BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Joachim Rock Headshot

Altersarmut - (k)ein Thema im Wahljahr?!

Veröffentlicht: Aktualisiert:
OLD POOR MAN
ysbrandcosijn via Getty Images
Drucken

Drohende Altersarmut und Wege zu ihrer Vermeidung sind ein wesentliches Thema im laufenden Bundestagswahlkampf, und das zu Recht. Schon heute sieht das Statistische Bundesamt Rentner und selbst Pensionäre überdurchschnittlich häufig als von Armut bedroht an. Ihr Armutsrisiko liegt schon heute bei 15,9 Prozent. Viele ältere Menschen scheuen sich dabei, berechtigte Ansprüche geltend zu machen, etwa aus Scham oder weil sie fürchten, dass ihre Kinder dafür in Regress genommen werden. Etwa 40 Prozent der Menschen, die einen Anspruch auf Grundsicherung im Alter haben, nehmen ihn nicht wahr und leben damit in verdeckter Armut. Künftig droht die Altersarmut sogar noch weiter zu steigen.

Das ist berechenbar, weil die Ansprüche im Alter wesentlich von den vorher gezahlten Beiträgen zur gesetzlichen und privaten Rente abhängen. Die Bertelsmann Stiftung hat gerade neue Schätzungen zur Entwicklung der Altersarmut bis 2036 vorgelegt. Sie prognostiziert selbst für die künftig bis 67 Jahre arbeitenden Menschen ein gegenüber heute auf 20 Prozent steigendes Armutsrisiko. Alleinlebende Frauen, Geringqualifizierte und Langzeitarbeitslose sind dabei besonders von Armut bedroht. Armut im Alter ist sehr belastend, denn die Betroffenen können aus eigener Kraft nichts mehr an ihrer Situation ändern. Ihnen droht Altersarmut, lebenslänglich. Da die Höhe der Grundsicherung aber nur für vorübergehende Notlagen konzipiert ist, verdienen ältere Menschen in Not höhere Leistungen als heute.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Eine gute Alterssicherungspolitik beginnt im Erwerbsleben. Die Rentenversicherung kann nicht im Alter die Folgen von atypischen Beschäftigungsverhältnissen und niedrigen Löhnen reparieren. Alterssicherungspolitik ist deshalb immer vor allem eine Arbeitsmarktpolitik, die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung und faire Löhne fördert und prekäre Beschäftigung verhindert. Am Arbeitsmarkt sehen wir, dass die Erwerbsverhältnisse auch bei gleichartigen Tätigkeiten ganz ungleich gestaltet sein können. Ein Lehrer etwa kann als befristete Lehrkraft, als angestellter Lehrer oder als Beamter vergleichbares leisten und doch extrem unterschiedlich bezahlt und abgesichert sein. Bei der Alterssicherung geht es deshalb nicht nur um Armutsvermeidung, sondern auch um Lebensstandardsicherung und die Bekämpfung von Ungleichheit.

Eine zusätzliche private Altersvorsorge ist grundsätzlich zu empfehlen. Patentrezepte gibt es dafür nicht, die richtige Form hängt immer von der persönlichen Situation und von zukünftigen Entwicklungen ab. Diese ist, zumal für den Einzelnen, schwer zu prognostizieren.

Zu den Kardinalfehlern der Alterssicherungspolitik in Deutschland zählt, dass man das Leistungsniveau der Gesetzlichen Rentenversicherung zu Gunsten privater Vorsorge reduziert hat. Private Vorsorge ist ein wichtiges Instrument einer zusätzlichen Vorsorge. Da Altern aber kein Einzelschicksal ist, braucht es vor allem eine allgemeine, möglichst umfassende Absicherung. Die Rentenversicherung muss deshalb wieder gestärkt werden.

Die Rentenversicherung bietet Versicherten mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung eine Rendite von etwa drei Prozent, weit mehr als häufig durch Zinsen erzielt werden kann. Sie hat dazu niedrige Verwaltungskosten und bietet im Gegensatz zu privaten Vorsorgeprodukten bei Bedarf weitere Leistungen inklusive, etwa Rehabilitationsleistungen und eine Erwerbsminderungsrente. Viele gutverdienende Menschen investieren deshalb inzwischen freiwillig zusätzliche Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung. Das ist - seit dem 1. Juli - für Menschen ab 50 Jahren möglich.

Es gibt heute etwa 16 Millionen private Vorsorgeverträge. Das ist eine vergleichsweise geringe Zahl, zumal etwa ein Fünftel der Verträge „ruht", weil keine Beiträge mehr gezahlt werden. Das ist nicht erstaunlich, denn die tatsächliche Rendite einer privaten Vorsorge lässt sich angesichts von Faktoren wie Versicherungsbedingungen, Sterbetafeln, Zinsentwicklung und anderem mehr nicht prognostizieren. Und Wetten sind eben, gerade bezogen auf die Altersvorsorge, nicht attraktiv. Bislang befürchteten auch viele Menschen, dass ihre Vorsorge vollständig angerechnet wird, falls sie im Alter auf die Grundsicherung angewiesen wären.

Mehr zum Thema: Am meisten sorge ich mich um das Leben unserer Senioren

Vorsorge muss sich jedoch lohnen. Aus dem Grund muss durch einen Freibetrag für Leistungen aus gesetzlicher und privater Vorsorge sichergestellt sein, dass der, der vorsorgt, im Alter auch tatsächlich davon profitiert. Der Bundestag hat hier bereits Verbesserungen beschlossen, die allerdings noch nicht die Regelaltersrente umfasst. Hier muss nachgebessert werden.

Die Rentenversicherung sollte als „eine für alle" zu einer allgemeinen Altersabsicherung ausgebaut werden, indem künftig auch Selbstständige und Beamte einbezogen werden. Dieser Schritt würde die Stabilität des Rentensystems und die Sicherheit der Vorsorge zusätzlich verbessern. Dabei ist es wichtig, den Sinkflug des Rentenniveaus zu stoppen und das Rentenniveau wieder anzuheben, um den Versicherten einen gesicherten Lebensstandard zu ermöglichen. Ab 2001 wurde private Vorsorge staatlich gefördert, im Gegenzug wurde ein Mechanismus beschlossen, der das Leistungsniveau der Rentenversicherung stetig reduzierte.

Das war falsch, denn die private Vorsorge konnte nicht ausgleichen, was damit an Leistungsfähigkeit der Rentenversicherung verloren ging. Sinkendes Rentenniveau und steigende Altersarmut hängen zusammen. Würde man zu einem lebensstandardsichernden Rentenniveau von 53 Prozent zurückkehren und damit den Abschluss zusätzlicher privater Verträge überflüssig machen, wäre das für die Rentenversicherten sogar günstiger.

Nach Berechnungen des Bundesarbeitsministeriums müssten sie aufgrund steigender Beiträge im Jahr 2045 15,8 Prozent als eigenen Beitragsanteil aufbringen, davon 11,8 Prozent in der gesetzlichen Rentenversicherung und zusätzlich vier Prozent für die zusätzliche Vorsorge. Eine lebensstandardsichernde Rente in der Rentenversicherung wäre zur gleichen Zeit mit 14,7 Prozent deutlich günstiger. Die Leistungsfähigkeit einer solchen einheitlichen Erwerbstätigenversicherung belegt das entsprechend gestaltete österreichische Rentensystem, welches nach Angaben selbst der Deutschen Rentenversicherung eine um 58 Prozent höhere Monatsrente auszahlen kann.

Armut und Unsicherheit im Alter sind kein Schicksal. Die Konzepte liegen auf dem Tisch.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.