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Ich leite eine kleine Kita - und muss zehn Eltern absagen, jeden Tag

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KITA BERLIN
dpa
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Ich leite mit meiner Kollegin Marianna Carmuti in einer kleine Kita in Köln, Gartenkinder haben wir sie genannt. Jeden Tag rufen mich Eltern an, die verweifelt einen Platz für ihr Kind suchen. Und jeden Tag muss ich Nein sagen. Jeden Tag zu zehn Eltern.

Es tut weh zu hören, wie frustriert, bedrückt, ja ratlos viele dann sind. Am Kita-Platz hängt für viele die Existenz. Kein Kita-Platz, kein Job, keine Lebensqualität, keine Wohnung, keine Perspektive.

Ich höre jeden Tag solche Geschichten. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir eine alleinerziehenden Mutter. Die Tagesmutter ihres eineinhalbjährigen Kindes musste aufhören, ich glaube, weil sie krank war. Die Frau hat mich unter Tränen am Telefon angefleht, ihre Tochter aufzunehmen. Denn sonst würde sie auch noch ihren Arbeitsplatz verlieren.

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Der Fall ist meiner Kollegin Marianna und mir so nahe gegangen. Wir haben versucht, die Aufnahme eines anderen Kindes aufzuschieben. Oder das Kind zusätzlich aufzunehmen. Aber wir waren schon so hoffnungslos überbelegt, dass es einfach nicht ging. Danach habe ich nichts mehr von der Frau gehört. Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist.

Fast 300.000 Betreuungsplätze fehlen

Fast 300.000 Kita-Plätze fehlen in Deutschland für die ganz Kleinen, in NRW soll es besonders knapp sein. Und so knapp ist es schon lange.

Vor fünf Jahren haben Marianna und ich in einer privaten Kita gearbeitet. Es war die Zeit, als der Rechtsanspruch auf Betreuung für Ein- und Zweijährige eingeführt wurde. Der Andrang war unfassbar hoch damals.

Der Staat konnte offensichtlich nicht halten, was er den Eltern versprochen hatte. Da dachten wir, wir nehmen das selbst in die Hand und gründen eine neue Kita.

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Der Unternehmergeist hat uns nicht dazu getrieben, mit Kinderbetreuung verdient man nicht viel. Aber wir wollten unseren Beitrag leisten, dass Kinder einen guten Platz haben.

Ein Jahr haben wir gebraucht, bis wir eröffnen konnten. Die Immobiliensuche war kein Spaß. "Kinder? Auf gar keinen Fall." So etwas habe ich oft zu hören bekommen. Irgendwann war ich dann so geladen, dass ich geantwortet habe, wir wollten nur Kinder unterbringen. Und keine Monster. Irgendwann hatten wir Glück und einen super Vermieter gefunden.

Selbst der Fußball-Star kriegt keinen Platz für sein Kind

Damals hätten wir nicht gedacht, dass der Andrang Jahre später immer noch so hoch sein würde. Dass Eltern anrufen und anbieten, ein Jahr im Voraus zu bezahlen, oder die Kita mit Fahrrädern aus ihrem Radladen auszustatten, nur um einen Platz zu bekommen.

Dass Eltern dann noch immer versuchen, schon ihre ungeborenen Kinder anzumelden. Dass Eltern ihre Kinder in eine fünf Kilometer entfernte Einrichtung fahren, weil es in der Nähe einfach kein Platz zu kriegen ist.

Bei uns stand sogar ein Fußballer aus Köln vor der Tür. Jemand, der wirklich bekannt ist in der Stadt. Auch ihm musste ich absagen. Das Problem betrifft alle.

Heute gibt es zwar mehr Kita-Plätze als früher, aber ich habe den Eindruck, dass es sich heute kaum noch jemand erlauben kann, drei Jahre zu Hause zu bleiben. Der Druck, wieder in den Arbeitsmarkt einzusteigen, ist offenbar höher als früher, und finanziell ist eine längere Pause für viele Eltern nicht zu stemmen.

Große Versprechen, leere Versprechen

Zur Landtagswahl vergangenes Wochenende konnten wir hier auf jedem vierten Plakat lesen, was die Politik nicht alles für Kinder tun wollte. Überall Werbung für mehr Kita-Plätze. Ob da wirklich was kommt?

Ich bin skeptisch. Ich habe solche Versprechen schon zu oft gehört. Vor der Wahl wird gesagt, was die Gesellschaft hören will. Und danach ist genau das auf einmal nicht mehr so wichtig.

Mehr zum Thema: Ein Bild zeigt das ganz Versagen des Staates bei der Unterstützung von Familien

Das ist so kurzsichtig. Die Probleme treffen nicht nur die Eltern, sondern auch die Kinder. Sie spüren genau, wie verzweifelt ihre Eltern sind. Und eigentlich sollten sie einfach Kind sein dürften, spielen und lernen, wie man sich in einer Gruppe verhält. Für Leben lernen eben.

Zwar bekommen private Kitas wie wir Zuschüsse von der Stadt Köln und vom Land. Aber das reicht nicht.

Der Staat muss mehr Geld investieren - und die Regeln ändern

Die Auflagen für eine neue Kita sind extrem hoch. So müssen wir alles behindertengerecht bauen für den Fall, dass eines unserer Kinder eine Behinderung entwickelt. Dass wir das Kind dann gar nicht mehr betreuen dürften, weil keine von uns die Ausbildung dazu hat, spielt keine Rolle.

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Außerdem muss die drei- bis fünfjährige Ausbildung zur Erzieherin endlich bezahlt werden. Wie bei jedem Lehrling auch. Bislang gibt es nur im letzten Jahr Geld - obwohl alle Vollzeit arbeiten. Ich habe während meiner Ausbildung nebenher gekellnert und im Supermarkt gearbeitet. Und bei Mama gewohnt.

Außerdem sollte die Stadt sollte selbst mehr Kitas eröffnen. Und zwar nicht nur große, die man nur an wenigen Standorten bauen darf. Unter der Hand hören wir, dass sich kleine Einrichtungen wie unsere mit nur zwei Gruppen offenbar nicht lohnen.

Es stimmt schon, dass der Gewinn nicht hoch ist. Aber ehrlich: Ich finde trotzdem, dass es der schönste Beruf der Welt ist.

Wenn die Kinder am morgen lachend kommen und weinen, wenn sich nach Hause gehen sollen oder in die Schule kommen, dann weiß ich, dass wir es richtig gemacht haben.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

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