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Altersarmut: "Ich lebe von 450 Euro Rente - und könnte mir sogar das neue iPad kaufen"

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JOACHIM KLCKNER
Joachim Klöckner ist Minimalist - und kann deshalb auch mit wenig Rente gut leben | privat
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Ich lebe von 450 Euro Rente im Monat, Krankenkasse und die Miete sind da schon abgezogen. Ich weiß, dass es anderen zu wenig wäre. Mir reicht es. Ich könnte mir sogar noch das neue iPad kaufen.

Früher war ich selbständiger Maschinenbauer, Hausmann. Ich habe die Zeit mit meinem Sohn verbracht. 1986 fiel mir dann der Fallout von Tschernobyl auf den Kopf und ich wurde Energieberater. Da habe ich nicht viel verdient - wir wollten die Welt retten, so war das in den 80er- und 90er-Jahren.

Das war auch die Zeit, in der ich mich entschieden habe, meinen Lebensstil zu ändern. Ich bin seitdem Minimalist - und besitze nur 50 bis 60 Dinge, je nachdem, ob ich meine Socke als Paar oder einzeln zähle.

Das Wesentliche ist das Lebendige

Ich habe also 15 Jahre geübt, mich auf das Wesentliche zu fokussieren: nicht auf tote Gegenstände, sondern auf das Lebendige.

Ich habe Zeit, andere zu unterstützen, mit ihnen zu reden. Manchmal kommen Menschen zu mir. Manchmal gehe ich hier in Berlin zu den Startups und spreche mit den jungen Leuten. Sie sind die Zukunft.

Heute leite ich ein Motivationsseminar für junge Leute, die ein freiwilliges soziales Jahr machen. Dafür bekomme ich 280 Euro, das reicht für die Monatsmiete.

Mein Zimmer ist etwa 15 Quadratmeter groß, es gibt einen Balkon, über den im Sommer die Sonne hereinscheint, nur im Sommer allerdings. Ein Bett habe ich nicht, sondern eine Hängematte.

Mehr zum Thema: Bundesregierung warnt: Die Rente reicht nicht mehr zum Leben

Für das Seminar habe ich heute in einem Bett übernachtet. Aber jetzt freue ich mich schon wieder auf meine Hängematte, da muss man sich nicht erst so strecken und räkeln, wenn man aufsteht.

Mir sagen immer wieder Menschen, dass sie diese Einstellung toll finden. Und dass sie es mutig finden, fast nichts zu besitzen.

Ich schreibe AltersarMut mit großem M

Ich sage dann: Ich schreibe AltersarMut mit großem M. Man muss etwas ausprobieren, aufhören zu meckern, das Leben in die Hand nehmen, seinen Weg suchen.

Ich war live dabei, als Nobert Blüm sagte: "Die Rente ist sicher."

Dann kamen zwei Rentenkürzungen, Nichtanpassungen. Und als Selbständiger zahle ich auch in der Krankenversicherung höhere Beiträge, ich nenne das Strafbeiträge.

Das könnte mich bitter machen. Und ich sehe, dass es andere bitter macht.

Aber es löst ja das Problem nicht.

Mehr zum Thema: Wenn wir jetzt nicht handeln, droht uns allen die Altersarmut

Dass ich in Berlin lebe, hat den Vorteil, dass ich jeden Tag essen gehen kann. Morgens esse ich noch zu Hause Müsli mit Schalenobst, Banane oder Orange zum Beispiel, ich habe da ein Schälchen und eine Löffel-Gabel-Kombination dafür. Wenn ich für sechs bis neun Euro einkaufe, reicht das etwa eine dreiviertel Woche.

Ich koche nicht. Ich habe das vor und zurückgerechnet und bin zu dem Schluss gekommen, dass es billiger ist, als das nötige Inventar dafür anzuschaffen, die Geräte, den Strom und das Wasser für den Abwasch zu bezahlen.

Am Nachmittag gehe ich essen, ein Gericht kostet so um die fünf Euro, manchmal auch mehr. Dafür gibt es dann zum Beispiel wunderbare Spaghetti mit toller Soße und Salat. Und wenn abends doch noch Hunger auftaucht, esse ich eben ein belegtes Brot.

Es ist keine Schande, wenig Geld zu haben. Deswegen gibt es auch keinen Grund, sich zu verstecken.

Alle zwei Tage etwa treffe ich jemanden, einen Freund zum Beispiel, der ein Buch schreibt. Er liest mir seinen neuen Text vor und ich sage ihm, an welcher Stelle ich stolpere. Oder es fragt mich jemand, ob ich ihm beim Programmieren einer Homepage helfen kann. Das kann ich. Und wenn er mich dann auf einen Cappuccino einlädt, ist das herrlich.

Was ich meinen Enkeln zu Weihnachten schenke

Oft sitze ich auch alleine im Café und lese auf meinem iPad, meinem Multifunktionsgerät. Da hab ich auch meine Papiere eingescannt, mein Fotos sind drauf, meine Bücher, meine Musik. Ich kann damit schreiben und malen.

Natürlich kann ich mit dieser Rente keine teuren Geschenke machen. Das erwartet aber auch keiner.

Meine Enkel wissen das auch, ich bin zweifacher Opa. Trotzdem werde ich ihnen etwas zu Weihnachten schenken. Nichts Materielles, sondern etwas mit Fantasie. Ist glaube, dass das in der Zeit von Plastikspielzeug und medialer Überforderung - wertvoll ist.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.

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