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Drei Menschen bringen Ägypten Hoffnung

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SAMIRA
Joana Breidenbach
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Ägypten - Wie fänden Sie es, nach dem Aufstehen, zuerst mal die aktuellen Bombendrohungen checken zu müssen, um Ihre Fahrroute zur Arbeit zu bestimmen? In Kairo gehört das für viele Menschen zum Alltag, seitdem die beliebte VerkehrsApp Bey2ollak im Februar angefangen hat über einen twitter hashtag Bombenwarnungen zu melden.

Der hashtag spiegelt das Klima in der Hauptstadt Ägyptens wieder. Schon in den ersten Tagen meines Aufenthalts begegneten mir viel Resignation, Ärger und Angst. Ahmed Abbas, wichtiger Kopf hinter El Barnameg, der erfolgreichsten ägyptischen Satireshow der letzten Jahre, erzählt seinesgleichen sei voll und ganz mit schlichtem Überleben beschäftigt.

Die Show mit Komiker Bassem Youssef, die nach der Revolution als Improvisation auf YouTube gestartet war, sich binnen kurzem aber vor 40 Millionen Zuschauern wöchentlich online und im Fernsehen über die aktuelle politische Lage lustig machte, wurde im Sommer 2014 auf politischen Druck hin abgesetzt. Und gerade sind wieder über 20 Aktivisten und Blogger zu langen Gefängnisstrafen verurteilt worden.

Aber just als ich mich frage, ob ich zum völlig falschen Zeitpunkt ins Land gekommen bin, um digital-soziale Innovationen zu erforschen, begegne ich jungen Leuten wie Samira, Amgad und Hassem. Und stoße auf eine Szene, die, nachdem sich der politische Revolt für viele leergelaufen hat, hochmotiviert versucht, ihre alltäglichen Probleme digital zu lösen.

Blutspender trifft Blutempfänger

Probleme haben beispielsweise Verletzte, die nach einem Bombenanschlag oder Verkehrsunfall schnell eine Bluttransfusion brauchen. Da viele sich die teuren Blutkonserven, die in Krankenhäusern angeboten werden, nicht leisten können, suchen Angehörige oft verzweifelt nach wohltätigen Spendern mit der passenden Blutgruppe. Für diesen Bedarf hat Amgad Morgan Hope entwickelt.

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Amgad

Am Schreibtisch im Greek Campus, einem großen Co-Working Areal unweit des Tahrir Platzes, programmiert er die App, die eigene Angebote sowie die bestehender Blutbanken in einem Twitterfeed zusammenführt und auf einer Karte veranschaulicht. So können Bedürftige schnell und ohne Mittelsmänner direkt mit anonymen Spendern in der Nähe Kontakt aufnehmen. Die Nutzung der Plattform ist kostenfrei und wer kein Smartphone besitzt, kann eines der in Krankenhäusern installierten Tablets nutzen.

Inspiriert von den Absurditäten des Alltags

Auch Samira Negm hat sich von den Herausforderungen des Kairoer Alltags inspirieren lassen. Die Idee zu Raye7 (arabisch für „gehen") kam der 27jährigen während ihrer täglichen Pendelfahrt ins Büro. „Jeden Tag fünf Stunden im Stau stehen. Das ist zu viel," befand die selbstbewusste junge Frau. Während einer Geschäftsreise in Stuttgart hatte sie Mitfahrzentralen kennengelernt. Hierorts gilt es allerdings als gefährlich mit Unbekannten mitzufahren, die meisten Menschen planen ihre Fahrten nicht so weit im Voraus und Geld unter Privatpersonen zu tauschen gilt auch als unangenehm.

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Samira

Mitfahrgelegenheit auf Ägyptisch

Die Grundidee jedoch, dass Bürger sich selbst organisieren um ihre Probleme zu lösen, statt auf den korrupten und inkompetenten Staatsapparat zu warten, erschien Samira einleuchtend. Das war genau das Prinzip, welches in der Januar Revolution gut funktioniert hatte. So begann sie ein Konzept für eine eigene MitfahrApp zu entwickeln. Diese umgeht das Sicherheitsrisiko einer völlig offenen Plattform indem Nutzer soziale Kreise identifizieren, denen sie sich zugehörig fühlen.

Absolventen einer der Privatunis, aber auch Arbeitskollegen, teilen viele Gemeinsamkeiten, können einfach online verifiziert werden und daher problemlos miteinander ein Auto teilen. Das gleiche gilt für die eigenen Facebook-Freunde. Statt Fahrten im Voraus anzumelden bekommen Nutzer von Raye7 Nachrichten zu aktuellen Mitfahrmöglichkeiten übers Smartphone gepusht.

Und um das unangenehme Gefühl bei der Geldtransaktion zu umgehen, arbeitet die App mit einem Punktesystem. Autobesitzer können fürs Mitnehmen Punkte sammeln und sie gegen Geld oder eigene Mitfahrten eintauschen. Mitfahrer ohne Autos zahlen mit Punkten, die von ihrer Handyrechnung abgebucht werden.

Die Umwelt ist nicht so wichtig

Die Zielgruppe der App - junge Berufstätige und Universitätsstudenten - springt der Gründerin zufolge nicht auf die Dienstleistung an, weil sie hilft, die grauenhaft hohe Smogbelastung der 18 Millionen Metropole zu reduzieren. Vielmehr können Autobesitzer etwas Geld verdienen und die steigenden Benzinpreise kompensieren. Zudem sind sie auf ihren langen Autofahrten nicht allein.

Mitfahrer ohne eigenes Auto wiederum sparen sich Busse und Metro, wo viele Frauen sich sexuell belästigt fühlen, bzw. teure Taxifahrten. Wenn die Umwelt auch noch davon profitiert ist das nur eine nette Begleiterscheinung.

Am 1. April 2015 geht die App online und Samira wird sich ihr Vollzeit widmen. Erste Fördergelder hat sie vom Technology Innovation and Entrepreneurship Center der Regierung bekommen.

Online Fundraising mit Barzahlung

Wie stark der Wille sein kann, das Leben im größten arabischen Staat trotz widrigster Umstände zu verbessern, erlebe ich noch am gleichen Abend im Antiqua Khana, einem schönen Café auf der Nilinsel Zamelek. Hier treffe ich Hazem Hassam von Madad (arabisch für „helfen"), einer Spendenplattform für ägyptische NGOs.

Ägypter spenden jährlich fast eine Milliarde USD. Das liegt zum großen Teil an den islamischen Almosenpraktiken Zakat und Sedaqa, die Moslems verpflichten einen Teil ihres Geldes wohltätigen Zwecken zukommen zu lassen. Dennoch ist die Finanzierung für die meisten der 40.000 registrierten NGOs schwer.

Hier kommt Madad ins Spiel, eine Plattform auf der handverlesene, wirkungsvolle NGOs sich mit ihrer Arbeit präsentieren und für konkrete Bedarfe Spenden sammeln. Als Spender hat man die Wahl zwischen zwei „Zahlverfahren": entweder kann man das Geld direkt selbst bei der NGO abliefern - „go to collection point" oder man wählt „cash on delivery" und beauftragt damit einen Kurier das Geld zuhause abzuholen und beim Empfänger vorbeizubringen. Obwohl Madad eine Online-Spendenplattform ist, ist das ägyptische Rechtssystem so restriktiv, dass Spenden nicht online durchgeführt werden können.

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Screenshot von Madad

So zeigt Madad zwei Seiten der digital-sozialen Szene in Ägypten: enorme Hürden, sowie den ungebrochenen Willen junger digital-sozialer Pioniere sich von ihnen nicht beirren zu lassen. Sie gehen ihren Weg und hoffen darauf, dass es eines Tages in Ägypten wirkliches Online Fundraising geben kann.

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