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Plötzlich gilt es, tatsächlich etwas zu verteidigen

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EUROPEAN UNION DEMONSTRATION
NurPhoto via Getty Images
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"Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? - Niemand!" Diese vielfach durch Echo verstärkte Antwort im tiefen dunklen Wald ist die autosuggestiv richtige Antwort auch jetzt. Wir dürfen uns nicht bange machen und uns den Diskurs aufzwingen lassen. Es gibt etwas zu verteidigen und wach zu küssen.

Die Funktion der Kunst hat sich eigentümlich gewandelt. Traditionell wollen wir immer der Stachel im Fleisch der Mächtigen sein und auch das Abseitige, die Differenz, parteiisch vertreten.

Und jetzt das!

Plötzlich gilt es, tatsächlich etwas zu verteidigen. Grob gesagt: die bestehende Ordnung. Gar das "System". Wer hätte das je gedacht! Plötzlich sind alle pragmatischen Kompromissformeln à la "die Demokratie ist von allen schlechten Staatsformen die am wenigsten schlechte" eine Verheißung. Und reichen doch nicht aus.

Wir haben Fehler gemacht, Gefahren verschlafen

In diesem Wandel der Haltung von Künstlern steckt zugleich die Antwort auf die derzeitige tiefe Krise der westlichen Demokratien. Sie müssen sich reformieren. Sie haben Fehler gemacht, Gefahren verschlafen.

1.) Das inflationär eingesetzte Instrument der Bürgerentscheide hat Basisdemokratie und Populismus verwechselbar gemacht. Ja, die repräsentative Demokratie hat dem Populismus unfreiwillig selbst den Boden bereitet - von kommunalen Abstimmungen über Schulreformen bis zum Vollzug des Brexit - ein ordnungspolitisches Desaster.

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2.) Warum haben die Demokratien dieses plebiszitäre Instrument wider besseres Wissen eingesetzt? Um das gefühlte Legitimationsdefizit auszugleichen. Der Staat wird als Konzern, als Technokratie und als Agent von Establishment etc. erlebt. Das reicht aber nicht. Das Zauberwort muss heißen: Partizipation.

3.) Die europäische Idee ist ein Spiegel dieser Entwicklung. Hier wiederholt sich die Entfremdung der Nationalstaaten von sich selbst auf einer zweiten Ebene. Die europäische Idee von Frieden und den Idealen der französischen Revolution ist offenbar unsexy.

Ihr steht der krassen Realität eines Europas gegenüber, das eine unterentwickelte demokratische Legitimität hat und nur ein in Brüssel beheimatetes Kartell von Identitätslosen Nationalstaats-Firmen zu sein scheint, das sich auf dem Weltmarkt behaupten will. Die Europa-Idee ist völlig ungeklärt.

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4.) Die Angst vor dem kulturellen Internationalismus und der globalisierten Wirtschaft hat die Menschen überfordert. Das muss man - Rechtspopulismus hin oder her - erstmal akzeptieren. Hier geht es um ein tiefes Emotionsdefizit.

Wie ist es sonst zu erklären, dass Menschen, die von Obamacare profitieren würden, freiwillig dafür stimmen, dies abzuschaffen? Wie sonst ist der kurze Weg von Angela Merkels "Wir schaffen das" zur Realityshow von Trump zu erklären? Nur zwei Jahre liegen zwischen diesen beiden Ereignissen!

5.) Jede Gemeinschaft braucht eine Idee. Die Idee von Frieden und Freiheit hat sich - nur siebzig Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs - mit dem Aussterben der Kriegsgeneration offenbar verbraucht und muss sozusagen neu erfunden werden.

Wir können so nicht weiter machen!

Das ist erschreckend. Aber es ist so. Das "Weiter so!" reicht als Devise nicht. Es befriedigt nicht den Hunger nach Utopie, Aufbruch und Veränderung.

Ich glaube nicht, dass es gut wäre, jetzt auf Anti-Aktionen gegen den braunen Mob zu setzen. Wir sollten seine Grenzüberschreitungen der Polizei und den Staatsanwälten überlassen.

Der Kern ist etwas anderes: die Wiederentdeckung von gemeinsamen Ideen, für die es sich lohnt, zu leben. Und für sie zu kämpfen.

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Da kann auch eine enthusiastische Kultur viel tun. Im Theatersaal mit 1000 Menschen, wo real Gemeinschaft stattfindet wie im Schlusschor von Beethovens Neunte.

Er beginnt vor der berühmten "Freude" und dem "alle Menschen werden Brüder" mit der musikalisch ungewöhnlichen Mahnung: "Oh Freunde, nicht diese Töne!" Beethoven und Schiller lassen sich den Diskurs nicht aufzwingen. Das sollten wir auch nicht.

"So hat jede Diktatur angefangen"

Rechte Aktivisten beleidigen zunehmend Theaterschauspieler, bedrohen Intendanten und stürmen Theater. Sie haben es dabei auf eine besonders wertvolle Errungenschaft unserer Gesellschaft abgesehen: die Kunstfreiheit.

Kein Wunder, dass die Theatermacher vieler deutscher Theater tief besorgt sind. In der Huffington Post haben sich einige von ihnen daher zusammengetan, um auf dieses Problem hinzuweisen.

Holger Schultze, Intendant des Theaters und Orchesters Heidelberg
Unsere Kultur wird angegriffen - wir müssen uns wehren, solange es noch geht

Joachim Lux, Intendant Thalia Theater
Plötzlich gilt es, tatsächlich etwas zu verteidigen

Falk Richter, Regisseur und Autor
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