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Diese junge Frau sucht ihre Familie - aus einem traurigen Grund

13/11/2015 17:18 CET | Aktualisiert 13/11/2016 11:12 CET
BBC / Jiyar Gol

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Als Saddam Hussein seinen verheerenden Angriff auf Halabja startete, war ich 19 Jahre alt. Er geschah 1988, nur wenige Monate vor dem Ende des jahrelangen Iran-Irak-Konflikts. Saddam sah in den Kurden einen inneren Feind und ordnete einen Angriff mit chemischen Waffen an.

Die Stadt liegt an der Grenze zum Iran. Ich stamme aus einer kurdischen Familie. Wir lebten drei Autostunden von Halabja entfernt. Ich weiß noch, wie wir nach dem Angriff mithalfen. Die Straßen waren übersät mit Leichen - viele waren von den steilen Bergstraßen abgestürzt als sie versuchten, dem Gasangriff zu entkommen. Rund 5000 Menschen wurden getötet.

Durch meine Arbeit als freier Journalist und Filmemacher habe ich Halabja oft besucht, später auch für BBC Persian. Ich habe die Verwüstung dokumentiert, die an diesem Tag über Halabja und seine Bewohner hereinbrach. Mein neuester Film erzählt jedoch die bislang außergewöhnlichste Geschichte.

Auf der Suche nach ihrer Familie im Irak

Sie handelt von Maryam Baroutchyan, einer erstaunlichen Frau, die bei den Angriffen auf Halabja noch ein Kind war. Wie viele der Opfer wurde auch sie im benachbarten Iran medizinisch behandelt. Und wie viele andere Kinder wurde sie durch die chaotischen Zustände von ihren Eltern getrennt.

Im Iran wurde sie adoptiert und groß gezogen. Über die Jahre wurde ihr klar, dass sie anders war als die anderen Kinder. Diesen Sommer begab sie sich auf eine emotionale Reise nach Halabja, um ihre verlorenen Eltern wiederzufinden.

Wir durften Maryam bei ihrer Suche filmisch begleiten. Hilfe fand sie bei einem Überlebendenverband in Halabja sowie bei DNA-Experte Dr. Farhad Barzinji, der ihr seine Dienste kostenlos anbot.

DNA-Tests

Von 100 ehrenamtlichen Helfern gab es nur eine Handvoll Familien in Halabja, deren DNA zu über 90 Prozent mit der von Maryam übereinstimmte. Jede einzelne von ihnen hatte bei den Angriffen ein kleines Mädchen verloren. Maryam besuchte sie alle.

Zuerst treffen wir die über 70-jährige Meliheh Qurban. Sie erzählt, dass sie während des Gasangriffs mit ihrem weinenden sieben Monate alten Baby im Arm das Bewusstsein verlor. „Im Iran kam ich im Krankenhaus von Kangavar wieder zu mir. Ich war so verwirrt, dass ich nicht einmal mehr wusste, ob ich überhaupt ein Kind habe", sagt sie.

Nach so langer Zeit kann sie sich kaum an das Gesicht ihrer Tochter erinnern. Doch als ich sie frage, ob sie Maryam für Kind hält, antwortet sie: „Das hoffe ich. Sie ist es, so Gott will. Hoffentlich wird mein Traum wahr." Der Besuch ist zu viel für Maryam. Weinend liegt sie in den Armen der alten Frau.

Suche nach ihrer Familie

Als nächstes fahren wir nach Twilleh, einer Kleinstadt zwischen Halabja und der iranischen Grenze. Hier treffen wir die Nasaraldin-Schwestern, deren DNA die größte Übereinstimmung aufweist. Ihre Eltern kamen bei den Angriffen ums Leben. Ihre kleine Schwester wurde zuletzt in den Armen der Mutter gesehen. Maryam spürt sofort eine enge Verbindung:

„Sie sprechen wie ich sehr laut. Sie lachen genau wie ich. Wir haben viele ähnliche Charaktereigenschaften. Sie sind ganz sicher meine Schwestern", sagt sie. Die beiden Schwestern empfinden genauso: „Unsere Herzen sind uns nah. Ich liebe sie", erklärt die eine.

„Nicht nur das! Ihr Aussehen, ihre Augen, ihre Statur, es ist alles gleich." Es scheint, als hätte Maryam ihre Familie wiedergefunden. War ihre Familie noch am Leben oder wurde sie bei den Gasangriffen auf Halabja getötet?

Der Höhepunkt ihrer Suche wird live im kurdischen Fernsehen übertragen, als Dr. Barzinji die Ergebnisse der DNA-Untersuchung vor einem Studiopublikum präsentiert. Das Ergebnis war für uns alle überraschend - eine weitere Wendung in einer außergewöhnlichen Geschichte.

Während der gesamten emotional aufwühlenden Suche bleibt Maryam unglaublich ruhig: Vor der Kamera ist sie eine warme, einnehmende, intelligente junge Frau. Sie lebt heute in Kurdistan, lernt dort ihre Mutter kennen und hat ihren Bruder getroffen. Für die anderen Familien, denen sie auf ihrer Reise begegnet ist, geht das Warten weiter.

Spätfolgen der Halabja-Angriffe

Maryams Geschichte ist vor allem auf persönlicher Ebene besonders: kaum einer kann sich vorstellen, wie schmerzvoll es sein muss, wenn man seine wahre Herkunft nicht kennt und dann live im Fernsehen erfährt, wer man wirklich ist. Es sagt jedoch auch einiges über die Spätfolgen der Halabja-Angriffe aus.

Durch ihre lange Suche ist Maryam im irakischen Kurdistan mittlerweile eine Berühmtheit. Die Freude, die sie durch das Wiederfinden ihrer Familie verbreitet hat, zeugt davon, welches Trauma die Kurden von den Angriffen auf Halabja davongetragen haben. Die Stadt selbst ist wieder neu aufgeblüht und ein Symbol der Hoffnung, doch die Narben sind tief.

Auch uns hat die Geschichte etwas gelehrt. 27 Jahre nach dem Angriff kämpfen Teile des Iraks gegen den so genannten Islamischen Staat. Während des langen und blutigen Syrien-Konflikts ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass auch hier chemische Waffen zum Einsatz kommen.

In der gesamten Region und durch die Flucht der Menschen nach Europa werden Kinder zu Waisen oder von ihren Familien getrennt. Ihre Geschichten werden wir in den nächsten Jahren zu erzählen haben.

Our World: The Lost Daughter of Halabja.

Am Freitag, den 13. November um 21.30 Uhr CET und Samstag, 14. November um 12.30 CET,17.30 und 22.30 Uhr auf BBC World News.

„Es gibt nur noch mich und meine Tochter": Boot gesunken: Ein Syrer verliert bei seiner Flucht fast seine ganze Familie

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