Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Joachim von Kienitz Headshot

Internet ist ein Fremdkörper in der Schule

Veröffentlicht: Aktualisiert:
TABLET CHILD STUDY
John Lamb via Getty Images
Drucken

"Internet ist ein Fremdkörper in der Schule" und "Bücher sind Wissen ohne Verfallsdatum". Diese Standpunkte vertritt der Lehrerverband. Ich kann da nur die Stirn runzeln. Ich habe mein gesamtes berufliches Wissen als Programmierer aus dem Internet bezogen.

Wenn Herr Kraus als Präsident des Lehrerverbandes tatsächlich die Meinung seiner Mitglieder vertritt, dann wundert mich gar nichts mehr. Dann wird das Bundesministerium auf massiven Widerstand bei jeder Modernisierung stoßen.

"Bücher sind Wissen ohne Verfallsdatum". Wieso sollte das gedruckte Wort kein Verfallsdatum haben? Nur weil es in einem Buch gedruckt wurde, ist es nicht mehr oder weniger zuverlässig als der Text aus dem Internet. Da hat Herr Kraus ein überholtes Medienverständnis. Gerade das Schulbuch verführt dazu das Gelesene als das allein Selig machende zu begreifen.

Alle Medien, egal ob gedruckt oder rein elektronisch, sind mit der gebotenen Skepsis zu betrachten. Gerade das unkritische Lernen des Schulbuchwissens macht dumm, weil es die Schüler dazu verführt, das Gelesene nicht zu hinterfragen, nur bis zur nächsten Klausur zu behalten.

Die neue Medium "Internet" birgt ein zusätzliches Problem: Der Lehrer ist nicht mehr die alleinige Wissensautorität, sondern gibt nur noch Hilfestellung beim Durchforsten und Verarbeiten des Internets. Das Selbstverständnis des Lehrers wird total umgekrempelt.

Wissen ist nicht mehr absolut, sondern muss ständig erneut angezweifelt werden. Schulbücher dürfen nicht mehr die fertigen Fakten präsentieren, sondern dürfen nur noch Fragen stellen. Eines kann man garantieren: Das so erarbeitete Wissen bleibt wesentlich besser im Gehirn haften. Schulbücher werden nicht total überflüssig, sondern geben zukünftig nur noch den Leitfaden, welche Wissensgebiete zu erarbeiten sind.

Ein häufig gehörtes Argument ist: "Die Computer werden ja doch nur zum Spielen benutzt.". Da ist was wahres dran. Was hindert uns daran diesen Spieltrieb auszunutzen. Das zu erlernende Wissen könnte in der Form eines Adventurespiels die Ergebnisse liefern.

Diese Spieler, Entschuldigung Schüler, müssten sich dann von Level zu Level hoch arbeiten. Wieso nicht im Englischunterricht mit Schülern aus dem englischsprachigen Ausland chatten.

Ein Rektor hat mir zu dem Thema gesagt, ich würde die Schüler damit überfordern. Das bezweifele ich. Wenn man die Schüler von klein auf an diese Arbeitsweise gewöhnt, wird es nicht nur selbstverständlich, sondern es macht ihnen auch Spaß. In der Bekanntschaft habe ich Kinder kennen gelernt, die von sich aus so vorgehen, ohne dass ihnen das jemand gezeigt hat.

Eines ist sicher: Der bisherige Frontalunterricht hat ausgedient! Wenn wir den Anschluss an die sich immer schneller drehende Welt halten wollen, wird sich die Schule total umkrempeln müssen. Auch die Bildungsministerien werden umdenken müssen, weil in einer Schule in der das Wissen immer mehr eigenverantwortlich und selbstbestimmt erarbeitet wird, gibt es keinen Sinn mehr, wenn Ministerien Methodik und Inhalte bestimmen.

Ich habe immer wieder erlebt, dass Kinder und Jugendliche viel mehr können, wenn man ihnen kreativen, eigenverantwortlichen Spielraum lässt. Sie sind dann in der Lage, überraschendes zu leisten. Wir müssen es Ihnen nur zutrauen. Wir als Ältere müssen gehörig dazu lernen, alte ausgetretene Pfade verlassen und in eine neue Welt eintreten und brauchen uns dann nur noch zu wundern, wenn uns die Jugendlichen mit Riesenschritten überholen.

Ein Kind, dass es gewohnt ist, Wissen nur bis zur Klausur zu behalten und dann schnell zu vergessen, wird mit dieser neuen Arbeitsweise überfordert sein. Je früher die Umwälzung einsetzt, desto besser. Am Besten beginnt die Erziehung zur Selbständigkeit schon im Elternhaus.

Auch auf Huff Post:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.