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Nicht einmal meine engsten Freunde wussten, dass ich unter einer Wochenbett-Depression litt

23/08/2016 22:39 CEST | Aktualisiert 24/08/2017 11:12 CEST
Tara Moore via Getty Images

Ich umklammerte das Lenkrad, als ich mit dem Auto über die vereiste Straße schlich, bis meine Knöchel fast so weiß wie der Schnee waren, der fiel. Meine Gedanken rasten rücksichtslos durch mein übermüdetes Gehirn.

"Was, wenn der Wagen von dieser Brücke rutschen würde? Wie soll ich sie alle retten? Wie bekomme ich sie alle aus dem Auto? Wer hat mir die Verantwortung für drei Kinder übergeben? Warum habe ich überhaupt drei Kinder? Ich weiß nicht, wie ich das machen soll. Was, wenn ich das vermassle?"

Hinter mir plapperte mein sechsjähriger Sohn über seinen Tag im Kindergarten, während seine fünf Wochen alte Schwester wie ein kleiner Dinosaurier schrie. Ihr Zwillingsbruder schlief ruhig auf der anderen Seite. Die Hitze zischte durch die Lüftungsschlitze - eine stetige Welle falschen Trosts.

"Der Junge konnte wahrscheinlich schwimmen, aber das Wasser ist bestimmt so kalt, dass er sich kaum bewegen kann. Wären wir unter dem Eis des zugefrorenen Mississippi gefangen? Und meine Babys, meine winzig kleinen Babys. Sie wiegen noch nicht mal fünf Kilo", dachte ich, als wären sie mit irgendeinem anderen Gewicht vor den dunklen Fluten des Flusses unter uns besser geschützt. "Wie schnell könnte ich nicht nur einen, sondern zwei Sicherheitsgurte in der völligen Dunkelheit lösen?"

Ich hatte schreckliche Angst - konnte kaum atmen. Tränen liefen mir über die Wangen.

An diesem späten Nachmittag im Januar fragte ich mich, wie ich für drei Kinder Verantwortung übernehmen könnte. Ich dachte, es gäbe keine Möglichkeit, wie ich sie retten könnte. Ich fragte mich, ob das nicht alles ein Fehler war. Und ich überlegte, wie ich sie am besten vor meinem von Angst geschüttelten Geist schützen konnte.

Hatte ich jemals Angst, ich könnte meine Kinder verletzen? Nie.

Aber ich war mir nicht sicher, wie ich es schaffen könnte, für sie zu sorgen, und die Mutter zu sein, die sie verdienten.

Jedes Wort, jede Bewegung und jeder Gedanke fühlte sich an wie ein Angriff. Ich versagte in dem Bereich, der für mich am wichtigsten ist - darin, eine Mutter zu sein.

Ich war nicht völlig überrascht, als bei mir eine Wochenbett-Depression diagnostiziert wurde. Es gab Zeiten, in denen ich versucht hatte, den Schmerz zu begraben und die Dämonen zu ignorieren, die mich im Schlaf heimsuchten. Aber jetzt war die Situation anders. Ich war umgeben von der reinsten und ehrfürchtigsten Form der Liebe - von zwei Babys und einem fröhlichen Sechsjährigen.

Ich dachte, meine unaufhörliche Niedergeschlagenheit sei der Beweis, dass ich meine Kinder nicht verdiene. Ich versuchte verzweifelt alles zusammenzuhalten, das Gefühl des Versagens, der Leere und Verzweiflung einfach wegzuwünschen. Ich starrte die Zwillinge an, sog den süßen Duft ihrer Haut ein und wünschte, ich könnte einfach aufhören, mich so fürchterlich traurig zu fühlen.

Nicht einmal meine engsten Freunde hatten eine Ahnung.

Ich lächelte und war darauf bedacht eine Fassade der Stabilität aufrechtzuerhalten, solange bis ich im Bewusstsein der Hoffnungslosigkeit und Melancholie, die mich immer umgab, alleine war und zusammenbrechen konnte.

Meine ständigen Begleiter waren Reizbarkeit, Angst und das Gefühl von unendlicher Traurigkeit. Tiefe, schluchzende Traurigkeit. Manchmal stundenlang - scheinbar ohne Grund.

Ich hatte vier Jahre lang gekämpft, um schwanger zu werden, meine Beine für jeden Fruchtbarkeits-Experten im Umkreis von 30 Meilen gespreizt. Kranke Teile meines Reproduktionssystems wurden operativ entfernt. Ich nahm Medikamente. Ich machte meinen Bauch zum Nadelkissen für all die Spritzen, die ich mir setzen musste. Auf meinem Kühlschrank stand ein Behälter für medizinischen Abfall.

Jahrelang war mein Kampf erfolglos. Und schließlich war klar, dass IVF unsere einzige Möglichkeit war. Also wurde es ernst. Ich aß gesund, ich meditierte, ich schrieb.

Und dann passierte es.

Ich war schwanger. Nicht eines, sondern zwei Herzen, so groß wie Sesamkörner, schlugen in mir. Ich freute mich und hatte gleichzeitig Angst. 37 Wochen lang tat ich alles, um die Leben zu schützen, die in mir heranwuchsen. Und dann wurden sie geboren. Meine Babys waren da. Winzige Hände, weiche Haut und einladende Augen. Mein Herz wurde unendlich groß, genau wie meine Traurigkeit.

Da war diese Trostlosigkeit, die einfach nicht zu den Umständen passte.

Ja, ich war erschöpft. Verlegen. Besorgt darüber, was andere denken oder sagen würden. Bestimmt war ich eine schreckliche Mutter und meine Kinder wären ohne mich besser dran. Trotzdem konnte ich keine Sekunde ohne meine Babys sein. Gelähmt vor Angst, was passieren würde, wenn ich nicht immer wachsam wäre.

Ich saß auf meiner Couch, im Auto, in der Dusche, praktisch überall - bereit, mich endlich besser zu fühlen. Ich dachte, ich könnte das hinkriegen. Dass ich es nur härter versuchen, mehr lächeln, gesünder essen oder mir ein bisschen Schlaf gönnen müsse.

Ich war sicher, dass ich mich selbst darum kümmern könnte, dass niemand verstehen würde, wie sehr ich meine Kinder enttäuschte, weil ich so deprimiert war. Ich dachte, ich könnte niemandem davon erzählen, so perfekt wie mein Leben doch war.

Ich fühlte mich ganz und gar allein.

Und dann eines Tages, mehrere Monate, nachdem die Zwillinge geboren worden waren, sah mir mein Partner in die geröteten Augen und sagte: "Du musst mit jemandem darüber reden."

Nach langem Zögern nahm ich den Hörer ab und wählte vorsichtig die Nummer.

Ich legte dreimal auf, bevor ich die gesamte Begrüßung am anderen Ende hörte.

Meine Stimme war kaum hörbar. Die Person am anderen Ende war eindeutig nicht in der Stimmung, meine Ängste zu mildern oder mich zu beruhigen. Ihre Sorge galt lediglich der Terminvereinbarung. Sie kämpfte damit, meine zittrigen Worte zu verstehen und schließlich schafften wir es, einen Termin auszumachen. Die Weichen waren gestellt.

Fast zwei Wochen später traf ich mich mit einer Psychologin. Die Ärztin hörte mir einfühlsam zu und gab mir die Freundlichkeit und das Verständnis, das ich brauchte. Sie hörte mich. Sie sah mich. Und sie sah nicht weg.

Die Ärztin erwähnte Medikamente, die helfen könnten. Nach reiflicher Überlegung, legte ich meine Ängste bezüglich Antidepressiva und dem Stillen ab und entschied mich, ein niedrig dosiertes Medikament zu versuchen.

Es war ein innerer Kampf und an manchen Tagen hasste ich es, dass ich Medikamente brauchte. Ich dachte, ich sei schwach. Ein weiterer Beweis, dass ich nicht in der Lage war, eine gute Mutter zu sein. Nach einer Weile wurde mir klar, dass nichts weiter von der Wahrheit entfernt sein könnte. Ich hatte mir Hilfe gesucht.

Ich war endlich in der Lage, einen Schritt zurück zu gehen und zu sehen, dass ich depressiv war und damit kämpfte, dass meine Kinder mich in meiner besten Version brauchten und ich es verdient hatte, mich besser zu fühlen.

Ich wurde an eine unglaubliche Therapeutin verwiesen, die mich aus der Dunkelheit führte.

Einige Wochen später brachte ich meine vier Monate alten Babys in das Wartezimmer einer Klinik. Jedes Kind sorgfältig in einen sperrigen Kindersitz geschnallt.

Ich war nervös. Zögerlich. Erschöpft. Verlegen. Und verzweifelt.

Ich überprüfte wiederholt, dass ich keines meiner Babys vergessen hatte. Nicht, dass mir das je passiert wäre, aber trotzdem hatte ich fürchterliche Angst davor. Ich ging sicher, dass sie atmeten und nicht überhitzen würden.

Eine Tasche voller Dinge, die ich kaum benötigen würde, hing über meiner Schulter. Windeln und Tücher und Handdesinfektionsmittel. Spielzeug und Kleidung und noch mehr Kleidung. Eine Decke oder zwei. Ich versuchte mich selbst zu überzeugen, dass ich sicher wäre, wenn ich nur die richtigen Sachen dabei hätte. Dass sie sicher wären. Dass wir sicher wären.

Ich war mehr als müde.

Meine Knochen schmerzten vor lauter Erschöpfung, was man durchaus erwarten kann, wenn man sich um zwei kleine Kinder kümmert. Meine Hände zitterten, weil ich permanent so überwältigt war. Ich blickte liebevoll auf meine zwei kleinen Babys und hoffte inständig, dass ich mehr für sie tun könnte.

Was ist, wenn die Therapeutin denkt, dass ich unfähig bin? Was ist, wenn eines der Babys anfängt zu weinen und ich es nicht beruhigt bekomme? Was ist, wenn ich anfange zu weinen und nicht aufhören kann?

Nichts davon ist passiert.

Ich setzte mich zögernd in ihr Büro und versuchte verzweifelt, alles zu kontrollieren.

Bis sie mir sagte, dass ich nicht die ganze Zeit stark sein muss.

Bis sie mir erklärte, dass meine neue Normalität erschreckend, aber nicht abnormal sei.

Bis sie mir sagte, dass sie mich verstehen würde - und ich ihr glaubte.

Erst dann brach ich in Tränen aus und war nicht sicher, ob ich jemals wieder aufhören könnte zu weinen.

Ich weinte und weinte, bis sie mich mit einer Empathie ansah, die Bände sprach. Sie hielt meinem Blick stand und versicherte mir, dass alles, was ich dachte oder fühlte, völlig richtig sei. Sie schien wirklich zu verstehen, wie ich mich fühlte, und verurteilte mich nie.

Seit Monaten treffen wir uns alle zwei Wochen, manchmal auch wöchentlich. Sie bot mir einen sicheren Raum, in dem ich mein Gefühl der Unzulänglichkeit und meine Sorgen über die Zukunft loswerden konnte.

An manchen Tagen saß ich nur schwer in ihrem Stuhl, die Kinder spielten zu meinen Füßen und ich sagte:

„Das ist wirklich verdammt schwer und ich habe nicht das Gefühl, dass ich irgendwas richtig mache."

Sie hatte eine endlose Geduld mit mir. Sie sagte mir immer wieder, dass es völlig in Ordnung sei, sich gleichzeitig überglücklich und verstört zu fühlen. Sie hörte zu und ließ mich reden oder weinen - je nach Bedarf.

Und nach einiger Zeit begann die Traurigkeit zu verfliegen. Ich fand wieder Halt. Er war hart erkämpft, aber es war die Mühe wert.

Vor zwei Jahren wurde eine gute Freundin schwanger und sie klagte mir ihre Sorgen über eine mögliche postnatale Depression. Als ich erwähnte, dass ich genau das erlebt hatte und es Möglichkeiten gebe, die Krankheit zu überwinden, schaute sie mich entgeistert an.

„Du hattest das? Ich hatte keine Ahnung."

Und genau das war der Punkt.

Ich versteckte meine Trauer und meine Verzweiflung und meine dunklen Gedanken so gut ich konnte. Ich schämte mich, ich war traurig zu einer so wunderbaren Zeit meines Lebens. Ich wollte andere wissen lassen, dass ich Hilfe benötige, aber ich hatte Angst, dass ich schwach und undankbar erscheinen würde.

Nach Angaben der American Psychological Association erkrankt eine von sieben Frauen in den Tagen oder Wochen nach der Geburt an einer Wochenbettdepression, aber nicht jede sucht sich Hilfe. Viele gehen allein durch die Stille, fragen sich, was mit ihnen los ist.

Die Depression flüstert ihnen ein, dass niemand sie verstünde. Sie zwingt dich dazu zu glauben, dass du allein bist und das auch verdient hast. Sie bringt dich zum Schweigen, wenn du eigentlich nach Verständnis und Güte fragen willst.

Sie fängt junge Mütter zu einem Zeitpunkt im Leben ein, von dem ihnen immer gesagt wurde, es müsste die glücklichste Zeit ihres Lebens sein.

War meine Geburtserfahrung die ideale Voraussetzung für eine Wochenbett-Depression? Möglicherweise.

Nach Jahren, in der meine Unfruchtbarkeit behandelt wurde, dem körperlichen und emotionalen Stress einer Mehrlingsschwangerschaft, einer extrem schwierigen Geburt mit erheblichem Blutverlust. Nach dem unerwarteten Kaiserschnitt, den Problemen mit dem Stillen und der Familie nicht vor Ort war ich sowieso schon an meine Grenzen gelangt.

Haben all diese Faktoren dazu geführt, dass meine Wochenbett-Depression mich kaum atmen ließ? Wahrscheinlich.

War einer dieser Faktoren der Auslöser? Vielleicht.

Ist das wirklich wichtig? Nein, Es muss keinen Grund geben. Manchmal ist es einfach so, wie es ist, und das ist in Ordnung.

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Eine Wochenbett-Depression macht niemandem zu einer schlechten Mutter. Es sollte keine Schande sein, darüber zu sprechen, andere Frauen sollten wissen, dass es passieren kann. Und auch oft passiert.

Jahre später bin ich mir immer noch nicht sicher, ob ich alles richtig mache. Aber jetzt weiß ich auch, dass das okay ist.

Habe ich Angst, dass meine Wochenbett-Depression meine Kinder unwiderruflich beeinflusst hat? Natürlich.

Ist es so? Ich werde es niemals wissen.

Was ich hoffe, ist, dass sie mehr durch meine Entscheidung beeinflusst wurden: Dass ich erkannt habe, dass etwas nicht stimmt und mir Hilfe gesucht habe, um eine bessere Mutter sein zu können.

Postnatale Depressionen sind echt. Und sie können sich verheerend anfühlen. Mütter, die damit kämpfen, müssen von uns bemerkt werden.

Wir können mit dem Gespräch beginnen. Wir können die harten Wahrheiten aushalten. Und wir können Unterstützung anbieten. Wir können uns daran erinnern, dass es keinen Platz für Scham gibt und wir nicht allein sein müssen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf TheMighty und wurde von Jutta Kranz aus dem Englischen übersetzt.

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