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„Die Revolution hat unsere Decke gelüftet" - die ägyptische Startup Szene zwischen Stillstand und Euphorie

23/05/2015 10:50 CEST | Aktualisiert 23/05/2016 11:12 CEST

Irgendwann landet man in Ägypten immer bei der Revolution. In jedem Gespräch mit Startup-Gründern und Investoren, das ich während einer dreiwöchigen Forschungsreise in Kairo führte, tauchen die Massenproteste im Januar 2011, die zum Sturz des Mubarak-Regimes führten, auf. Die meisten digitalen Sozialunternehmen und Startups wurden in diesen Jahren gegründet, manche, wie die Tahrir Bodyguards oder Tahrir Academy sind explizit nach dem wichtigsten Schauplatz der Revolution benannt.

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Graffiti unweit des GrEEK Campus, dem Epizentrum der ägyptischen Startup-Szene

„Die Revolution hat unsere Decke gelüftet" sagt Abdelhameed Sharara, Gründer von Rise Up, einer erfolgreichen Startup-Konferenz. Insbesondere junge Ägypter hatten plötzlich einen neuen Vorstellungshorizont - für das eigene Leben und das ihrer Gesellschaft.

Im politischen Bereich ist die Euphorie nach vier turbulenten Jahren und einer aktuellen Regierung, die demokratische Impulse im Keim erstickt, zum schmerzhaften Stillstand gekommen. Aber der Elan der Revolution lebt in anderen Bereichen weiter. „We pivoted away from politics towards entrepreneurship" berichtet Con O'Donnell, einer der bekanntesten Kairoer VCs.

In Kairo und Alexandrien hat sich in den letzten Jahren eine dynamische Co-Working und Startup Szene etabliert, die den Prinzipien der Revolution treu geblieben ist und auf dem damals gezündeten Treibstoff weiterläuft.

Die jungen sozial-digitalen Innovatoren verkörpern viele Prinzipien, die wir mit Digitalisierung in Verbindung bringen: sie arbeiten kollaborativ, setzen sich für offene Strukturen ein, sind experimentierfreudig und treiben agil und „lean" ihre Projekte voran.

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YouTube Veranstaltung auf dem GrEEK Campus

Was ist hier eigentlich sozial?

Die Grenzziehung zwischen Startups und Sozialunternehmen ist in Ägypten dabei fließend. Eine Reihe von Initiativen positioniert sich explizit als Teil der Zivilgesellschaft - so die MOOCs von Nafham und Tahrir Academy, der Blutspende-Matching-Service Law 3andak Dam oder die Crowdfunding Plattform Madad.

Viele for-profit Startups verstehen sich aber ebenfalls als gemeinwohlorientiert, da sie dringende Alltagsprobleme angehen. Axeer Studio beispielsweise produziert sehr erfolgreiche Musikvideos zu Themen wie sexuelle Belästigung oder Kinderarbeit. Die populäre Verkehrsmeldungs-App bey2ollak, möchte zur Lösung des gigantischen Verkehrsproblems beitragen.

El Wafeyat hilft Angehörigen ihre Todesanzeigen und Trauerfeiern besser zu organisieren. Iqraaly bietet arabische Audiotexte für die vielen Pendler, aber auch Blinde, an. Ennota stellt einfache digitale Buchhaltungssysteme für die vielen Unternehmen, die noch Stift und Papier benutzen, zur Verfügung.

Eines der erfolgreichen Videos von Axeer Studio: dieses richtet sich gegen sexuelle Belästigung

Der umgeleitete revolutionäre Elan und die Ausrichtung auf die Lösung sehr spezifischer Alltagsprobleme geben dem ägyptischen digital-sozialen Ökosystem eine charakteristische Prägung. Traditionelle NGOs spielen in dieser Innovationslandschaft keine Rolle.

Ein digital-soziales Ökosystem?

Dadurch, dass so viele der Digitalprojekte ihren Ursprung in der arabischen Revolution haben, verbindet sie einerseits eine gemeinsame historische Referenzerfahrung. Andererseits fangen sie gerade erst an sich als ein System zu verstehen. Dazu hat u.a. der Rise Up Summit beigetragen, auf dem 2013 über 2000 Teilnehmer das entstehende Startup Ökosystem feierten.

Auch die Gründung des GrEEK Campus als zentralen Ort für die Szene im Kairoer Stadtzentrum, verstärkt diesen Trend. Hier tummeln sich die jungen Innovatoren, meist Mitglieder der städtischen oberen Mittelschicht. Darunter sind auch erstaunlich viele selbstbewusste, talentierte Frauen, die in der Tech-Szene ein vorurteilsfreies Umfeld finden.

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Die Arab Digital Expression Foundation ist eine der wenigen Organisationen, die gezielt Open Data und Open Source fördern

Wie finanziert sich digital-sozial?

In Ägypten ist es für Gründer relativ leicht die ersten 3-6 Monate zu finanzieren. Die meisten nutzen dafür ihre privaten Ersparnisse, bevor sie mit dem professionellen Unterstützernetzwerk in Kontakt treten - Co-Working Büros, Accelerator und Inkubatoren, sowie zahlreiche Wettbewerbe, die ein paar Tausend Euro an Preisgeldern für die nächsten Monate ausschütten.

Für die Skalierung steht dagegen vergleichsweise wenig Geld zur Verfügung. Wichtige Investoren sind eine Handvoll Unternehmer, die ihre Startups an große Konzerne wie Vodafone oder Intel verkaufen konnten und mit dem Erlös ihrerseits Wagniskapital zur Verfügung stellen.

Einige haben sich in den Cairo Angels, dem ersten professionellen VC Netzwerk in Ägypten, zusammengetan. Deren Mitglieder geben sich optimistisch und berichten von einem neuen Fond, der gerade 200 Millionen USD für die nächsten fünf Jahre einsammelt.

Eine neue Chance sehen viele in Crowdfunding-Plattformen, die aus dem Boden schießen. Alleine in Kairo begegneten mir fünf Plattformen, von denen manche explizit NGOs ansprechen (Madad), während andere (Zoomal, Yomken) auch rein kommerzielle Projekte präsentieren. Crowdfunding steckt in Ägypten allerdings noch in den Kinderschuhen und kämpft mit großen regulatorischen Hindernissen.

So ermöglicht die Plattform Madad nur zwei verschiedene Zahlungen: entweder muss der Spender das Geld bei der NGO persönlich vorbeibringen, oder er kann dafür einen Kurier beauftragen.

Von Seiten der Regierung bieten bislang nur das Technology Innovation and Entrepreneurship Center (tiec) Finanzierungshilfen an. Und auch die CSR-Budgets von Großunternehmen spielen nur eine untergeordnete Rolle: Der Inkubator Nahdet El Marousa konnte Unternehmen wie Yahoo, Barcleys und Arabian Cement als Unterstützer gewinnen und Microsoft hat ein paar größere digital-soziale Initiativen ins Leben gerufen, darunter die Jobplattform Masr Ta3mal.

Wie skalieren digital-soziale Initiativen?

Nur sehr wenige der neuen Social Startups erreichen große Nutzerzahlen. Dazu zählt das Online Bildungsportal Nafham, dass immerhin 3% aller ägyptischen Schüler erreicht.

Viele Innovationen skalieren auf dem Rücken der im Land extrem beliebten sozialen Netzwerke - allen voran facebook. So erreicht die Audio-Plattform Iqraaly heute dank gutem Online Marketing monatlich 2 Millionen Zuhörer.

Erfolgreiche digital-soziale Initiativen zeichnen sich dadurch aus, dass sie oft über Kooperationen ihre Reichweite vergrößern. Der Blutspendedienst Law 3andak Dam schloss sehr früh eine Partnerschaft mit der nationalen Blutbank und großen Unternehmen, die mobile Blutabnahmestationen in einzelne Stadtteile schicken.

Eine Kooperation mit der beliebten Verkehrsmeldungsapp Bey2ollak, sowie bekannte Musiker und Schauspieler vergrößern den Wirkungsradius nochmals.

Chancen und Hürden

So ist die digital-soziale Entwicklung in Ägypten heterogen. Das fängt mit der technologischen Infrastruktur an: einerseits wird bis Ende 2015 die Hälfte der Bevölkerung Zugang zum Internet haben und schon jetzt liegt die Abdeckung mit Handys bei über 100%.

Andererseits ist der Internetzugang teuer und in vielen Regionen äußerst langsam. Zudem verlangen Telkos hohe SMS-Gebühren und stehen damit Dienstleistungen, die auf einfachen Featurephones aufbauen, im Wege.

Gebühren für mobile Zahlungssysteme sind horrende, Paypal funktioniert nur eingeschränkt und gerade mal 6% der Bevölkerung besitzt eine Bankkarte, sodass e-commerce noch sehr unterentwickelt ist.

Als Hürden für (digital-soziales) Unternehmertum erweist sich auch die Tatsache, dass es in Ägypten, ebenso wie im Rest der arabischen Welt keine Insolvenzreglungen gibt und gescheiterte Geschäftsideen Unternehmer teuer zu stehen kommen, bzw. sogar ins Gefängnis bringen können.

Zudem sind die Talente knapp, denn das Ausbildungsniveau ist schlecht und viele Uniabsolventen streben einen Job in Großunternehmen oder im öffentlichen Dienst an. Fehlendes Talent sieht die für die MENA-Staaten zuständige Geschäftsführerin des globalen Sozialunternehmernetzwerks Ashoka, Nariman Moustafa, jedoch auch bei vielen der angehenden Sozialunternehmer. Sie spricht von einer großen Blase sozial bewegter junger Menschen, die weder das soziale Problem genauer verstanden haben, noch ein überzeugendes Produkt anbieten.

Auf der Chancenseite steht jedoch die Tatsache, dass Ägypter 2011 hautnah erlebt haben, wie sie die Gesellschaft mitverändern können. Fast alle sind von dem politischen Status quo enttäuscht - einige so sehr, dass sie auswandern möchten. Aber die meisten Gründer, die ich traf, möchten nach wie vor ihr Land positiv verändern. Sie sind kompetent, fokussiert und sprühen vor Tatendrang.

Ein weiteres Plus besteht darin, dass Startups relativ leicht in den gesamten arabisch-sprachigen Raum expandieren können. Einzelne haben diesen Schritt schon getan: Nafham bietet Online Lernvideos für Saudi Arabien, Syrien, Kuwait und Algerien an. El Wafeyat plant die Expansion in weitere MENA-Staaten, Ennota versteht sich als Buchhaltungssoftware für den gesamten arabischen Raum.

Zudem entwickelt sich eine Förderinfrastruktur für sozial-digitale Projekte, die international durchaus kompatibel erscheint. Nun wird es darum gehen, dass einzelne Unternehmen wirklich skalieren und wirkungsvoll werden - und ihrerseits den ideellen und wirtschaftlichen Nährboden für die nächste Generation von Innovatoren bereiten können.

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Auch das ist Kairo: die Autorin wohnte während ihres Forschungsaufenthalts in einem dieser Hausboote auf dem Nil

GrEEK CAMPUS

Dieser Beitrag ist Teil der Reihe "lab around the World".

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