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Der Tag, an dem ich herausfand, dass mich niemand mag, hat mich unbesiegbar gemacht

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Einer der positivsten Aspekte der Ablehnung ist, dass sie als Motivation dienen kann. Bei mir stellte sich diese Form der Motivation schon früh ein.

Meine erste große Zurückweisung erlebte ich in der Grundschule. Meine Lehrerin, Ms Qi, war sehr herzlich und sie mochte alle ihre Schüler wirklich gerne. Eines Tages plante sie eine große Feier für uns.

Sie kaufte allen 40 Schülern der Klasse Geschenke, die sie sorgfältig verpackte und vorne im Klassenzimmer auslegte. Während der Feier wies Ms Qi uns an, uns vorne im Klassenzimmer zu versammeln.

Einer nach dem anderen sollte einem anderen Schüler ein Kompliment machen. Der Schüler, der das Kompliment bekommen hatte, konnte sich ein Geschenk aussuchen und wieder zu seinem Platz gehen. Es war eine wohlüberlegte Idee. Was sollte da schon schiefgehen?

Das Podest fühlt sich wie eine Guillotine an

Ich stand in der Gruppe und jubelte jedes Mal begeistert, wenn jemand ein Kompliment bekam und sich sein Geschenk aussuchte. Allmählich schrumpfte die Gruppe, und ich stand nach wie vor dort.

Ich jubelte immer weniger begeistert, und langsam verwandelte sich meine Freude in ein Gefühl der Beklemmung. Warum hatte niemand die Hand gehoben und etwas Nettes über mich gesagt?

Dann wurde die Gruppe wirklich klein und meine Sorgen wichen der Angst. Es waren nur noch drei Schüler übrig - zwei unbeliebte Kinder, die niemand mochte, und ich. Alle anderen saßen bereits mit ihren glänzend verpackten Geschenken auf ihren Plätzen. Wir drei standen da, aber keins der anderen Kinder hob die Hand.

Immer wieder bat Ms Qi die Klasse, uns etwas Lob zu spenden oder irgendetwas zu sagen - sie flehte sie geradezu an -, um uns von dem Podest entlassen zu können, das sich wie eine Guillotine anfühlte.

Der Vorfall hätte mich auf eine negative Weise verändern können

Tränen rannen an meinen Wangen hinunter, und ich wollte lieber sterben, als weiterhin dort stehen. Vor diesem Moment hatte ich nicht gewusst, dass ich so unbeliebt war. Aber als ich sah, wer neben mir stand, wurde es mir klar.

Gnädigerweise beendete Ms Qi die Horrorshow und forderte uns auf, ein Geschenk zu nehmen und uns wieder hinzusetzen. Ich war zu klein, um mir vorzustellen, was ihr durch ihren liebevollen, sanften Geist gegangen sein muss.

Unabsichtlich war aus einer Übung, die uns Auftrieb geben sollte, eine öffentliche Bloßstellung von drei Kindern geworden. Heute tut Ms Qi mir im Nachhinein noch mehr leid, als ich mir in jenem Moment selbst leidtat, denn sie muss sich angesichts dessen, was sie aus Versehen in Gang gesetzt hatte, schrecklich gefühlt haben.

Eine solche Erniedrigung könnte einen schwarzen Schatten auf der Seele hinterlassen, vor allem bei einem so kleinen Kind, wie ich es war. Der Vorfall hätte mich auf eine negative Weise verändern können.

Ich wollte meinen eigenen Weg finden

Ich hätte mich intensiv darum bemühen können, von jedem akzeptiert zu werden. Ich hätte mich mit meiner Persönlichkeit und meinen Interessen anpassen können, um allen anderen zu gefallen, in der Hoffnung, dass eine solch traumatische Zurückweisung sich aufgrund meiner Konformität nicht wiederholen würde. Ich hätte den Spieß auch umdrehen und beginnen können, alles und jeden zu hassen. Ich hätte ein verbitterter Einzelgänger werden können.

Zum Glück entschied ich mich für einen dritten Weg. Anstatt mich dafür zu schämen, dass ich anders war als die anderen Kinder, nahm ich es bereitwillig an. Ich war nicht etwa nachtragend, weil keiner meiner Mitschüler für mich eingetreten war, vielmehr wollte ich allen beweisen, dass sie unrecht hatten - und ihnen zeigen, wie ich wirklich war.

Seltsamerweise verlieh mir diese Erfahrung das Gefühl ... besonders zu sein. Bereits als ich noch sehr klein war, hatte ich das Gefühl, nicht wie alle anderen zu sein. Ich wollte nicht einmal wie alle anderen sein. Ich wollte meinen eigenen Weg finden.

Deshalb haben mich Menschen wie Thomas Edison, Bill Gates und andere Vorreiter, die nicht in eine vorgefertigte Schablone passten, stets interessiert. Und aus diesem Grund war ich rückblickend stets dankbar für diese Zurückweisung, wenn ich im Laufe der Jahre einen Pfad beschritt, der sich von den konventionelleren Pfaden meiner einstigen Klassenkameraden unterschied - ob ich nach Amerika zog, dort zur Universität ging oder mit meinem Blog Erfolg hatte.

Man kann eine Zurückweisung positiv oder negativ sehen

An jenem Tag lernte ich etwas Entscheidendes, wenngleich ich es damals noch nicht erkannte und es mir erst richtig bewusst wurde, als ich meine Ablehnungsreise begann: Die Zurückweisung ist eine Erfahrung, die man selbst für sich definieren muss.

Das heißt, sie hat lediglich die Bedeutung, die man ihr beimisst. Man kann eine Zurückweisung positiv oder negativ sehen. Es hängt jeweils davon ab, wie man sie für sich selbst deutet.

Manchen Menschen gelingt es überaus gut, eine Zurückweisung in etwas Positives zu verwandeln, auch wenn die Ablehnung selbst trotzdem sehr verletzend ist. Sie nutzen die Erfahrung, um stärker zu werden und sich zu motivieren. Fragen Sie nur mal Michael Jordan.

Reden bei Preisverleihungen oder Ehrungen sind in der Regel rührselige Ergüsse, gespickt mit Danksagungen an Familien und Unterstützer. Sie sind meistens emotional - und häufig etwas langweilig. Aber Michael Jordans Rede anlässlich seiner Aufnahme in die Basketball Hall of Fame war alles andere als langweilig. Tatsächlich war sie anders als alles, was ich bis dahin gehört hatte.

Jordan nutzte Zurückweisung als Motivation

Innerhalb von 23 Minuten führte Jordan systematisch jede persönliche Zurückweisung auf, die er im Laufe seiner Karriere erlebt hatte, und erklärte, wie sehr sie ihn angespornt hatte - angefangen bei seinem Trainer am Gymnasium, der ihn nicht mit ins Schulteam aufgenommen hatte, bis zu seinem Zimmergenossen am College, der statt ihm zum Carolina Spieler des Jahres ernannt worden war; vom Trainer des Gegners, der den Mitgliedern seines Teams untersagte, freundschaftliche Kontakte zu Jordan zu pflegen, bis zu den Bedenkenträgern in den Medien, die behaupteten, Jordan sei nicht so talentiert wie Magic Johnson oder Larry Bird.

Jordans Rede brachte eine Seite von ihm ans Licht, die sein sorgsam aufgebautes PR-Image bislang erfolgreich verborgen gehalten hatte. Sie zeigte, wie er Zurückweisungen während seiner Karriere und sogar nach seinem Ausscheiden aus der Profiliga immer wieder als Motivation genutzt hatte.

Jordan sagte, jede Zurückweisung habe ihn so stark angefeuert, dass er jeden einzelnen Tag versucht habe, sich als Basketballspieler zu verbessern. "Jemand wie ich, der im Laufe seiner Karriere viel erreicht hat, achtet auf alle möglichen Botschaften, die Leute mit Worten oder Taten aussenden, um sich zu motivieren, auf höchstem Niveau Basketball zu spielen. Dann nämlich bringe ich meine herausragendsten Leistungen."

Viele erfolgreiche Menschen nutzen Zurückweisungen als Antrieb

Jordan ist nicht alleine. Je mehr ich mich damit befasste, desto überraschter war ich, wie viele erfolgreiche Menschen Zurückweisungen als Antrieb nutzen - und wie häufig sie das tun.

  • Dem Apple-Gründer Steve Jobs, der als Kind adoptiert worden war, wurde von einem Spielkameraden einmal gesagt, er sei unerwünscht und abgeschoben worden. Seinem Biografen Walter Isaacson zufolge traf der Kommentar Jobs zutiefst. "Blitze entluden sich in meinem Kopf. Ich erinnere mich, dass ich ins Haus hineingerannt bin. Ich glaube, ich habe geweint." Nachdem seine Adoptiveltern ihm versichert hatten, dass sie ihn gezielt als ihren Sohn ausgewählt hatten, erkannte er, dass er "nicht nur abgeschoben worden war. Ich war auserwählt worden. Ich war besonders." Diese veränderte Perspektive wurde zu einer Grundüberzeugung, die ihn zu beispiellosen kreativen Höhepunkten antrieb.
  • Nachdem er die Präsidentschaftswahlen im Jahr 2000 knapp gegen George W. Bush verloren hatte, widmete sich Al Gore dem Thema des Klimawandels. Seine überaus einflussreiche Dokumentation ›Eine unbequeme Wahrheit‹ gewann einen Oscar und veränderte den Diskurs über die Klimaproblematik. Gore bezeichnete seine Wahlniederlage als "harten Schlag", der ihn dazu brachte, sich gezielt auf die Mission zu fokussieren, die er all die Jahre verfolgt hatte.
  • Jeffrey Katzenberg wurde bei Disney von seinem langjährigen Chef, Michael Eisner, nicht zu dessen Stellvertreter ernannt.* In einem Interview mit der ›New York Times‹ erklärte Katzenberg: "Ich habe die gesamte Gefühlspalette durchlebt. Ich war enttäuscht, traurig, wütend, ängstlich, stoisch, traurig, rachsüchtig, erleichtert und traurig." Doch Katzenberg nutzte die Ablehnung als Motivation, um seine eigene Filmgesellschaft zu gründen - Dream-Works, deren Animationsfilme ab dem Jahr 2010 mehr Umsatz machten als die Filme von Disneys Pixar. Es gab sogar Spekulationen, Katzenberg habe in einer Dream-Works-Produktion Lord Farquaad, den Hauptbösewicht im Blockbuster-Animationsfilm ›Shrek‹, Eisner nachgebildet.

Natürlich ist der Stachel der Zurückweisung nicht das Einzige, was diese und andere sehr erfolgreiche Menschen bei ihrer Arbeit und der Verfolgung ihrer Ziele antreibt. Damit jemand nachhaltig Spitzenleistungen erbringen kann, müssen früher oder später weitere intrinsische Motivationsfaktoren dazukommen - wie etwa "die Begeisterung für das Spiel" oder der Wunsch, "dem Universum etwas zu hinterlassen".

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Es ist allerdings interessant, darüber nachzudenken, was wohl passiert wäre, wenn einer von diesen Leuten sein Selbstbild durch die Zurückweisung hätte beeinträchtigen lassen - und sie als Blockade gesehen hätte, anstatt als etwas, das er unbedingt überwinden wollte.

Jeder von ihnen nahm die Zurückweisung als Anfeuerung, wie Michael Jordan es so treffend formuliert hat. Sie ließ die Flamme ihrer bereits vorhandenen Ambitionen einfach noch höher auflodern.

* Eisners Stellvertreter Frank Wells kam bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben; danach besetzte Eisner den Posten nicht neu (Anm. d. Übers.).

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Wie ich meine Angst vor Zurückweisung überwand und unbesiegbar wurde. Ein Selbstversuch in 100 Schritten" (Aus dem Englischen von Bettina Lemke) von Jia Jiang. © der deutschsprachigen Ausgabe: 2016 dtv Verlagsgesellschaft, München. Hier könnt ihr das Buch kaufen.

Das Buch ist auch bei amazon erhältlich.

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