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Social Freezing - Warum ich es widerlich finde

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„Das muss ein schlechter Scherz sein!" - war mein allererster Gedanke, als ich kürzlich diese obskure Nachricht las. Mitarbeiterinnen von Facebook und Apple können auf Firmenkosten ihre Eizellen einfrieren lassen, um der Karriere zuliebe die Familienplanung auf unbestimmte Zeit zu verschieben.

Ich habe etliche Artikel dazu gelesen. Befürwortende, aber auch kritische, Artikel, die zu relativieren versuchen. Immer wieder dreht es sich um die Frage der Vereinbarkeit. Immer wieder versucht man, die zwei Seiten der Medaille abzuwägen. Ich selbst lese diese Artikel mit anderen Augen, mit betroffenen Augen.

Social Freezing mag Fluch oder Segen sein. Für all jene, die heutzutage auf die Reproduktionsmedizin angewiesen sind, um sich überhaupt den Wunsch nach einem Kind erfüllen zu können, ist diese Debatte allerdings ein heftiger Schlag ins Gesicht!

Social Freezing - Im Dienste der Firma. Karriere jetzt, Familie später!

Die Vorstellung ist verlockend. Ich bin jung, komme gerade von der Uni, bin hungrig danach, mein Wissen, meine Energie in ein Unternehmen zu investieren. Familienplanung? Auf jeden Fall! Aber jetzt? Ernsthaft...wie stehe ich dann vor meinem Chef da? Ich will ihm doch signalisieren, dass ich 200% für meinen Job lebe.

Außerdem: Ich kann mit meinen männlichen Kollegen beim olympischen Erklimmen der Karriereleiter nur mithalten, wenn ich nicht ausfalle. Schon gar nicht für längere Zeit und schon überhaupt nicht wegen Kindern. So ist das heutzutage nun mal.

Dass mir mein Arbeitgeber nun anbietet, die Kosten für das Einfrieren meiner noch jungen, frischen Eizellen zu übernehmen, klingt paradiesisch. Eine edle, eine soziale Geste. Und was für eine großartige Unterstützung! So kann ich mich voll und ganz auf meine Karriere konzentrieren und auf mein schockgefrostetes Erbmaterial zurückgreifen, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist.

Die Mütterfalle schnappt dann eben später zu

Stopp. Der Richtige Zeitpunkt? Ist das Vereinbarkeitsproblem in 5, 10 oder 15 Jahren ein anderes? Stehe ich dann nicht genauso vor der Frage, wie um alles in der Welt ich meine Kinder mit meinem Job in Einklang bringen kann?

Verlasse ich dann nicht ebenfalls hochschwanger meinen Arbeitsplatz und wiege mich für die anschließenden Monate immer wieder in der Unsicherheit, ob ich dorthin überhaupt zurückkehren kann? Ob man mich als Arbeitnehmerin schätzt, wenn ich vielleicht nicht mehr Vollzeit zur Verfügung stehe, ausfalle weil mein Kind krank ist oder an späten Meetings nicht mehr teilnehmen kann, weil ich als Mutter auch dafür sorgen muss, dass meine Kinder abends satt ins Bett kommen?

Hier geht es weder um die viel diskutierte Vereinbarkeitsfrage, noch darum den Frauen die Möglichkeit auf eine „Karriere" zu geben. Der Tagesspiegel hat es treffend formuliert: Apple und Facebook machen Frauen zu Leibeigenen. Und wer nicht mitspielt, macht sich verdächtig und bekommt den Stempel sofort aufgedrückt, den die gekauften, späteren Mütter eben erst in 5, 10, 15 Jahren auf der Stirn tragen.

Das Gespenst der Vereinbarkeit


 
Diese Debatte ums Social Freezing macht mich wütend. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein künstliches Problem unserer Gesellschaft. Ein Problem, das überwiegend Frauen angelastet wird. Der Tenor hat sich in den letzten Jahren verändert. Wir haben es weg von Kind oder Karriere hin zu Kind und Karriere geschafft. Dass das immer noch ein erschöpfender Drahtseilakt ist, verdanken wir nicht zuletzt den Unternehmen, in denen wir arbeiten.

Statt Akzeptanz, familienfreundlichen Arbeitszeitmodellen oder gar Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder, heißt es in den meisten Firmen friss oder stirb.

Vereinbarkeit kann unter diesen Voraussetzungen nicht funktionieren.

Dass Apple und Facebook nun wieder zurück zu Kind oder Karriere steuern, das ganze sogar noch listig unter dem edlen Deckmantel der Güte und sozialen Unterstützung verschleiern, ist - Entschuldigung! - zum Kotzen und darüber hinaus ein Eingriff, der viel zu weit geht.

Ein Schlag ins Gesicht für all jene, die wollen, aber nicht können

Und dann ist da noch die dritte Seite der Medaille. Die, der im Rahmen dieser Debatte bis jetzt viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

Ich war jung. Noch nicht mal Mitte 20, als mir die Ärzte ziemlich direkt mitteilten, dass das mit dem Kinderkriegen bei mir nichts wird. Ich träumte immer von Kindern, steckte mitten im Jurastudium und kehrte gerade nach sieben Monaten Auslandsstudium und Praktikum nach Berlin zurück.

Mein Freund (heute Mann) und ich beschlossen damals, dass wir die Familienplanung so langsam in Angriff nehmen könnten. Aber es passierte nichts. Ich hätte besser damit leben können, wenn nur ich die „Schuldige" gewesen wäre. Aber es traf uns beide und so war relativ schnell klar, dass nur eine ICSI uns zu unserem Wunschkind bringen könnte.

Wir waren zu jung und zudem nicht verheiratet und fielen für eine Kostenübernahme durch das Raster der Krankenkassen. Wir kratzten all unser Erspartes zusammen und saßen, fast schwindelig vor Anspannung, vor den Reproduktionsmedizinern. Ich begann zeitgleich in einem tollen, jungen Unternehmen zu arbeiten.

Der Job war mein Leben, die Firma meine Familie. Ich gab mich völlig auf.

Und ich schmiss mein Jurastudium nach halber Strecke, um dieses verdammte Geld für die Behandlungen zusammenzukriegen. 7000 Euro allein für den ersten Versuch. Umsonst, denn ich wurde nicht schwanger. Es war, als würde ich diesen Batzen Geld in die Hand nehmen, das Fenster öffnen und es einfach loslassen...

Die Behandlung war eine Tortour. Die Hormone, das tägliche Spritzen in den Bauch, die vielen Ultraschallkontrollen, die Schmerzen, die Anspannung und Verzweiflung, auf diesen einen Weg angewiesen zu sein. Verdammt! Und dann alles umsonst. Es folgten fünf weitere Behandlungszyklen in den folgenden 1,5 Jahren.

Ich arbeitete währenddessen beinahe bis zur Selbstaufgabe. Es machte Spaß, keine Frage. Aber es war auch die einzige Möglichkeit, gleichzeitig das Geld für die Behandlungen zusammen zu kriegen und mich selbst so sehr in die Arbeit zu stürzen, dass ich mich nicht täglich damit konfrontiert sah, eben nicht einfach so schwanger zu werden.

Hätte man mir damals 20.000 Euro geboten, damit ich meinen Kinderwunsch aufschiebe, mir Eizellen entnehmen lasse, um mir diese zu einem späteren Zeitpunkt wieder einsetzen zu lassen, ich hätte vor Wut und Schmerz geschrien. Es wäre ein verdammter Schlag ins Gesicht gewesen. Als solchen empfinde ich diese obskure Debatte im übrigen immer noch. Auch wenn ich mittlerweile zwei Kinder habe.

Social Freezing - eine neue Dimension der Reproduktionsmedizin

Eizellen zu entnehmen und für spätere Zwecke einzufrieren, etwa vor einer anstehenden Krebsbehandlung, ist seit Jahren eine gängige Methode. Und auch die klassische Reproduktionsmedizin ist weiter auf dem Vormarsch. Berechtigt oder nicht sei einmal dahingestellt.

Was beide gemeinsam haben: Die Behandlung ist medizinisch notwendig! Vor den Frauen liegt in beiden Fällen eine wahre Tortour. Eine Qual für Körper und Seele, die sich Menschen, die glücklicherweise einfach so Kinder bekommen können, überhaupt nicht vorstellen können und müssen.

Und nun kommen zwei Unternehmen und demonstrieren gütig ihre soziale Verantwortung gegenüber ihren Arbeitnehmerinnen, bieten lächerliche 20.000 Euro für etwas, das wie ein Spaziergang klingt. Als könne die Hormonstimulation und Eizellentnahme zwischen zwei wichtigen Meetings in der Mittagspause erledigt werden.

Eine gesunde Frau lässt sich von ihrem Arbeitgeber die Konservierung ihrer Fruchtbarkeit bezahlen. Verkauft als eine präventive Maßnahme, um in der Karrierewelt mitspielen zu können, ist es tatsächlich ein völlig unnötiger Eingriff in die Natur. Wir scheinen nicht nur eine neue Dimension der Reproduktionsmedizin erreicht zu haben, sondern auch noch ein neues Level an Vereinbarkeitsmöglichkeiten.

Es ist einfach nur widerlich!

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Die Autorin betreibt den Blog Herz und Liebe.

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