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Die Welt bei uns zuhause

21/04/2016 12:09 CEST | Aktualisiert 22/04/2017 11:12 CEST

Im Flüchtlingslager für schutzbedürftige Personen, Lesbos, März 2016

Letzten Monat traf ich in PIKPA, einem Flüchtlingslager für schutzbedürftige Personen auf Lesbos, drei Frauen mit ihren Kindern. Sie waren alleine von Syrien über die Türkei nach Griechenland gekommen und warteten nun darauf weiterziehen zu können. Nach Deutschland. Aber die Balkanroute war da schon geschlossen und ihr Schicksal ungewiss.

Ihre Geschichten, erzählt in dem kleinen Holzverschlag voller Matratzen, verfolgen mich seitdem. Insbesondere die von Hind, der älteste von ihnen. Von ihren 7 Kindern waren zwei im Krieg in Syrien gestorben. Vier weitere hatte sie auf der Flucht in der Türkei verloren.

Sie war mit ihrem jüngsten Kind, einem Säugling, zum Arzt gegangen und als sie in das Haus, in dem sie auf der Flucht wohnten, zurückkam, war es leer. Der Hausbesitzer hatte die Flüchtlinge verjagt. Über Ecken hörte sie, dass ihre vier Kinder von einer anderen Flüchtlingsfrau mitgenommen worden seien.

Wo sie waren, wußte sie nicht. Den Kontakt zu ihrem Ehemann, auch er auf der Flucht, hatte sie ebenfalls verloren. Alleine mit dem jüngsten Kind machte sie sich auf die Überfahrt nach Lesbos. Ohne Handy und des Lesens und Schreibens unfähig, ist sie um ihre Kinder wieder zu finden völlig auf den guten Willen der Freiwilligen und Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen angewiesen, die auf Lesbos arbeiten.

Immer wieder bricht sie während unseres Gesprächs, vermittelt durch Mariam, eine in Deutschland lebende Syrerin, mit der ich unterwegs bin, in Tränen aus.

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Hind mit ihrem einzig verbleibenden Kind

Zugleich zeigt Hind eine unheimliche Lebenskraft. Aus Dara kommend, dort wo der Widerstand gegen das Assad Regime 2011 began, war sie eine der Frauen, die vor dem Präsidentenpalast in Damaskus protestiert hatten. Sie bittet mich, ihre Geschichte zu erzählen. "NGOs sind sehr nett," sagt sie.

"Sie zeigen uns viel Sympathie. Aber sie haben keinen richtigen Einfluss auf unser Schicksal. Wir müssen von Politikern und Meinungsmachern gehört werden. Denen möchte ich sagen: 'Gebt uns alleinstehenden Frauen eine Chance unser Leben neu aufzubauen.

Wir brauchen Sicherheit und wollen unsere Kinder in die Schule schicken. Wir brauchen keine Spenden. Wir haben viele Fähigkeiten. Ich kann als Schneiderin arbeiten oder in der Landwirtschaft helfen. Wir können viel dazu lernen.'"

Lab Around Flüchtlingsroute

Meine Reise nach Griechenland war Teil eines mittlerweile dreijährigen Forschungsprojekts, des Lab Around the World. In dessen Rahmen erforschen wir im betterplace lab wie zivilgesellschaftliche Initiativen digitale Medien nutzen. Nachdem ich in den letzten Jahren je einen Monat in China und Ägypten verbracht hatte, widmen wir uns dieses Jahr einzelnen Stationen der Flüchtlingsroute. Gemeinsam mit meinem Kollegen Ben und unseren Übersetzern Mariam und Mohsen, versuchte ich Mitte März in Athen und Lesbos herauszufinden, wie NGOs und ehrenamtliche Helfer, ebenso Geflüchtete selbst digitale Tools verwenden.

Unterschiedlichste Welten

Innerhalb einer Woche durchstreiften wir die unterschiedlichsten Welten. Wir trafen Sozialunternehmer aus dem Athener Villenvorort Kifisia und internationale Geeks, die im Athener Anarchistenviertel Exarchia Flüchtlinge aufnehmen.

Wir sprachen mit ehrenamtlichen Helfern aus der ganzen Welt, die auf Lesbos Nothilfe leisten. Wir interviewten die Flüchtlinge selbst in den verschiedenen auf der Insel verstreuten Camps. Wir lasen die Horrornachrichten aus Idomeni. Und während all dessen fanden in Deutschland drei Landtagswahlen statt, in denen die AfD große Gewinne feiern konnte.

Seit einem Jahr ringe ich mit der Flüchtlingsfrage. Bislang waren meine Begegnungen mit Geflüchteten jedoch nur sporadisch. Bei betterplace haben wir das Portal Zusammen für Flüchtlinge ins Leben gerufen. Ich bin ehrenamtlich bei ReDI engagiert, unterstütze die Aktivitäten der Helplinge und versuche in einem Arbeitskreis vom LaGeSo sinnvolle Kommunikationskanäle für Neuankömmlinge zusammenzustellen. In Griechenland dagegen tauchten wir acht Tage ins Flüchtlingsleben ein, lebten inmitten von Flüchtlingen und Helfern, NGOs und Startups, die sich um sie gruppiert hatten.

Es ist eine Sache am Küchentisch über die sich verändernde Welt zu sprechen oder sich körperlich, emotional und intellektuell hineinzubegeben. Der direkte Kontakt läßt ein schwarz-weiß Szenario nicht zu. Statt dessen kommen die vielen Spannungen und Widersprüche zutage, die jede Entwicklung in sich trägt. Meine subjektiven Eindrücke möchte ich hier teilen.

Die Herausforderung, Schicksale nah an sich rankommen zu lassen

Hind war nur eine von über 40 Flüchtlingen, mit denen wir Interviews führten. Die meisten erzählten bedrückende Geschichten: sie waren geflohen, weil Deash-Truppen in ihr Dorf vorgerückt waren und einen Sohn rekrutieren wollten.

Familienangehörige waren in Assads Gefängnissen an den Folgen der Folter gestorben. Anderen wurde ihr ganzes Hab und Gut von Polizisten in der Türkei weggenommen. Oder sie waren von der türkischen Küstenwache zurück an Land geprügelt worden und erst nach sieben Anläufen in Griechenland gelandet. Viele waren in den überfüllten Schlauchbooten fast gekentert.

Zugleich herrschte in den von ehrenamtlichen Helfern organisierten Camps eine lockere, teilweise sogar fröhliche Stimmung. Das Auffanglager Better Days for Moria, idyllisch gelegen in einem Olivenhain, hatte etwas von einem Feriencamp. Zwischen den vielen weißen Zelten, Teestuben und dem liebevoll gestalteten Kinderspielplatz liefen junge Helferinnen hin und her, während ein Clown mit Stelzen, die Kinder zum jauchzen brachte. Viele Helfer hatten auf europäischen Musikfestivals gearbeitet und brachten einen Hauch von Fusion und Melt ins Flüchtlingscamp.

Better Days for Moria

Dies, gepaart mit unserem Forschungsauftrag und der allgemeinen Geschäftigkeit auf Reisen, machte es erschreckend einfach, mich vor der ganzen Wucht der Schicksale, die sich vor uns entfalteten, zu schützen. Immer wieder bedurfte es einer willentlichen Anstrengung -- vergleichbar mit unserer Meditationsübung Five Minutes A Day -- um nicht nur die Geschichten zu hören, sondern mich wirklich für die Menschen vor mir, ihre Verzweiflung, Hilfslosigkeit oder Apathie zu öffnen.

Wie emphatisch kann ich mit AfD-Wählern sein?

Empathie mit jungen, alleinreisenden Müttern und Männern, die offensichtlich ihrer Identität als beschützende Familienväter beraubt sind, fällt mir jedoch viel leichter, als mit denjenigen, die gegen den Flüchtlingszustrom protestieren.

Die lehne ich reflexartig als "dumm, verbohrt und herzlos" ab. Aber auch in meinem Umfeld gibt es AfD-Wähler und wenn ich meine Wut und Verachtung beiseite legen kann, spüre ich bei ihnen Angst.

Angst davor, dass sich unser vergleichsweise "heiles" und wohlhabendes Land verändern wird. Dass eine pluralistischere, unberechenbarere Gesellschaft sie überfordert. Um diese Gefühle nicht zu spüren, machen sie sich emotional dicht und fordern, dass die Grenzen dicht gemacht werden. Und rationalisieren ihre Haltung damit, dass mit Geflüchteten in Deutschland automatisch Sharia und Burka einführen werden würden.

Die Flüchtlingskrise als "zweiter Test" für ein globozentrisches Bewusstsein

Die Flüchtlingswelle übt einen Entwicklungsdruck auf Deutschland (und Europa) aus. Denn plötzlich werden wir praktisch mit etwas konfrontiert, was wir theoretisch schon lange geklärt haben: wir werden gezwungen, die Welt als ein System anzusehen, in dem alle Menschen gleich sind.

Der Holocaust bewirkte einen enormen Bewusstseinsschub. Mit der Universellen Erklärung der Menschenrechte, der Gründung der UN, globalen Kommunikationsnetzen, dem Internationalen Strafgerichtshof usw., entstand die Grundlage für ein Weltbild, in dem statt nationaler Partikularisten, die Menschheit an sich ins Zentrum rückte.

Aber auch wenn das Internet, globale Umweltkrisen und Epidemien, unser Bewusstsein für die "eine Welt" nochmals beschleunigten, konnten wir in Deutschland doch immer noch so tun, als wenn es ein "drinnen" und "draußen" gäbe. Als wenn die Arbeitsbedingungen in Bangladesch, der Elektroschrott vor der westafrikanischen Küste, Diktatoren in ölreichen Staaten des Nahen Ostens, nicht wirklich etwas mit uns zu tun hätten.

"Die Illusion von Europa"

Dann kamen die Flüchtlinge. Und mit einem Mal können wir die Illusion von Europa als Insel der Wohlständigen und Sicheren nicht mehr aufrechterhalten. Der Flüchtlingszug hält uns eine Realität vor Augen, die schon lange existiert, die wir aber so lange ignorieren konnte, wie das Fremde nur als Billigklamotte bei H&M oder Rose aus Kenia in unserem Leben Platz hatte.

Deshalb ist die Flüchtlingskrise wie ein "zweiter Test": Den ersten haben wir bestanden, indem wir in den letzten Jahrzehnten die Konzepte und Institutionen für ein globozentrisches Weltbild entwickelt und unsere Warenwelt auf einem weltweiten Handel aufbaut haben.

Jetzt haben wir die Chance zu zeigen, dass wir auch in der gelebten Praxis Menschen sind, die die Welt als Ganzes in ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit erfassen können. Mit Angela Merkel -- wer hätte das gedacht? -- haben wir eine Kanzlerin, die den großen Bewusstseinsraum, der dafür nötig ist, klar hält.

Wenn wir es schaffen aus der Angst und Lähmung herauszufinden, dann können wir uns auch die vielen konstruktiven Lösungsszenarien anschauen, die für eine Welt, in der perspektivisch noch viel mehr Menschen ihre Herkunftsorte in Folge von Krieg, Armut und Umweltschäden verlassen werden, schon jetzt existieren. Über einige davon spricht Alexander Betts in diesem TED Talk:


Eine gut gemeinte Willkommenskultur wird den realen Herausforderungen der bevorstehenden Integration nicht gerecht

Natürlich ist es unzulänglich von "den Flüchtlingen" zu sprechen, sind sie als Gruppe genauso heterogen wie wir Deutschen. Da gibt es Menschen wie Malakeh Jazmati, eine junge Syrerin, die auf unserem betterplace Neujahrsempfang syrische Köstlichkeiten kochte. Ein Jahr nach ihrer Ankunft in Deutschland versorgt sie mit ihrem Catering Service große Konferenzen und es würde mich nicht verwundern, wenn sie die erste Kopftuchtragende Fernsehköchin Deutschlands werden würde. Auch die jungen IT-affinen Teilnehmer der ReDi -- Schule, einem Coding Bootcamp für Geflüchtete, sind für ihren Weg in Deutschland vergleichsweise gut vorbereitet.

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Die meisten Menschen, denen wir in den Camps auf Lesbos begegneten, waren jedoch wesentlich ungebildeter und zeigten einen geringen individuellen Gestaltungsfreiraum (das, was man im Englischen mit "agency" beschreibt).

Sie, die großen Mut bewiesen hatten, ihre Heimat hinter sich zu lassen, waren zuerst ihren Schleppern völlig ausgeliefert. Nachdem deren Dienstleistung meist mit der Überfahrt nach Europa endete, folgten die Flüchtlinge nun dem Strom der Masse, initiiert von einem informellen Gruppenleiter oder dem zähen und undurchsichtigen bürokratischen Prozess in Griechenland.

Dieser Zustand des Ausgeliefertseins wurde nochmals verstärkt durch die oftmals traumatischen Erfahrungen im Heimatland und auf der Flucht.

Das Internet der Geflüchteten reduziert sich auf WhatsApp&Facebook

Bei unserer Forschungsreise ging es darum herauszufinden, wie Geflüchtete digitale Medien für ihre Orientierung und Informationsbedarfe nutzen. Die Medien sind voller Berichte, dass fast alle Smartphones haben und diese auf der Flucht benutzen. Doch was Handys und das Internet für viele Geflüchtete bedeuten, unterscheidet sich stark von dem, was wir erwarten. Vor vielen Jahren beschäftigte ich mich als Kulturanthropologin mit der Internetnutzung in Entwicklungsländern.

Damals beschrieben Studien, dass Computernutzer, beispielsweise in Ghana, nur Chatrooms frequentierten und darüber hinaus mit dem Internet und World Wide Web nichts anzufangen wußten. Die e-Government Portale der Regierung waren zwar mit viel Geld etabliert worden, gingen aber an den Nutzergewohnheiten und Kenntnissen der Bevölkerung total vorbei.

Eine vergleichbare Situation beobachteten Ben und ich jetzt, zehn Jahre später, unter Flüchtlingen auf Lesbos. Smartphones waren weit verbreitet; bis auf zwei Flüchtlinge, des Lesens und Schreibens unkundige Frauen, besaßen alle ein Handy, meist ein Samsung Smartphone.

Zudem gab es eine Reihe gut gemachter Informationsseiten, darunter Refugeeinfo.eu und first-contact.org, die Neuankömmlingen auf den griechischen Inseln relevante Information in verschiedenen Sprachen zur Orientierung anboten.

Insbesondere Refugeeinfo.org wurde auf großen Plakaten in allen Camps beworben. Doch keiner unser Gesprächspartner kannte die Website oder hatte sie schon einmal besucht. Schnell verstanden wir, dass das Konzept einer Website an sich vielen Flüchtlingen unbekannt war. Für sie bestand das Internet aus WhatsApp und Facebook.

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Die gute Informationsplattform Refugeeinfo.eu findet keine Nutzer

Via WhatsApp und Facebook kommunizieren Flüchtlinge mit Verwandten, Freunden und Schleppern. Während ich in einer vergleichbaren Situation "neutrale" Informationsquellen wie BBC, Al Jazeera oder die Website des UNHCR aufsuchen würde, holen sich Geflüchtete fast alle Informationen aus ihrem privaten Umfeld.

Beachtet man, dass sie aus Ländern kommen, in denen politische Institutionen und Medien parteiisch, korrupt und unzuverlässig sind, ist dieses Verhalten völlig verständlich.

Auf der Flucht verhindert es aber, dass die guten bestehenden Angebote im Bereich der digitalen Flüchtlingshilfe überhaupt genutzt werden. So sagt niemand Hind, der Syrerin, die ihre vier Kinder in der Türkei verlor, das sie diese über eine der Familienzusammenführungs-Dienste wie RefUnite suchen kann. Auch Gerüchte können sich auf diese Weise schnell verselbstständigen. Während unseres Aufenthalts hatte jemand auf Facebook gepostet, die Grenze in Idomeni sei wieder offen. Diese falsche Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer.

Nur weil Geflüchtete Smartphones nutzen, bedeutet das noch lange nicht, dass sie sie so nutzen wie die Mehrzahl der Deutschen. Gerade alle die, die jetzt super engagiert digitale Flüchtlingstools entwickeln, über die Arbeitsplätze und Wohnraum, Deutschkenntnisse und kulturelle Orientierung vermittelt werden sollen, müssen diese anderen Kommunikationsgewohnheiten, Vertrauensformen und Verhaltensweisen miteinbeziehen. Ansonsten sind sie zum Scheitern verurteilt.

Die Flüchtlingswelle als Modernisierungsimpuls

Während die angstvollen und hasserfüllten Gegner der Flüchtlingswelle viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, bleibt der Innovationsruck, der gleichzeitig durch Deutschland geht, weitgehend unterbeleuchtet.

Gerade im Bereich öffentliche Verwaltung und digitale Innovation öffnet die offensichtliche Überforderung alter Strukturen Erneuerern die Türen. Viele beklagen schon seit langem die Bürokratisierung und Intransparenz der Verwaltung, sowie die schlechte Koordination zwischen Bund und Ländern.

Insgesamt hinkt Deutschland im Bereich E-Government hinter vergleichbaren Staaten hinterher. Der neu etablierte behördenübergreifende Datenaustausch im Bereich Flüchtlingsregistrierung könnte jedoch laut Experten der gesamten Digitalisierung der Verwaltung einen Schub geben.

In meinem Arbeitsalltag bei betterplace und im betterplace lab erlebe ich, wie Ministerien zur Bewältigung der Flüchtlingsintegration bereit sind sich auf neue Partner und neue, partizipative Verfahren einzulassen.

So konnten wir u.a. mit dem Innenministerium das Portal Zusammen für Flüchtlinge umsetzen, auf dem soziale Initiativen im Bereich der Flüchtlingshilfe mit Geld- und Zeitspendern zusammen kommen. Gemeinsam mit dem BMZ erforschen wir zudem gerade die Möglichkeiten über digitale Bildungsangebote Fluchtursachen effektiver bekämpfen zu können.

Interessant ist auch eine informelle Arbeitsgruppe digitaler Experten und Sozialunternehmer, die sich um das Berliner LaGeSo gebildet hat. Gemeinsam mit der Leitung der Asylaufnahmestelle entwickeln Vertreter etablierter Sozialverbände (wie der Caritas), digitale Flüchtlingsinitiativen wie clarat und Migranthire, Unternehmen wie Cap Gemini, KnowledgeTools(Disclaimer: dahinter steht mein Mann Stephan) und Zalando, sowie Startups wie Sixtyone Minutes, Projekte, die Flüchtlingen und Helfern bei der Orientierung, Integration und Koordination helfen. Bei den monatlichen Treffen sind immer auch Geflüchtete selbst dabei, so dass die diskutierten Lösungen von Anfang an auf Bedarf und Akzeptanz geprüft werden können.

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Treffen der LaGeSo Arbeitsgruppe bei clarat.org

Ein Boom digital-sozialer Innovation

Weit über betterplace hinaus erleben wir zudem einen Boom digital-sozialer Innovation. Konnten das betterplace lab bislang Deutschland immer nur einen hinteren Platz auf unserem globalen Innovationsindex geben, so beobachten wir seit Sommer 2015 eine Explosion digitaler Angebote, die sich den Bedürfnissen der Geflüchteten annehmen.

Mein Kollege Ben Mason hat dazu gerade einen guten Artikel für den Stanford Social Innovation Review geschrieben. (Eine Übersicht über die Projekte bietet dieses Google Doc vom betterplace lab, sowiedie Sammlung von Metacollect)

Aber auch in Griechenland konnten Ben und ich eine Reihe von inspirierenden Initiativen besuchen. Die digitale Flüchtlingszene wird hier von einer Gruppe junger Sozialunternehmer dominiert, die wir im Social Impact Hub in Athen trafen.

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Ioanna Theodorou von Startup Aid und Campfire, zwei weiteren Initiativen, die im Umfeld von Startup Boat entstanden sind, erzählt mir wie MarhaCar im Herbst 2015 startete

Damit die vielen gut gemeinten Initiativen auch wirklich entlang des Bedarfs entwickelt werden, startete die junge Deutsch-Griechin Paula Schwarz im Sommer 2015 das Startup Boat.

Einmal im Monat treffen sich eine Gruppe sozial Engagierter und entwickeln vor der Küste von Lesbos sinnvolle technologische Projekte. Eines davon ist MarhaCar, ein gut funktionierendes, auf WhatsApp und Google Docs basierendes Logistikprojekt. Hier werden ehrenamtliche Helfer vor Ort von weltweit verstreut sitzenden Dispatchern koordiniert, um bedarfsgenau Sachspenden aus den auf der ganzen Insel verstreuten Lagerhäusern in die Flüchtlingscamps zu bringen.

Was MarhaCar alles richtig macht

MarhaCar ist eine Netzwerkorganisation, die ohne digitale Tools undenkbar wäre. Die drei Kernmitarbeiter sitzen in den USA und Malaysia und sind sich bislang nur auf Skype begegnet. Amanda, eine ehemalige Lehrerin aus Texas, hat MarhaCar als NGO registrieren lassen und organisiert die Trainings der Dispatcher.

Den Dispatchern sagt sie „Es ist so, als ob Du ein Videogame spielen würdest. Du musst Aufgaben erledigen und kannst verschiedene Levels erreichen". In Kuala Lumpur analysiert ihre Kollegin Ayu die Daten. Sie weiß in Echtzeit, wo welche Versorgungsengpässe bestehen. Über 50 Helfer waren bislang schon im Netzwerk aktiv und können je nach Bedarf kurzfristig aktiviert werden. Alle sind voller Elan und begeistert dabei. (Mein ausführlicherer Artikel zu MarhaCar ist gerade in der Huffington Post erschienen)

Unter den Hunderten von Apps, Plattformen und Websites, die in der Flüchtlingshilfe momentan zum Einsatz kommen, ist Marhacar deshalb so interessant, weil sie vieles richtig machen.

Der Service ist aus der gelebten Praxis heraus entstanden und erfüllt einen wirklichen Bedarf. Er basiert auf bekannten Tools, so dass niemand neue Technologien erlernen muss. Es ist sowohl möglich vor Ort Nothilfe zu leisten, als auch weit entfernt von Zuhause beizutragen. Die Organisation ist als Netzwerk aufgebaut und kann sich dadurch extrem flexibel auch kurzfristig auf neue Situationen einstellen. Sie können wachsen oder schrumpfen oder den Service auf andere Orte verlegen.

Widersprüche aushalten und den nächsten Schritt gehen

Ich kann halbwegs einschätzen, welche digitalen Technologien bessere oder schlechtere Chancen haben, den Flüchtlingen zu helfen. Ich habe aber keine vergleichbar einfache Antwort auf die komplexen Herausforderungen, die uns in den nächsten Jahren bevorstehen.

Denn ich bin mir sicher, dass die Integration von einer Millionen Flüchtlingen noch die kleinste Übung sein wird. Wir sehen, dass unser globales Wirtschaftssystem nicht mehr funktioniert. Wir sind von den politischen Parteien desillusioniert. Wir stehen vor einem möglichen Kollaps unserer Umwelt. Wir stehen an einer Schwelle, wissen aber noch nicht, was dahinter kommt.

Wir haben das Potential in eine multiperspektivische, globozentrische (Welt)Gesellschaft hineinzuwachsen. Die Flüchtlingswelle ist dazu ein wichtiger Anstoß. Zugleich wäre es naiv anzunehmen, dass dies ein einfacher Schritt wäre und wir schnell Lösungen produzieren könnten.

Zum Globozentrismus gehört vielmehr dazu, dass wir vom Solutionism Abstand nehmen, es aushalten mit Ambiguitäten und Widersprüchen zu leben und dennoch unseren Weg gehen.

P.S.

Gestern habe ich Nachricht von Hind bekommen: Sowohl ihre Kinder, als auch ihr Mann sind in Deutschland, wenn auch jeweils in unterschiedlichen Bundesländern. Hind selbst hofft Lesbos bald verlassen zu können und ihnen nachzureisen.

Ich wünsche ihr und den anderen Flüchtlingen, die uns auf Lesbos ihr Vertrauen schenkten, dass sie in ein Land kommen, welches sich für ihre Schicksale öffnet. Das sie in Europa die Chance bekommen, Fuß zu fassen: hier zu arbeiten, ihren Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen und die Vorzüge einer freien, pluralistischen Gesellschaft kennenzulernen.

Dieser Beitrag erschien zunächst hier auf medium.com.

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Für die Huffington Post Deutschland ist der 21. April ein besonderer Tag: Peter Maffay ist heute unser Chefredakteur. Er gibt Impulse, lässt Texte schreiben und führt Interviews.Ein Schwerpunkt sind die vielen traumatisierten Flüchtlingskinder, die seit Monaten zu Tausenden in Deutschland ankommen.

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