BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Jobst Knigge Headshot

Ich bin schwul, und das ist nicht normal

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Ein Fußballspieler hat sein Coming-out. Eine grün-rote Landesregierung setzt Homosexualität auf den Lehrplan. Die Mehrheit der Deutschen zeigt dafür Respekt, gleichzeitig ruft eine vernehmbare Minderheit zur Umkehr. Plötzlich wird diskutiert. Natürlich auch in den öffentlich rechtlichen Talkshows. Eine Maischberger Sendung regt auf; schon vor der Aufzeichnung werden die Zusammensetzung der Gästeliste und die Formulierung des Themas kritisiert. Aktivisten organisieren eine Mahnwoche vor dem ARD Hauptstadtstudio. Der Großkolumnist Matussek fühlt sich aufgerufen in der WELT seine eigene Homophobie gutzuheißen. Andere Journalisten reden dagegen. Das Thema Homosexualität in den Medien - ist das gut? Ich glaube ja.

Normalität gibt es nicht

Ich bin schwul! Ich bin nicht normal und will es auch gar nicht sein. Denn was ist normal? Seit 30 Jahren mache ich mir Gedanken um Normalität. Lange hatte ich den Wunsch wie alle anderen zu sein. Ich wollte normal sein, nicht anders. Mein Glück habe ich gefunden als ich verstanden habe: Normalität gibt es gar nicht. Jeder ist anders! Deshalb ist es richtig über Homophobie zu diskutieren. Für einen Dokumentarfilm habe ich mich vor einigen Jahren mit der Aids Krise in den 80er Jahren beschäftigt. „Schwulenpest" oder „Schwulenseuche" wurde der Virus damals genannt. Politiker wie Peter Gauweiler und Hans Zehetmair haben mehr oder weniger deutlich mit schwulenfeindlichen Klischees gespielt, der spätere Papst Benedikt sprach „von der Natur, die sich wehrt".

Aids sorgte für größere Offenheit in der Gesellschaft

Doch die Folge aus dieser grausamen Krise, die tausenden Menschen das Leben kostete, war eine größere Offenheit in der Gesellschaft. Denn Homosexuelle haben sich in die Öffentlichkeit begeben und sprichwörtlich um ihr Leben gekämpft. Und diese Öffentlichkeit hat gesagt: ihr seid mir zwar fremd, aber sterben sollt ihr nicht. Bei allem schrecklichen - für die Schwulen und Lesben in diesem Land war das ein großer Schritt. Auch heute haben die Menschen noch Ängste.

Ich bin sicher: die Gleichberechtigung Homosexueller In Deutschland ist auf dem Weg in die richtige Richtung. Es gibt ein großes Verständnis in breiten Teilen der Gesellschaft. Natürlich gibt es dumme Menschen, vor allem aber sehr viele Ängstliche. Man darf Angst haben vor dem, was man nicht kennt.

Ich versuche den Menschen diese Angst zu nehmen, denn darin habe ich große Erfahrung. Schließlich habe ich diese Ängste vor der eigenen Homosexualität alle selbst durchlebt. Angst hat man vor dem Unbekannten - also stellen wir uns vor! Jedes öffentliche Coming-out von Homosexuellen, jeder Auftritt ist gut. Diese mutigen Menschen schaffen es, das Unbekannte vertraut zu machen. Und nur darum geht es.

Das Gefühl, vom Staat diskriminiert zu werden

Eines gibt es, was ich nicht akzeptiere. Wenn die Bundeskanzlerin mir die Gleichstellung verweigert weil sie „ein schlechtes Gefühl habe", dann werde ich vom Staat diskriminiert. Wegen eines Gefühls? Frau Merkel, das reicht mir nicht. Setzen Sie sich gefälligst hin, recherchieren Sie und treffen Sie eine Entscheidung. Sie sollten in ihrem Amt weder dumm noch ängstlich sein. Dann kann man politisch darüber diskutieren. Wegen eines dummen Gefühls möchte ich nicht diskriminiert werden.

TOP-BLOGS