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Dummheit wird in der Schule gelehrt

01/08/2015 19:09 CEST | Aktualisiert 01/08/2016 11:12 CEST
thinkstock

"Die neuen Asozialen: Eure Dummheit bringt Deutschland an den Abgrund"

In dem Beitrag von Frau Hoffmann führt sie den Fremdenhass hauptsächlich auf Dummheit zurück. Das hört sich zunächst sehr arrogant an. Wenn man dann aber die Äußerungen im Internet verfolgt, muss man Frau Hoffmann recht geben.

Ich kritisierte erst kürzlich ein Bild mit der Aufschrift "Griechisch grillen. Ohne Kohle." als potenziell fremdenfeindlich. Facebook-teilnehmer reagierten darauf mit: "Man wird doch mal seine Meinung sagen dürfen". Zwischen Hetze, Diffamierung und konstruktiver Meinungsäußerung wurde ausdrücklich kein Unterschied gesehen.

Was ist aus dem Land der Dichter und Denker geworden? Können wir noch stolz auf unsere Kultur sein? Natürlich, es gibt sie noch, die Kulturschaffenden und die Ingenieure, die technisch kreativ sind. Mich aber interessiert die Kultur für jeden Tag, nicht die der kulturellen Elite. Die Kulter des Herrn Jedermann. Wie sieht es aus mit täglicher gegenseitiger Rücksichtnahme, mit Tischmanieren, mit Benimmregeln, mit der Kultur der Diskussion?

Da geben uns die Politiker das denkbar schlechteste Vorbild. Da wird mit Ellenbogen gekämpft, der politische Gegner beschimpft und verunglimpft, mit erfundenen Tatsachenbehauptungen gearbeitet. Ich habe noch keine TV-Diskussion erlebt, bei der die Teilnehmer sich nicht ins Wort gefallen sind. Auf die Fragen des Moderators wird eigentlich fast nie eingegangen, sondern mit vielen Worten nichts konkretes ausgesagt. Eine Diskussionsrunde, in der auf die jeweilige Aussage des Vorredners eingegangen oder beantwortet wird, ist die absolute Ausnahme. In privaten Kreisen ist die Diskussionskultur besser ausgebildet.

Ich will hier aber nicht nur über die Kulturlosigkeit jammern, sonder nach den Ursachen suchen. Die Haupttriebfeder von Fremdenhass und Verschwörungstheorien scheint mir der Wunsch nach einer einfach zu verstehenden Umwelt zu sein. Die Einteilbarkeit in gut und böse, oben und unten, fremd und nicht fremd, bio und nicht bio, gesunde und krankmachende Speisen. Komplexe Zusammenhänge werden abgelehnt. Einfache Zusammenhänge müssen her. Wieso? Ein vereinfachtes Weltbild macht uns das Leben leichter verständlich.

Dass dieses verständliche Streben in eine Sackgasse führt, ist unzweifelhaft. Was wir brauchen ist eine Dialektik des Denkens, ein Hinterfragen aller Informationen, ein ständiges erforschen, ständiges recherchieren, ständige Weiterbildung. Die Kultur des Lernens bis zum Tod sollte selbstveständlich sein.

Ist sie aber nicht. Wenn die Berufsausbildung beendet ist, bedeutet das für viele, endlich nicht mehr lernen zu müssen. Lernen wird als etwas sehr lästiges empfunden, weil es assoziiert wird mit dem Lernen in der Schule. Lernen wird als ein stumpfsinniges, zusammenhangloses, für das Leben nicht anwendbares nutzloses Wissen eingestuft. Wie kommt das?

Kinder sind, so lange sie noch nicht zur Schule gehen, enorm lernbegierig. Lernen macht ihnen Spaß, weil sie für sich lernen. Sie lernen fachübergreifend, weil das Leben keine Fragen stellt, die sich auf ein bestimmtes Schulfach eingrenzen lassen. Nach Studien lernen die Kinder am meisten, wenn man ihnen kein Lernspielzeug zur Verfügung stellt. Kinder lernen aus eigenem Antrieb.

Wenn sie in die Schule kommen, geht es anders herum. Lehrinhalte werden fachweise getrennt, aus dem Zusammenhang der Lebenswirklichkeit gerissen. Der Lehrstoff wird kapitelweise in Unterrichtsstunden gepresst. 1) Um die Klassenarbeiten zu schaffen, wird der Lehrstoff ohne zu fragen konsumiert. Eigenständiges Denken und Hinterfragen bewirkt zwar keine schlechtere Note, aber stört nur bei der Verarbeitung des zwingend geforderten Lehrstoffs. So kann sich selbständiges Denken nicht entwickeln. Aber genau das ist im späteren Leben gefragt.

Was wir brauchen ist die Schule, die den Kindern die Kreativität belässt. Die die Kinder nicht in der Art des Lernens bevormundet, sondern die Kinder aus eigenem Antrieb lernen lässt und nur Hilfestellungen gibt, wenn sie in eine Lernsackgasse geraten sind. 2) Ich habe dieses Konzept bei den Montessori-Schulen wieder gefunden. Ich würde mir wünschen, die öffentlichen Schulen würden auch nach diesem Konzept arbeiten. Gewiss die reine, trockene Wissensvermittlung ist nicht ganz vermeidbar. Aber es sollte die Ausnahme bleiben.

Ziel ist der allseitig gebildete Mensch, lebenslang lernend, der kritsch, selbstkritsch, hinterfragend und neugierig ist. Ich bin mir sicher, dann hätten wir deutlich weniger Fremdenhass.

1) In einer Lehrerkonferenz kritisierte ein Lehrer ein Buch, weil er nicht pro Stunde ein Kapitel unterrichten könne. Die anderen Lehrer widersprachen nicht.

2) Die Lehrer meiner Kinder haben strikt behauptet, dass Kinder dazu nicht in der Lage seien.


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