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Vor zwei Jahren sollen meine Söhne für den IS gestorben sein - doch ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sie noch leben

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Ich kann einfach nicht glauben, dass meine beiden Söhne für den "Islamischen Staat" gestorben sind. Mir hat man zwar mehrmals versichert, dass Fabian und Manuel tot sind. Aber ich habe nicht aufgehört, nach ihnen zu suchen.

Eine Zusammenfassung des Textes seht ihr oben im Video.

Ich kann mich genau an den Moment erinnern, als mich die Meldung von ihrem vermeintlichen Tod erreichte. Es war im März 2015. Ich stand auf einer Baustelle in meiner Heimatstadt Kassel, als mein Handy eine neue Nachricht empfing. Auf dem Display stand der Name meines Sohnes Fabian.

Ich war im ersten Moment überglücklich, schließlich hatte ich schon seit Monaten nichts mehr von ihm gehört. Meine Söhne hatten sich von mir losgesagt - per Videobotschaft, in der sie eine Maschinenpistole in der Hand halten und erklären, dass es "keinen Gott außer Allah" gibt.

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Als ich die Nachricht an diesem März auf der Baustelle öffnete, merkte ich aber schnell, dass sie nicht von meinem Sohn kam. Sie war von jemandem anderen geschrieben. Darin stand: "Meine Söhne haben ihre absolute Pflicht erfüllt, das Kalifat unter dem ehrenwerten Kalifen Abu Bakr Al-Bagdadi zu unterstützen. Bei der Verteidigung ihrer Brüder und Schwestern wurden sie am selben Tag erschossen."

Meine Söhne fingen an, sich zu verändern

Ich konnte nicht glauben, was ich da las. In meinen Erinnerungen spielte ich im Schnelldurchlauf durch, was in den vergangenen Monaten passiert war.

Wie meine Söhne lebensfrohe Menschen waren, bevor sie nach Syrien ausreisten. Sie feierten, hatten viele Freunde, wollten Fotograf und Schauspieler werden.

Wie sie sich dann 2014 völlig überraschend veränderten. Sie besuchten eine Moschee, fingen an, mehrmals am Tag zu beten, tranken keinen Alkohol mehr und gingen nicht mehr unter Leute.

Wie wir lange Gespräche über den Islam führten, die Moschee, in die sie neuerdings gingen und den "Islamischen Staat". Immer wieder versicherten mir meine Söhne, dass sie nichts mit den Terroristen zu tun hätten. Ich konnte ja nicht ahnen, dass sie mir etwas vormachten. Ich hätte damals mein ganzes Vermögen darauf gewettet, dass sie nicht ausreisen würden.

Doch irgendwann kam wohl der Punkt für sie, wo sie verschwinden mussten. Vermutlich hatten sie Angst, aufzufliegen. Ich weiß es nicht.

Im Oktober 2014 klingelte mein Handy. Am anderen Ende war meine Ex-Frau. "Weißt du, wo deine Söhne sind?", fragte sie mich. "In Wien bei einem Freund", sagte ich - davon ging ich zumindest aus. "Die sind in Syrien. Ich habe einen Abschiedsbrief gefunden", antwortete meine Ex-Frau.

Ich rief sofort Fabian an. "Ich bin in Wien, Papa", sagte er mir. "Aber wir haben einen Abschiedsbrief von dir gefunden - wo bist du wirklich?", fragte ich.

Dann legte er auf. Es war das letzte Mal, dass wir miteinander telefonierten. Heute weiß ich, dass meine Söhne mit meinem Auto bis an die syrische Grenze in der Türkei fuhren und sich dort von Schleusern auf das Territorium des IS bringen ließen.

Das Bundeskriminalamt wollte nicht helfen

Ich kenne Eltern, die in solchen Situation aufgeben. Die sich von ihren Kindern lossagen, weil sie sich schämen. Die nichts mehr mit ihren Kindern zu tun haben wollen.

Das kam für mich aber nicht in Frage. Bis heute suche ich nach meinen Söhnen. Bis heute tue ich alles menschenmögliche, um sie wiederzufinden.

Das erste Mal reiste ich im Februar 2015 in die Türkei, kam aber nicht weiter. Dort sammelte ich einen Freund meiner Söhne ein, der vor dem IS flüchtete und zurück nach Deutschland wollte. Das war auch der Grund, warum sich meine Söhne einen Monat später von mir lossagten.

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Als mich die Todesnachricht erreichte, wandte ich mich an das Bundeskriminalamt. Die allerdings wollten mir nicht helfen. Den Eindruck habe ich zumindest erhalten - man hat mich immer wieder vertröstet. Deswegen wandte ich mich an Schleuser. Menschen, auf die ich mich nicht hätte einlassen sollen. Die immer mehr Geld von mir wollten und mit gefälschten Beweisen meinen Glauben daran nährten, dass meine Söhne noch lebten.

Über 25 Mal bin ich in die Türkei geflogen, ich habe sehr viel Geld für die Suche nach meinen Söhnen ausgegeben. Flugtickets, Schmiergelder - so habe ich mir immer ein bisschen Hoffnung gekauft. Und ich glaube, dass in all den Geschichten, die ich gehört habe, ein Fünkchen Wahrheit drinsteckt.

Ich klammere mich an Hoffnungen

Im Frühjahr 2016 bin ich nach Kobane gereist, das kurz vorher vom IS befreit wurde. Dort sollten meine Söhne umgekommen sein, wie mir das BKA mitteilte. Ein General der syrischen Armee zeigte mir ein Gefängnis, in dem der IS Menschen festhielt. Ich habe das erste Mal wirklich begriffen, in welche Gefahr sich meine Söhne begaben.

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Der General sagte mir: "Ihre Söhne müssen noch am Leben sein". Wenn wirklich zwei Brüder - zumal aus Deutschland - im Kampf für den IS gestorben wären, hätten das die Terroristen auf allen Kanälen vermeldet. Eine solche Nachricht allerdings wurde nie verbreitet. "Denken Sie logisch", sagte er mir.

An solche Hoffnungen klammere ich mich. Ich kenne Geschichten von Eltern, deren Söhne über Jahre beim IS verschollen waren - dann aber wieder auftauchten.

Deswegen glaube ich, dass meine Söhne bis heute festgehalten werden. Ohne ihr Handy, ohne eine Möglichkeit, Kontakt in die Außenwelt aufzunehmen. Vermutlich hatten sie die grausame Situation, in die sie sich begaben, erst zu spät begriffen und wollten fliehen.

Mir ist klar, dass ich in der Öffentlichkeit vielleicht wie ein alter Narr wirke, der nicht aufgeben kann. Der sich in eine Sache festgebissen hat, die er nicht lösen kann. Aber ich habe immer noch keinen einzigen Beweis erhalten, dass meine Söhne wirklich tot sind. Und erst, wenn ich den habe, werde ich aufgeben.

Dieser Text wurde von Jürgen Klöckner aufgezeichnet.

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