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An den wütenden Mann, der sich weigerte, auf der Rolltreppe einen Schritt nach rechts zu gehen

02/12/2017 09:28 CET | Aktualisiert 02/12/2017 10:34 CET

Es ist eines dieser ungeschriebenen Gesetze, die besonders Menschen in Großstädten wie München eigentlich kennen sollten. Befindet man sich auf einer Rolltreppe, beispielsweise auf dem Weg zur S- oder U-Bahn, dann gilt: "Rechts stehen, links gehen". Als in England lebte, las ich sogar Hinweise in der Londoner Tube, die auf diese altbewährte Regel spezifisch hingewiesen haben.

Natürlich bin auch ich manchmal so im Gespräch mit Freunden vertieft, dass ich gar nicht merke, dass ich "falsch" stehe. Oft erinnere ich auch meine Mutter kurz daran sich doch lieber rechts statt neben mich zu stellen, wenn sie mich in München besucht und sich "falsch einordnet". In kleineren Orten wie meiner Heimatstadt benötigt man diese Regel ganz einfach nicht.

  • Im Video oben: Stehen oder gehen auf der Rolltreppe? Wissenschaftler haben den effektivsten Weg gefunden

In Städten wie London oder München erleichtert sie meiner Meinung allerdings nach den Alltag. Wer Zeit hat und stehen bleiben möchte, kann das ungestört auf seiner Seite tun. Menschen, die es eilig haben, kommen schneller an ihr Ziel, da ihnen der Weg dafür freigehalten wird. Es ist eine einfache und unkomplizierte Regelung, die leicht zu verstehen und umzusetzen ist - das sollte man zumindest denken.

Nicht jeder schafft es, eine so einfache Regel zu befolgen

Auf meinem Weg in die Arbeit habe ich dann eine Situation an einer Rolltreppe mitbekommen, die mich immer noch wirklich sauer macht. Ein älteres Ehepaar hatte sich vor mir auf eine sonst leere Rolltreppe in der Innenstadt gestellt, um zur S-Bahn zu gelangen - die Frau auf der rechten Seite, der Mann eine Stufe hinter ihr auf der linken.

Zuerst ging ein junger Mann an mir vorbei die Treppe hinunter. Er entschuldigte sich bei dem Mann, der reagierte allerdings nicht. Wortlos schlängelte sich der Passant um das Paar herum und lief weiter.

Der ältere Herr rief ihm empört nach, dass die 'normale' Treppe direkt daneben wäre, wenn er lieber gehen wolle und stellte sich dann eine Stufe hinunter, neben seine Frau, um den Weg nach unten nun komplett zu versperren. Ich war zwar anderer Meinung als der Herr, habe mir aber nichts Weiteres dabei gedacht.

Nur wenige Sekunden später lief eine junge Frau, ungefähr in meinem Alter, ebenfalls die Rolltreppe herunter und musste dann auch bei dem Paar stehen bleiben. Sie bat höflich, ob sie bitte kurz an den beiden vorbei gehen dürfe. Darauf wiederholte der Senior nochmals empört seine Aussage von zuvor und verweigerte ihr vehement den Weg.

"Aha. Na wenn das so ist, dann ist mir das aber egal"

Zu meiner Überraschung konterte die Frau: "Aber Sie wissen, dass man nicht nur auf einer Treppe, sondern auch auf einer Rolltreppe die Stufen verwenden darf, oder? Es gilt 'rechts stehen, links gehen' und Sie befinden sich links und gehen ja ganz eindeutig nicht. Sie können ja gerne weiter stehen, wenn Sie mich kurz vorbeilassen."

Anstatt einfach nur wortlos einen Schritt nach vorne und nach rechts zu machen, wurde der Herr nun noch wütender und meinte: "Aha. Na, wenn das so ist, dann ist mir das aber egal."

Obwohl ich nicht betroffen war, wurde ich in diesem Moment so wütend, dass ich kurz überlegte, mich ebenfalls zur Debatte zu äußern. Und auch, wenn ich jetzt an die Situation zurückdenke, kocht es wieder in mir auf.

Denn zu allem Überfluss fuhren die beiden Herrschaften anschließend hinter mir die nächste Rolltreppe herunter und ich konnte hören, dass der Mann seinen fehl platzierten Jähzorn noch immer nicht zu Ende ausgelassen hatte.

Er machte seiner Wut über die höflichen Bitten der beiden jungen Menschen immer noch lauthals Luft. Er sei zu gar nichts verpflichtet, meinte er und er habe so gar kein Verständnis für andere, die es eilig hatten von A nach B zu kommen.

Ich habe kein Verständnis für so ein Verhalten

Ich war kurz davor mich umzudrehen und ihm zu sagen, dass es für ihn aber auch keinen Grund gibt, sich immer noch über eine so derartig kurze, unbedeutende Situation aufzuregen. Aber ich sah die Ironie darin mich über seinen Zorn aufzuregen und ließ es bleiben.

Doch das ändere ich nun. Ob man der Regel nun zustimmt oder nicht, spielt für mich in diesem Moment eigentlich gar keine Rolle. Vielmehr habe ich kein Verständnis für dein Verhalten. Denn ich verstehe nicht, wie jemand so unfreundlich und starrköpfig wegen einer solchen Banalität sein kann. Wenn man einem Menschen, mit der kleinsten Geste, den Tag erleichtern kann, ohne dass man selbst auch nur den Hauch eines Nachteils hat - warum tut man es dann nur aus reiner Sturheit nicht?

Denn was wäre denn ein legitimer Grund für dich gewesen die höflichen Bitten der jungen Menschen zu verneinen? Du warst weder zu schwach oder gebrechlich um deine Position zu ändern, noch hättest du dich gerade mit deiner Frau unterhalten, was zumindest noch ansatzweise rechtfertigen würde nebeneinander zu stehen. Auch, wenn man sich auch unterhalten kann, wenn man hintereinander auf der Rolltreppe steht. Glaub mir, ich war mal ganz verrückt und habe das ausprobiert und es funktioniert wirklich!

Warum war es dir also dann nicht möglich einfach nur einen Schritt auf die Seite zu machen? Wir reden hier über keine große, weltbewegende Geste, sondern einen kleinen Schritt nach rechts.

Versuche dich doch einmal in die Situation anderer hineinzuversetzen

Wenn du kein Verständnis für Menschen in Eile hast, dann lass mich dir erklären, warum ich das durchaus habe: Ich war in den letzten drei Jahren Pendler. Jeden Tag bin ich von Rosenheim für meine Arbeit und mein Studium nach München gefahren.

Mein Zug ging im Stundentakt und meine Arbeit endete stets zu einer Zeit, die es mir fast unmöglich machte den nächsten Zug nach Hause pünktlich zu schaffen. Kam ich nur wenige Minuten später als sonst aus meiner Arbeit, so musste ich eine Stunde am Bahnhof totschlagen.

Oft ließ es sich dann für mich nicht vermeiden, eine Rolltreppe nach der Nächsten hoch und runter zu rennen, um irgendwie doch noch pünktlich am richtigen Gleis anzukommen. Ob du es glaubst oder nicht: Menschen, wie du, die mir den Weg auf der Rolltreppe versperrten, waren des Öfteren der Grund, warum ich eine Stunde lang in der Kälte stehen musste und erst spät in der Nacht daheim angekommen bin. Ein Ärgernis, das leicht hätte vermieden werden können ohne, dass irgendwer große Opfer bringen muss.

Im Sommer diesen Jahres schaffte die Münchner Verkehrsgesellschaft für einige Rolltreppen am Hauptbahnhof eine neue Regelung, die mich und wahrscheinlich auch andere Menschen, die meine Situation kennen, auf den ersten Blick verwirrt. Aufgrund von Bauarbeiten war es auf den Rolltreppen zur U-Bahn nicht mehr erlaubt, auf den Treppen zu gehen. Wenn sich auf jeder Seite zwei Menschen eine Stufe teilen würde, soll das schneller gehen und auch sicherer sein.

Geändert hat sich in München allerdings bis heute nichts. Und ich erwarte auch keine Veränderung. Es wird sie wohl immer geben. Die eiligen Rolltreppenrenner, die reisenden mit Koffern bepackten Rolltreppenversperrer, die "Links gehen, rechts stehen" Verfechter und ihre Gegner, so wie dich. Vielleicht weiche ich von nun an dann einfach auf die Treppe aus um sämtliche mögliche Konflikte zu meiden und nebenbei vielleicht sogar etwas für meine Fitness zu tun.

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