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Was wir nicht mehr brauchen, ist Frontalunterricht - das Schulsystem muss sich verändern

21/05/2017 19:14 CEST | Aktualisiert 21/05/2017 19:14 CEST
Caiaimage/Sam Edwards via Getty Images

Die Ausstattung der Schulen mit Computer und Internet ist nur der allererste Schritt. Der zweite Schritt muss eine Umstellung der Unterrichtskonzepte sein, damit die Schüler zu selbstständig lernenden, kritischen Bürgern erzogen werden.

Von nahezu allen Parteien wird seit Jahrzehnten eine bessere Ausstattung der Schulen mit Computern und Internet gefordert. Passiert ist aber bisher fast nichts. Befragte Lehrer und Schüler berichten das jedenfalls so.

Jetzt stehen die nächsten Bundestagswahlen an. Mal sehen, welche Partei die vollmundigen Wahlversprechen auch umsetzt. Ich setze Hoffnungen in die FDP.

Auch wenn es eine optimale Internetversorgung in den Schulen hoffentlich irgendwann mal geben wird, so ist es doch nur ein kleiner Baustein in der Umstrukturierung der schulischen Ausbildung, die dann folgen muss.

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Wie sieht denn der jetzige Schulunterricht aus: Der Lehrer macht als der "Allwissende" einen Frontalunterricht, der sich an den Kapiteln im Schulbuch orientiert. (In einer Lehrerkonferenz, der ich als Elternvertreter beiwohnen konnte, beschwerte sich ein Lehrer, dass sich das neue Lehrbuch nicht eins zu eins in Unterrichtsstunden umsetzen ließe. Weder der Rektor, noch die anderen Lehrer intervenierten.) Die Schüler lernten eine gewisse Anzahl Lehrbuchkapitel quasi auswendig, um eine ausreichende Note bei der nächsten Klassenarbeit zu erreichen. Fachübergreifende Kenntnisse, die mit dem Lebensalltag des zukünftigen Erwachsenen gebraucht werden, sind nicht gefragt. Nicht, dass es verboten wäre, nein, es war im Lehrplan nicht vorgesehen und die Zeit hat dafür einfach nicht gereicht. Ein kritisches Hinterfragen der Lehrbuchinhalte war undenkbar. Nicht dass er verboten ( im Gegensatz zur ehemaligen DDR) wäre, aber es war nicht vorgesehen.

Schwachstellenanalyse:

Die Schüler lernen ein enzyklopädisches Wissen, ohne es im Alltag anwenden zu können. Ob, das erlernte Wissen alltagstauglich ist, entscheidet der Zufall und die Kultusministerien. Ich unterrichte Erwachsene und stelle immer wieder fest, dass nur ein ganz ganz kleiner Teil in der Lage ist, erlerntes Wissen zu kombinieren und selbstständig neues Wissen hinzuzufügen.

Zielvorstellung:

Der Schulabsolvent soll in der Lage sein, Kenntnisse fächerübergreifend im Lebens- und Berufsalltag einzusetzen. Er soll sich total fremde Wissensgebiete erarbeiten können und daraus neue Produkte und Dienstleistungen bewältigen können. Informationen aus Umwelt und Medien dürfen nicht konsumiert werden, sondern müssen immer wieder neu hinterfragt werden.

Was geändert werden muss:

Der Lehrer darf nicht mehr der "Lehrer" sein, sondern derjenige, der den Schülern bei der selbstständigen Erarbeitung des Lehrstoffes Anleitung zum Selbststudium gibt. Also nicht mehr der "Lehrer", sondern mehr der "Kumpel" in der Lerngruppe. Der zu lehrende Lehrstoff muss viel flexibler bestimmt werden, weil es erwünscht sein muss, wenn sich die Schüler vorher unvorhergesehene Kenntnisse erarbeiten. Die Schulbücher, wenn zukünftig überhaupt noch notwendig, dürfen nicht mehr das "vorgekaute" Wissen enthalten, sondern beschreiben höchstens die zu erarbeitende Wissensgebiete. Maximal dürften sie Linklisten und Quellenangaben enthalten, die beim Einstieg in die Thematik behilflich sind. Der Lehrer braucht das "Fach" auch nicht vorher studiert haben, sondern er ist Mitglied der Lerngruppe, der nur noch unterstützend tätig ist.

Mit welchen Widerständen zu rechnen ist:

Besonders ältere Lehrer werden erheblich Probleme damit haben, dass ihr eigenes Rollenverständnis total umgekrempelt wird. Die Lehrer behaupten immer wieder, dass die Schüler mit dieser Art des Lernens überfordert sind. Meine eigenen Beobachtung zeigen aber immer wieder das Gegenteil. Wenn man die Kinder nur machen lässt, schaffen sie verblüffendes. Erst wenn sie in die Schule kommen, verlieren sie einen großen Teil der Kreativität.

Schulbücher müssen von Grund auf neu konzipiert werden. Traue ich den Verlagen aber zu.

Die Kultusministerien müssen einen Großteil ihrer Kompetenzen abgeben. Das ist die härteste Nuss.

Langfristige Folgen

Dass ein Bürger, der gewohnt ist, sich selbstständig zu bilden und alle Informationen selbstverständlich kritisch hinterfragt, erfolgreicher im Berufsleben und damit die Bundesrepublik als Ganzes produktiver ist, ist unausweichlich. Ganz nebenbei erzielen wir den Effekt, dass der Bürger aktiver am politischen Geschehen teilnehmen kann, weil er das Geschehen versteht und damit auch links- und rechtsradikalen Strömungen nicht mehr hilflos ausgesetzt ist. Eine AfD hat bei allseits humanistisch gebildeten Bürgern mit Sicherheit keine Chancen mehr. Wir brauchen dann auch keinen öffentlich rechtlichen Rundfunk mehr, weil der aufgeklärte Bürger sich ohnehin aus vielen verschiedenen Quellen informiert.

Mehr zum Thema: Mein Geschlecht sollte bei der Notengebung keine Rolle spielen

Viel zu viele verhalten sich wie die Lemminge, die einfach nur hinterher trotten, weil sie keine eigenen Ideen haben. Eine kleine Scheibe US-amerikanischen Geistes für Selbstverantwortlichkeit täte uns allen gut, auch wenn ich der Meinung bin, dass das übertrieben wird.

Forderung an die Politik

Die Schulen müssen als Basisausstattung flächendeckend mit WLAN ausgestattet werden. Gleichzeitig müssen die Unterrichtskonzepte mit den beschriebenen Zielen von Grund auf neu aufgestellt werden.

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