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Fakten als Waffen. Die neue Transparenzplattform Mwazna will die ägyptische Politik versachlichen

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AMR SOBHY
amr sobhy
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Ägypten - Heute nacht wurde in Ägypten eine Website gelauncht, die potentiell deutlich mehr Sprengstoff enthält, als die Bomben, die regelmäßig in Kairo und Alexandria in die Luft gehen. Mwazna heißt auf arabisch "Staatshaushalt" und ist eine Platform, die Bürger ermächtigen soll, die Einnahmen und Ausgaben der ägyptischen Regierung zu verfolgen.

Wo landet mein Geld?

Mit Hilfe übersichtlicher Visualisierungen können Steuerzahler und internationale Geldgeber nachvollziehen wo ihr Geld landet. So ist auf einen Blick ersichtlich, dass die aufgeblasene Bürokratie, Subventionen und Zinszahlungen für die exorbitant hohen Staatsschulden, 75% des Budgets auffressen. Subventionen vergibt der Staat zum Beispiel für Benzin, Kochgas und Brot, aber auch für die gigantische Immobilienblase.

So werden Wohungsbauten in den Wüstenstädten in Kairos Peripherie mit Zuzahlungen und extremen Steuervorzügen angetrieben, obwohl fast niemand in den Satellitenstädten wohnen will, sondern Millionen in die informellen Wohnviertel ziehen.

In den Gesundheitssektor fließen dagegen gerade mal 5% und nur 3% werden für die Jugend ausgegeben - obwohl mehr als die Hälfte der Bevölkerung (57,2%) unter 25 Jahre alt ist. Über eine Zeitachse können Entwicklungen analysiert werden: so hat sich die Schuldenlast in den letzten 4 Jahren mehr als verdreifacht; von 663 Milliarden Ägyptische Pfund in 2009-10 auf 1.4. Billionen ägyptische Pfund in 2013-14.

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Die neue Transparenzwebsite Mwazna ist vorerst nur auf arabisch verfügbar

Mwazna ist das Produkt zweier junger Ägypter, dem Internetunternehmer und Nebenbei-Hacker Amr Sobhy und dem Datenexperten Tarek Amr. Mit Hilfe von Fakten wollen sie die emotional aufgeladene politische Diskussion in Ägypten versachlichen.

Fakten als Waffen

Denn einfache Tatsachen sind eine der machtvollsten Waffen gegen repressive politische Regime. In Staaten wie China, Iran oder Ägypten dominieren staatlich kontrollierte Medien den öffentlichen Diskurs. Die Veröffentlichung von nackten Fakten wirkt in diesem Umfeld höchst disruptiv. Und mit digitalen Medien hat dieser Faktenjournalismus eine effektive Bühne bekommen.

In Ägypten entlarvte schon 2010 ein Blogger die regierungsnahe Zeitung Al Ahram der Geschichtsfälschung: ein Photo, dass den damaligen ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak im Mittelpunkt einer Gruppe hochrangiger Weltpolitiker im Weißen Haus in Washington zeigte, entpuppte sich als Fälschung: ein ägyptischer Blogger veröffentlichte das Original, in dem Obama im Zentrum stand. Die Photoshopping-Aktivität brachte Al Ahram viel öffentliche Schmäh ein.

Ist das Echt?

Heute gibt es in Ägypten eine beliebte facebook-Gruppe die sich mit der Aufdeckung solcher Hoaxes befasst: Da Begad - ist das echt? heißt die Seite auf der Meldungen aus den Medien nachrecherchiert werden. Den über 600.000 Fans werden täglich meist Photos aus ägyptischen Medien gezeigt und ihren realen Quellen gegenübergestellt. So stammt das Bild eines Fußballstadiums, welches vermeintlich am Ort eines der jüngsten gewalttätigen Ausschreitungen aufgenommen worden ist, in Wirklichkeit aus Palästina.

100 Tage Morsimeter

Auch wenn Amr Sobhy erst 26 Jahre alt ist, so ist er dennoch schon ein Veteran des spektakulären Faktenjournalismus. Gleich nach der ägyptischen Präsidentschaftswahl 2012 baute der gelernte Pharmakologe mit einem Kollegen das Morsimeter, eine Website, auf der die Einlösung der Wahlversprechen des gerade gewählten Muslimbruders Mohammad Morsi öffentlich verfolgt werden konnte.

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Das Morsimeter

Morsi hatte im Wahlkampf 64 konkrete Reformen für die ersten 100 Tage seiner Regierung zugesagt - er wollte die Sicherheitssituation im Land ebenso verbessern, wie sich für niedrigere Benzinpreise und besseres Brot einsetzen. Inspiriert vom Obamameter konnte die Weltöffentlichkeit diese Versprechen nun auf einer Website verfolgen.

„Wir arbeiteten mit einem Lean-Ansatz", erzählt Amr als er mir im Innenhof des Greek Campus in Kairo gegenüber sitzt. "Ich war gerade auf dem Weg zum Social Media Forum der Deutschen Welle in Bonn und habe dann innerhalb von 24 Stunden die erste Version des Morsimeters programmiert - der Launch war mitten in der Nacht um 1:30."

Die Website verbreitete sich schnell viral. Als der mit seiner Facebook Seite We Are All Khaled Said berühmt gewordene politische Aktivist Wael Ghonim seinen Millionen Social Media Fans die Seite empfahl, brach der Server völlig zusammen. Viele nationale und internationale Medien von CNN bis zur Tagesschau griffen die Geschichte auf. "Für 100 Tage waren wir Superstars" erzählt Sobhy lachend.

Nach dem erfolgreichen Schnellstart began Sobhy sich damit zu beschäftigen, mit welchen Indikatoren sich der politische Fortschritt realistisch messen ließ. Zigtausende Netizens nutzten damals die Gelegenheit, zu berichten, wie sich ihr eigenes Leben zum Positiven oder Negativen entwickelte - Berichte, die in die Messungen einflossen.

Als CNN über das Morsimeter berichten wollte, es die Seite aber nur auf Arabisch gab, fragten die Aktivisten online: "Hey Leute, wer übersetzt uns das schnell ins Englische?" Kurze Zeit später hatten sie die englische Version crowdgesourced.

Das Erfolgsrezept von Crowdsourcing

Mit Crowdsourcing hatte Amr Sobhy schon vorher Erfahrungen gemacht. Gemeinsam mit seinem Kollegen Abbas Ibrahim, der auch hinter dem Morsimeter steckte, hatte er als Teenager Zabatak gegründet. Auf dieser ersten nutzergenerierten ägyptischen Plattform konnten Bürger Alltagsprobleme, wie gestohlene Autos und baufällige Häuser, melden. Damals lernten die Projektmacher, dass es schwierig ist, den Informationsfluss aufrecht zu erhalten, wenn die Teilnehmer keinen direkten Nutzen sehen.

"Gerade in Entwicklungsländern, in denen grundsätzlich nichts funktioniert, kann man mit solchen Plattformen die Menschen nur kurzfristig bei der Stange halten" erläutert Sobhy. "Denn Crowdsourcing basiert auf den guten Intentionen der Menschen, die oft keinen direkten Nutzen von der Informationseingabe haben. Aber nur, wenn ich wirklich etwas davon habe, bin ich bereit, längerfristig zu einem Service beizutragen.

Ein gutes Beispiel ist die in Ägypten sehr beliebte VerkehrsApp Bey2ollak: da ich jeden Tag davon profitiere, wenn mir Staus und Verkehrshindernisse gemeldet werden, trage ich auch selbst dazu bei. Die App löst ein unmittelbares persönliches Problem und meine Motivation, mitzumachen ist dementsprechend groß."

An politischen Themen dranbleiben, statt sich jeden Tag über etwas Neues aufzuregen

Das Morsimeter wertet Sobhy heute als Erfolg, denn es war ein wichtiger Schritt zur Veränderung der politischen Kultur. „Politik ist in Ägypten hochgradig polarisiert und hat viel mit Emotionen und Identität zu tun. Wir wollten dagegen Fakten und Zahlen ins Spiel bringen und damit das Wahlverhalten verändern."

Statt sich jeden Tag mit einem neuen politischen Skandal zu beschäftigen, den man aber am nächsten Tag schon wieder vergessen hat, sollte das Morsimeter Bürgern helfen, an einem Thema dranzubleiben. Und ein Politiker wurde mal wirklich zur Rechenschaft gezogen. (Der gesamte Report zu den 100 Tagen ist mit Infographiken online einzusehen)

Ebenso wichtig war, das Aktivisten in anderen Staaten anfingen, den open source Code des Morsimeters zu verwenden um eigene Rechenschaftsmesser zu bauen - die erfolgreichste Nachahmung ist das RouhaniMeter, das die Tätigkeiten des iranischen Präsidenten Rouhani unterwacht.

Auch Mwazna, die neue Staatshaushaltsplattform ist mit einer open data API versehen, sodas Nachahmer das Rad nicht neu erfinden müssen, sondern als Transparenztool für ihre eigenen Zwecke einfach adaptieren können.

Der Trend Unterwachung

Das Projekt ist Teil eines weltweiten Trends, der Unterwachung. Auch wenn wir viel von der Macht der Konzerne und Geheimdienste im digitalen Zeitalter hören, so ermöglicht das Internet doch auch eine Unterwachung des Staates durch seine Bürger.

Öffentliche Finanzen sind mittlerweile immer öfter genau das: öffentlich. Britische Steuerzahler können den Staatshaushalt auf Where Does My Money Go verfolgen, während die Open Spending Plattform eine wachsende Anzahl von verfügbaren Finanzdaten zu mittlerweile 73 Staaten verfügbar macht. Auf diese Weise werden hochinteressante international Vergleiche möglich, die im positive Sinn einen Wettbewerb zwischen Staaten und ein gegenseitiges Lernen voneinander ermöglichen können.

Auf diese Weise entsteht eine neue politische Kultur im Netz. Der Journalismusforscher Michael Schudson spricht vom „monitorial citizen", dem überwachenden Bürger: Da es in unserer komplexen Welt nicht mehr möglich ist, alles zu wissen und vollständig informierte Entscheidungen zu treffen, entwickelt sich die politische Teilhabe von Bürgern hin zu digitalem Beobachten - und Einschreiten, wenn etwas nicht richtig läuft. Ein aktiver Bürger zu sein heißt, laut Schudson, ständig als Unterwacher ein Auge auf die Politik zu haben. Ägyptens Bürger haben seit heute ein neues Werkzeug dazu.

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Video:Fakten als Waffen: Die neue Transparenzplattform Mwazna

Dieser Beitrag ist Teil der Reihe "lab around the World".
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