Da mein Mann an diesem Tag keinen Urlaub nehmen konnte, nahm ich meinen Sohn und meine 2-Jährige mit.

Aufgrund meiner neuen Erkenntnis war ich zuversichtlich und ich hatte Spielzeuge für die Sinneswahrnehmung eingepackt, die meinem Sohn halfen. Ich setzte mich im Wartezimmer auf einen Stuhl hinter dem sich noch eine weitere Stuhlreihe befand.

Mein Sohn sah sich auf meinem iPhone mit Kopfhörern YouTube-Videos an, damit er den Hintergrundlärm ausblenden konnte. Dann hängte sich mein Handy auf. Mein Sohn nahm alle Geräusche um sich herum wahr und bekam einen Wutanfall. Hektisch versuchte ich, YouTube wieder zum Laufen zu bringen. Erst als ich es geschafft hatte, konnte ich mich wieder entspannen. Kein Riesenwutanfall!

Und trotzdem flüsterte eine ältere Dame, die hinter mir saß, ihrer Tochter zu: "Kannst du bitte rutschen? Ich kann Eltern nicht ausstehen, die ihre Kinder nicht im Griff haben."

Sie sagte es immerhin so laut, dass ich es hören konnte. Ich drehte mich höflich um und antwortete: "Tatsächlich habe ich mein Kind im Griff. Er hat eine Störung der Sinnesverarbeitung und er ist Autist. Da im April der jährliche Welt-Autismus-Tag stattfindet, sollten Sie sich vielleicht einmal die Statistiken zu beiden Erkrankungen anschauen. Vielleicht informieren Sie sich auch darüber, was diese Krankheiten bedeuten. Denn eines Tages müssen Sie vielleicht selbst ihr Enkelkind gegen die verletzenden Worte von anderen Leuten verteidigen."

Keine Gedanken mehr darüber machen, ob ich eine "schlechte" Mutter bin

Die Dame verstummte und setzte sich mit einem beschämten Gesichtsausdruck auf einen anderen Platz. Zum ersten Mal war ich stolz auf mich selbst und ich war zuversichtlich, weil ich endlich die Antworten bekommen hatte, auf die ich schon so lange gewartet hatte.

Jetzt kann ich meinen Kopf oben behalten und ich muss mir keine Gedanken mehr darüber machen, ob ich eine "schlechte" Mutter bin. Wenn jemand einen beleidigenden Kommentar zu mir oder meinem Kind abgibt, erkläre ich den Leuten ganz genau, warum mein Kind gerade einen Wutanfall hat.

Wutanfälle sind mit nicht mehr peinlich

Es ist mir nicht mehr peinlich, wenn ich meinen Sohn am Eingang eines Geschäfts fest in den Arm nehmen und ihn beruhigen muss, weil es keinen Einkaufswagen im Rennautoformat mehr gibt und er die Struktur der normalen Einkaufswagen nicht mag.

Wenn andere Leute uns beim Betreten des Geschäfts anstarren, dann lasse ich sie einfach starren. Es ist mir egal. Ich erziehe mein Kind und jedes Kind braucht eine andere Art der Erziehung.

Zu verstehen, was los ist, hilft Eltern von Kindern mit besonderen Bedürfnissen am meisten. Wenn endlich alle Puzzleteile zusammenpassen, wird das Leben viel leichter.

Dieser Blog ist ursprünglich bei The Mighty erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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