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Ich war Sklavin des IS

16/02/2016 16:38 CET | Aktualisiert 16/02/2017 11:12 CET
papa42 via Getty Images

Die Jesidin Jinan ist 18 und frisch verheiratet, als sie von Kämpfern des IS verschleppt, von ihrer Familie getrennt und als Sklavin an zwei Dschihadisten, einen Polizisten und einen Imam, verkauft wird. In ihrer Gefangenschaft wird sie zur Konversion gezwungen, misshandelt, wie Vieh behandelt. Sie erlebt, wie andere im gleichen Haus eingesperrte und zum Teil minderjährige Mädchen vergewaltigt und schwer verletzt werden.

Gemeinsam mit Thierry Oberlé, einem Journalisten der renommierten französischen Tageszeitung Figaro, hat sie ihre Geschichte aufgeschrieben, um sich selbst und den vielen anderen Versklavten eine Stimme zu geben. Ihr bewegender Bericht ist Anklage und stellvertretender Hilferuf von Tausenden gefangenen Frauen.

Wenn die beiden Abus nicht da sind, werden unsere Tage durch unsere häuslichen Aufgaben strukturiert. Wir müssen putzen, die Wäsche dieses Hauses und die aus dem "Schloss" waschen, bügeln und die Mahlzeiten zubereiten. Die beiden Männer wollen ein sauberes und aufgeräumtes Haus haben und bestehen auf Mahlzeiten, die auf ein Fingerschnalzen hin pünktlich serviert werden.

Unsere Gebieter demütigen uns bei der geringsten Gelegenheit und scheinen uns gegenüber nie genug Worte zu finden, die hart genug wären.

Houssam, der Aufseher, bringt täglich in großen Tüten die Einkäufe für die Mahlzeiten: Schaf-, Lammfleisch oder Huhn, Gemüse, Reis und Obst, Orangen und Äpfel, die aus der Türkei importiert werden.

Houssam ist ausgesprochen unfreundlich. Nach der ersten kollektiven Prügelstrafe hat er uns allerdings aus dem "Schloss" Desinfektionsmittel, Verbandszeug und Kompressen mitgebracht. Das hat uns überrascht. Wahrscheinlich hat er weniger aus Nächstenliebe als aus Eigennutz so gehandelt. Denn für sein ruhiges Leben ist es sicher besser, gesundheitlichen Komplikationen bei uns vorzubeugen.

Wir werden im Hof gefoltert, als die Sonne im Zenit steht.

Wir werden jedoch irgendwann Krankenpflege brauchen, so sehr wird der Anspruch von Abu Omar und seinem "Bruder", uns mit Gewalt zum Islam zu bekehren, zu einer Besessenheit. Der Geistliche versucht, uns mit Suren in den Koran einzuführen, die wir lesen sollen. Wir erwidern, dass wir kein Arabisch lesen können. Er verlangt, dass wir ihm nachsprechen.

Wir stammeln die Verse wild durcheinander. Wir werden gezwungen, die Schahada, das Glaubensbekenntnis, zu lernen. Stockend tragen wir vor: "Aschhadu an lâ ilâha ill allâh, wa aschhadu anna Muhammadan rasûlu-llâh." "Ich bezeuge: Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist der Gesandte Allahs." Bleibt nur, den Text aufrichtig zu rezitieren, um eine echte Muslima zu werden, wovon wir weit entfernt sind.

Außer sich vor Wut über eine derartige Starrköpfigkeit haben die beiden Abus beschlossen, das Tempo eine Stufe hochzufahren. Sie delegieren die Aufgabe unserer Konvertierung an zwei echte Folterknechte. Die kommen über die Straße zu uns herüber, um ihr Können an uns auszuüben, zwei Männer aus der Kaserne des IS. Wir werden im Hof gefoltert, als die Sonne im Zenit steht.

Wir sind mit den Händen auf dem Rücken gefesselt und jeweils zu dritt aneinandergekettet, während ein Maschinengewehr auf uns gerichtet ist. Die Ketten sind mit einem Ring an der Umfassungsmauer befestigt. Auf dem glühend heißen Zement sitzend, kochen wir wie in einem Ofen.

Nach einer Stunde habe ich das Gefühl, dass mein Kopf gleich explodieren wird. Ich halluziniere, werde ohnmächtig. Als mich ein Eimer Wasser wieder zum Leben erweckt, bin ich nur noch ein Gespenst. Als unsere Peiniger uns endlich losketten, taumle ich ins Haus und breche auf meinem Strohsack zusammen, bis zum nächsten Tag unfähig aufzustehen.

Im Zustand halber Bewusstlosigkeit höre ich, wie Bouchra unsere Herren anfleht, damit aufzuhören, uns zu quälen. Sie ist bereit, sich zu unterwerfen. Doch Naline befiehlt ihr zu schweigen. "Wenn du weitersprichst, werde ich es sein, die dich züchtigt. Ich erinnere dich an unseren Pakt. Wenn wir beim Gebet nachgeben, geben wir unsere Ehre auf."

Die Kadaver schwimmen auf dem Wasser.

Am nächsten Tag überwältigt uns erneut die trockene, sengende Hitze wie an jedem Tag gegen Ende dieses brennend heißen Sommers. Um die Aktion noch zu verstärken, haben unsere Folterer eine Variante erfunden: Die Wasserschüssel, aus der wir uns in kleinen Schlucken bedienen konnten, wird uns trotz unseres Gejammers weggenommen.

Am nächsten Tag beobachten wir, dass sie am Spätvormittag in der Küche Mäuse jagen. Diese Typen haben Fallen aufgestellt. Sie fangen vier Tiere, erschlagen sie und werfen sie in einen Krug: Die Kadaver schwimmen auf dem Wasser. Das ist unser neuer Trinkbrunnen.

Während wir wieder gefesselt in der prallen Sonne sitzen, zwingen sie uns, aus dem Gefäß mit den toten Mäusen zu trinken. Ich weigere mich. Ein Kerkermeister reicht mir einen Becher. "Das trinkt sich wie Molke. Ich habe doch das Fell abgezogen." Er flößt mir mit Gewalt einen Becher davon ein, dann noch einen. "Du wirst sehen, das ist ausgezeichnet für die Verdauung", verspricht er. Ich muss mich erbrechen.

In der Nacht verschwindet meine Angst, mich daran vergiftet zu haben, aber Djamilas Zustand beunruhigt mich sehr. Sie hat Krämpfe, Fieber und ihr ist schwindlig. Ihr Herz schlägt wie wild, ihr Atem geht stoßweise. Sie hat einen Sonnenstich. Wir decken sie mit einem feuchten Tuch zu. Ich halte ihre Hand.

Einen Teil der Nacht wache ich bei ihr, sitze an ihrem Kopfende, das Foto meines Glücks auf einem Oberschenkel. Auf dem Foto bin ich geschminkt, habe beinahe rundliche Wangen, die Stirn ist frei und das halblange Haar fällt voll auf meine Schultern. "Eine echte Schönheit", hat Walid mich genannt. Jetzt wage ich gar nicht mehr, in den Spiegel zu schauen. Trauer überkommt mich und ich breche in Tränen aus.

Ich weine, von meinem Unglück niedergeschmettert. Mein Schluchzen weckt Naline. "Schlaf, Jinan, schlaf! Und gib mir das Foto. Du betest es an, aber es tut dir nicht gut. Ich werde es an mich nehmen. Und ich verspreche dir, es nicht zu verlieren. Vertrau mir." "Gut, aber ich kann nicht ganz darauf verzichten. Kannst du es mir bitte eine Stunde am Tag geben?" "Ich werde es dir von Zeit zu Zeit geben. Versprochen."

Naline überträgt etwas von ihrer Kraft auf uns. Ohne sie könnten wir es nicht aushalten. Sie wurde als Erste mit dem Wasser gequält, in dem die toten Mäuse schwammen. Ihr Mut hat uns über uns hinauswachsen lassen.

Wir werden dich an den Strom anschließen

Die Folterknechte wollen daher auch in erster Linie Nalines Widerstand brechen. An diesem Nachmittag haben sie in einer Ecke des Hofes einen Generator aufgestellt. Anfangs habe ich nicht weiter darauf geachtet. Ich dachte, der Aufseher hätte ein Problem mit der Stromversorgung.

Es ist noch immer so heiß. Wir sind wie jeden Nachmittag angekettet und tragen Handschellen. Einer der Folterer macht mit dem Kinn ein Zeichen. Er stellt die Maschine an, der Motor brummt. Mit angespanntem Gesicht schwenkt sein Komplize ein Elektrokabel und nähert sich Naline, die blass wird.

"Wir werden dich an den Strom anschließen", erklärt er ihr. "Ich werde das braune Kabel an deinem Ohr befestigen und das grüne an deinen Geschlechtsteilen. Da werden die Funken sprühen. Der Strom wird durch deinen Körper jagen. Deine Haut wird sich schuppen wie ein Fisch."

Die Elektroschocks hätten mich getötet oder ins Koma versetzt, und sie hätten mich vergewaltigt.

Er wirft sie auf den Boden. Naline schreit: "Aufhören!" "Ach, warum denn? Ich habe ja noch gar nicht angefangen", beklagt sich der Typ mit den Elektroden. Rittlings auf Nalines Bauch sitzend, drückt er die beiden Elektrokabel zusammen."Lass mich. Ich bin bereit zu beten." "Sag das noch mal!" "Ich bin einverstanden."

"Allahu Akbar! Wir haben gewonnen", triumphiert der Folterer und reckt die Fäuste in die Luft. "Ich habe es dir doch gesagt, wir hätten gleich damit anfangen sollen. Es gibt nichts Besseres als Strom", freut er sich. "Wir haben das Mittel gefunden, um die Abtrünnigen zu heilen."

Wir wagen es nicht, Naline zu tadeln. Sobald wir wieder in unserem Gemeinschaftsraum versammelt sind, entschuldigt sie sich und gesteht ihre schreckliche Niederlage ein. "Als er sich über mich gebeugt hat, habe ich in seinen Augen gelesen, dass ich verloren hatte. Die Elektroschocks hätten mich getötet oder ins Koma versetzt, und sie hätten mich vergewaltigt."

Ich bin ihr nicht böse. Ich hätte es nicht ertragen, dass meine Freundin so gefoltert worden wäre, und noch weniger, selbst an den Strom angeschlossen zu werden.

Der Beitrag basiert auf dem Buch Ich war Sklavin des IS

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Taschenbuch, 208 Seiten, nur Text

ISBN: 978-3-86882-665-4

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