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Die Facebook-Revolution in Ägypten geht weiter. Aber anders als Sie denken

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Während des arabischen Frühlings wurde die Revolution in Ägypten oft als Facebook-Revolution bezeichnet. Über Facebook-Seiten wie "We are all Khaled Said" organisierte sich die ägyptische Zivilgesellschaft und koordinierte ihre Proteste am Tahrir Platz.

Auch heute - vier Jahre nach dem Sturz Mubaraks, des politischen Tumults und der Reinstallierung der alten Elite unter el-Sissi - ist die Bedeutung von Facebook für die Alltagskommunikation ungebrochen. Und statt Katzenfotos zu teilen, nutzen Ägypter das soziale Netzwerk für neue Geschäftsmodelle, Fundraising und progressive Kampagnen.

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Februar 2011 - Demonstranten am Tahrir Platz danken der ägyptischen Jugend und Facebook (via @richardengelnbc)

3000 statt 300 Freunde

In Deutschland haben meine Facebook-Kontakte im Durchschnitt um die 300 Freunde. Hier in Ägypten rangieren die meisten zwischen 2.000-5.000. Facebook ist allgegenwärtig: statt per E-Mail werde ich neuen Gesprächspartnern per Facebook-Nachricht vorgestellt, ständig kommuniziere ich über die Plattform.

Und noch etwas unterscheidet sich: Während immer mehr Deutsche von der banalen Kommunikation - zu vielen Essensfotos und Werbebannern - ernüchtert sind, nutzen viele Ägypter Facebook, um ihre Welt zu verbessern.

Selbst konservative ägyptische Stiftungen, wie Misr El Kheir - vom Bekanntheitsgrad mit "Ein Herz für Kinder" vergleichbar - haben 1,7 Millionen Facebook-Freunde (Ein Herz für Kinder zählt dagegen nur 200.000). Und das erste, was die ägyptische Organisation "Action for Hope" macht, wenn sie in syrischen Flüchtlingslagern ihre Workshops durchführt, ist, für das Lager eine Facebook-Gruppe einzurichten.

Todesnachrichten auf Facebook

Da Ägypten mit ca. 16 Millionen Facebook-Nutzern im ganzen afrikanischen und arabischen Raum die Nummer 1 ist, entstehen immer mehr Unternehmen, die diese Kommunikationskraft für kluge Geschäftsmodelle nutzen, die auch einen größeren sozialen Sinn haben. So El Wafeyat, ein Startup, welches den Umgang mit Todesfällen verändert.

„Wenn jemand stirbt, herrscht große Hektik", erklärt mir Yousef el Samaa, „nach islamischem Brauch muss die Leiche innerhalb von 24 Stunden beerdigt und wenige Tage später mit einer offiziellen Trauerfeier verabschiedet werden. Doch wie sollen die Angehörigen, oft vor Trauer gelähmt, so schnell nicht nur die Formalitäten organisieren, sondern auch noch alle Verwandten, Freunde und Geschäftspartner informieren?

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Yousef el Samaa

El Samaa, ein fokussierter junger Mann, ist einer der Gründer von El Wafeyat, einem Dienst, der Todesanzeigen und Kondolenzschreiben ins Internet holt. Bislang platzieren Ägypter ihre Todesanzeigen für teures Geld in der großen Tageszeitung Al Ahram - die von vielen nur gelesen wird, um zu sehen, ob jemand Bekanntes gestorben ist.

Auf El Wafeyat können Angehörige kostenlos eine Todesanzeige schalten und sie in Echtzeit über facebook und andere Plattformen in ihren umfangreichen Netzwerken weiterverbreiten. Zugleich bietet das Unternehmen einen Newsletter an, der alle Todesanzeigen aggregiert und Abonnenten schnell über aktuelle Fälle informiert. Beileidsbekundungen können ebenfalls online gesendet werden. Und die Kartenfunktion auf Facebook ermöglicht es den Trauergästen pünktlich in der richtigen Begräbnishalle zu erscheinen.

Das Unternehmen, welches auf einem Freemium Model basiert, konnte in den letzten Monaten nicht nur Investments aus dem arabischen Raum einsammeln, sondern wurde in den renommierten kalifornischen Accelerator 500Startups aufgenommen.

Der Markt ist groß: Jährlich sterben allein in Ägypten 500.000 Menschen, bis zum Jahresende möchte El Samaa 1 Millionen Nutzer erreichen und in zwei weiteren arabischen Ländern präsent sein.

Facebook fürs Fundraising

Auch für Yasmin Helal und ihre NGO Educate Me hat sich Facebook als äußerst hilfreich erwiesen. Die 30-Jährige spielte in der Basketball Nationalmannschaft und arbeitete für eine multinationale Telko, bevor sie 2010 ihren Verein gründete, der die Bildungschancen von Slumkindern verbessern will.

Ganz am Anfang startete sie mit einer Facebook-Page, über die nicht nur alle 18 vollzeitbeschäftigte und 87 ehrenamtliche Mitarbeiter rekrutiert wurden, sondern die zur wichtigsten Kommunikationsplattform für die Vereinsaktivitäten avancierte.

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Yasmin Helal - Gründerin von Educate Me

Über 75.000 Fans zählt die Facebook-Community und diese starke Basis ist auch das Rückgrad einiger erfolgreicher Fundraising Aktionen. "Wir haben Crowdfunding betrieben, ohne zu wissen, das es so etwas gibt," sagt Jasmin, als ich sie im Sufi Café auf der Nilinsel Zamelek treffe. Kurz nach Gründung der NGO stellte Yasmin die Bilder von 137 bedürftigen Kinder auf Facebook ein und fand für jedes einen Sponsor, der die Schulgebühren für ein Jahr übernahm.

"Letztes Jahr stand dann plötzlich das Haus, in dem unser Kinderzentrum in Giza untergebracht ist, zum Verkauf. Wir fürchteten um unsere Existenz und beschlossen, den Kaufpreis - ganze 46.000€ - selbst aufzubringen."

Im Juni, während dem traditionellen Spendenmonat Ramadan, riefen sie unter dem Titel "Rettet unser Zentrum" ihre Facebook-Freunde zum Spenden auf: Interessierte mussten bei einer Telefonnummer anrufen und den Betrag, sowie ihre Adresse hinterlassen. Ein Pick-Up Team fuhr dann quer durch Kairo, um die Beträge einzusammeln. Relativ leicht zu erreichende Milestones wurden online groß gefeiert. Die Grafiken erwiesen sich als sehr populär und wurden auf Facebook oft geteilt.

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Zwei Monate später hatten sie ihr Ziel mit 58.000€ weit übertroffen. Insgesamt spendeten 160 Menschen, die meisten von ihnen zwischen 23-35 Jahre alt.

Den Kampagnenerfolg konnte Educate Me gerade wiederholen: Diese Woche kamen über Facebook weitere 58.000€ zusammen, mit denen Stipendien für Kinder finanziert werden können.

Die Internet Revolution Ägypten

Viele Unterstützer konnten auch die Betreiber der Facebook-Seite Internet Revolution Egypt mobilisieren. Angetreten um gegen die hohen Kosten der schlechten Internetverbindung im Land zu protestieren, kamen 2014 innerhalb weniger Wochen über 600.000 Ägypter zusammen.

Mit Aktionen wie "Wir werden mit Wechselgeld bezahlen" legten sie die staatlichen Telekombezahlstellen lahm: Viele Ägypter erschienen mit Säcken voller Kleingeld, um ihre Rechnungen zu bezahlen.


Facebook als Schutzraum

Überwiegen auf Seiten wie der "Internet Revolution" der spielerische Aktivismus, so sind andere Facebook-Gruppen für ihre Mitglieder überlebenswichtig - z.B. für die in Ägypten strafrechtlich verfolgte LGBT-Bewegung.

Als ich Noor und Azza Sultan in einem Kairoer Café treffe, wundere ich mich darüber, dass die beiden unterschiedlichen Frauen den gleichen Nachnamen tragen - bis sie mir lachend erklären, dass die Situation für Homosexuelle in Ägypten viel zu gefährlich sei, als dass sie sich mit einer Unbekannten unter ihrem richtigen Namen treffen würden. Noor und Azza sind Gründungsmitglieder von Bedayaa, einer Organisation, die seit 2010 bemüht ist, Menschen anderer sexueller Orientierung zu stärken und sie vor Verfolgung zu schützen.

Wie die ganze LGBT-Community im Niltal operiert auch Bedayaa im Untergrund - seit Oktober 2013 sind über 150 Menschen wegen „Kuppelei" und „sexueller Ausschweifungen" zu Haftstrafen zwischen 2-12 Jahren verurteilt worden. Die Organisation bietet Kurse zu Internet-Sicherheit - Geolocation im Handy immer ausschalten, keine Fotos öffentlich posten etc. - und verbreiten die Tipps, die die Berliner NGO "Tactical Tech" speziell für die LGBT-Community in MENA Staaten zusammengestellt hat.

Allen Risiken zum Trotz ist das Netz - und vor allem Facebook - für Noor und Azza ein vergleichsweise sicherer Ort. Einer ihrer wichtigsten Anlaufpunkte ist eine
geschlossene Facebook-Gruppe, in der 500 Mitglieder zusammenkommen - alle dem Administrator persönlich bekannt.

Sie nutzen die Gruppe, um kleine Treffen zu organisieren, aber auch, um sich über aktuelle Verhaftungen zu informieren. Sie posten Warnungen vor Orten, an denen Provokateure gesichtet wurden und veröffentlichen Fotos von Spitzeln. Und wenn jemand verhaftet wurde, der sich keinen Rechtsbeistand leisten kann, wird über die Gruppe auch Geld für einen Anwalt gesammelt.

Auf meine Frage, ob sie sich wie viele Deutsche über Facebooks Datenpolitik Sorgen machen würden, schüttelt Noor nur den Kopf. Wie alle meine ägyptischen Gesprächspartner haben sie andere Probleme - und bei einigen von denen kann Facebook sogar sehr konkret helfen.

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