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Ich bin arm und Mutter von 5 Kindern: 5 Gründe, wie unsere Armut meinen Kindern hilft

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Es gibt eine Menge Posts über das Elternsein und darüber, wie man seine Kinder erziehen sollte.

Die Inhalte dieser Beiträge gehen von "Wie man zu den perfekten Eltern wird in zehn Millionen einfachen Schritten", bis hin zu neuen und verbesserten Themen wie "Wie ihr es schafft aufzuhören, immer die besten Eltern sein zu wollen - in zehn Millionen einfachen Schritten".

Dann gibt es immer noch ein paar andere Postings, wie: "Die-perfekten-Eltern-sein-ist-schlecht-für-deine-Kinder. Warum-würdest-du-ihnen-so-etwas-antun. Egal-du-musst-endlich-anfangen-die-Sachen-die-du-auf-Pinterest-gesehen-hast-umzusetzen".

Ja, ich weiß, ihr habt diese Artikel bestimmt auch schon tausendmal gesehen.

Manche dieser Posts sind für (oder handeln von) armen Eltern wie mir. Ich kann mich zwar mit vielen dieser Beiträge identifizieren, aber trotzdem schwingen auch immer gemischte Gefühle mit.

Auf der einen Seite tut es gut zu wissen, dass ich nicht alleine mit der Notlage bin, in der ich mich als arme Mutter befinde. Auf der anderen Seite ist es natürlich nicht gerade aufbauend, immer wieder an diese miserable Lage erinnert zu werden. Vor allem, wenn man gerade versucht, diese Zeit irgendwie zu überstehen.

Wenn man in Not ist, liebt man Gesellschaft, klar. Aber warum sind wir dann immer unglücklich? Gibt es überhaupt einen Grund dazu? Müssen wir das überhaupt sein?

Nein, das sind wir nicht und das müssen wir auch nicht sein! Ich für meinen Teil bin zumindest nicht immer unglücklich.

Also, was für Gründe gibt es, nicht in Selbstmitleid zu versinken, weil unsere Kinder in Armut aufwachsen?

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Hier kommen die fünf besten Gründe dafür, glücklich und dankbar zu sein:

1. Unsere Kinder müssen lernen, dankbar zu sein

Ich will damit nicht sagen, dass die Eltern, die wohlhabender sind als wir, ihren Kindern nicht beibringen bescheiden und dankbar zu sein. Aber Kinder aus armen Verhältnissen haben in diesem Punkt einfach nicht die Wahl.

Meine eigenen Kinder haben von ihrem ersten Tag an gelernt, dass sie nicht alles bekommen, was sie sich im Leben wünschen. Nicht, weil ich es ihnen nicht ermöglichen will, sondern weil ich es ihnen schlichtweg nicht ermöglichen kann.

Zu sehen, dass ich als ihre Mama nichts lieber tun würde, als ihnen ihre Wünsche zu erfüllen und in diesem Punkt trotzdem machtlos bin, zeigt ihnen nicht nur, dass die Welt ihnen nicht alles gibt, nach dem sie fragen. Es macht sie auch besonders dankbar für die Dinge, die sie haben.

Obwohl alle Eltern ihren Kindern Dankbarkeit beibringen können, haben Eltern, die selbst nicht viel zum Leben haben, einen Vorteil. Sie können ihren Kindern in Echtzeit zeigen, warum harte Arbeit wichtig ist.

2. Unsere Kinder bekommen täglich die Realität gezeigt

Ich habe mich von dem Vater meiner Kinder scheiden lassen. Das ist nichts, auf das ich stolz bin. Aber so ist das Leben eben. Ein Vorteil davon ist, dass es mir unzählige Möglichkeiten gibt, meinen Kindern zu zeigen, worauf es in ihrer Zukunft ankommt.

"Warum sind du und Papa geschieden?"

"Weil wir zu jung geheiratet haben. Macht das bloß nicht nach."

"Weil Mama noch nicht bereit war, Kinder zu bekommen, als du geboren wurdest. Geh zur Uni, mach Karriere, anstatt den erstbesten Job zu anzunehmen. Sei bereit für Kinder, wenn du welche bekommen willst."

Das versuche ich meinen Kindern täglich zu vermitteln. Mein Sohn, der momentan noch in der Schule ist, möchte nicht nur seinen Abschluss machen, sondern danach studieren und sich eine Karriere aufbauen. Meine Tochter, die gerade die Oberstufe besucht, hat gesagt, dass sie später einmal einen Doktortitel haben wird (nicht haben will).

Und das, weil ihre Mutter einen gewöhnlichen Studienabschluss hat und sie es besser machen möchte. Ich bin stolz auf das, was meine Kinder schon erreicht haben und in Zukunft noch erreichen werden.

Genauso bin ich jemand, der seine Kinder am liebsten rund um die Uhr verwöhnen würde. Hätte ich das Geld dazu. Dann würden meine Kinder aber, anstatt der wirklich nützlichen Sachen, ganz andere Dinge lernen.

3. Zeit mit der Familie ist unbezahlbar

Ich glaube euch, dass in die Therme gehen, ins Disneyland - oder an den Strand fahren, oder was auch immer es ist, das Familien aus der Mittelklasse oder reiche Familien zusammen machen - Spaß macht. Und ich gebe gerne zu, dass auch meine Familie solche Unternehmungen genießen würde. Trotzdem heißt das nicht, dass die Zeit, die wir zusammen verbringen, in irgendeiner Weise schlechter ist.

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Auch wir haben manchmal ein bisschen Geld übrig und können uns Sachen wie einen Fernseher, oder eine Videospielkonsole leisten (das ist für euch natürlich nichts Besonderes mehr). Diese Dinge sind super für Familien-Übernachtungspartys im Wohnzimmer mit Popcorn und Videospiel-Wettbewerbe. Oder einfach, um gemeinsam einen Film zu schauen.

Es gibt aber auch ein paar kostenlose, oder günstigere Sachen, die wir öfter mit der Familie unternehmen.

In unserer Heimatstadt gibt es zum Beispiel im Stadtpark einen großen Brunnen, in dem die Kinder planschen können. Da gehen wir im Sommer öfters hin, wenn es warm ist und picknicken danach noch im Park. Wenn wir uns das Essen von zuhause mitbringen, kostet das Ganze gerade mal die drei Euro, die wir für den Parkschein zahlen müssen, und trotzdem haben meine Kinder einen Heidenspaß.

Wir gehen oft auch Campen, das macht nicht nur den Kindern Freude, sondern hilft uns auch Zeit miteinander zu verbringen, ohne dabei ständig von unserem alltäglichen Leben abgelenkt zu werden.

Hier müssen wir natürlich ein bisschen mehr bezahlen, mit Spritgeld und den Lebensmitteln die für den Urlaub gekauft werden müssen. Aber es gibt viele kostenlose Campingplätze, mit denen man sich viel Geld sparen kann. Insgesamt bezahlen wir für ein ganzes Familien-Spaß-Wochenende nicht mehr als 40 Euro, manchmal sogar weniger.

Im Winter gehen wir Schlittenfahren im Park, mit hausgemachter heißer Schokolade, oder machen einen Spieleabend.

Ich will damit nicht sagen, dass unsere Zeit als Familie in irgendeiner Weise besser ist, als die von anderen. Ich möchte einfach nur aufzeigen, dass auch wir diese Momente haben und dass es auch als arme Familie möglich ist, eine tolle Zeit zusammen zu verbringen.

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4. Es braucht Arbeit

Es kann sein, dass du dir jetzt denkst: "Das weiß ich doch alles schon, aber ich dachte, in diesem Beitrag soll es um die positiven Sachen gehen."

Lass es mich erklären.

Ich sitze hier nicht und sage, dass ich weiß, wie es ist, Kinder mit viel Geld zu erziehen. Das wäre idiotisch und obendrein noch eine Lüge.

Nachdem ich das klargestellt habe, möchte ich sagen: Ich kenne mich. Hätte ich genug Geld, würde ich wahrscheinlich alles tun, was das Elternsein einfacher macht.

Weil dem jedoch nicht so ist, muss ich mir mehr Zeit nehmen, um tolle Momente mit meinen Kindern zu erleben.

Zwischen meinem Job, den Rechnungen, und dem täglichen Stress nicht zu wissen, wie sich diese beiden Dinge in der Zukunft entwickeln werden, wäre es einfach, meine Kinder zu vergessen.

Ich muss mir also wirklich gezielt Zeit nehmen und versuche so zum Beispiel, meiner zwölfjährigen Tochter zu zeigen, wie sie das Loch, dass die Waschmaschine in ihr T-Shirt gerissen hat, selbst nähen kann.

Es ist harte Arbeit, mir kreative Geburtstagsfeiern auszudenken, ohne dass ich das passende Budget dazu habe. Es fällt mir nicht leicht, meine Kinder nur für die Aktivitäten in der Schule anmelden zu können, die kostenlos sind. Aber immerhin haben sie so überhaupt die Chance, ins Leichtathletiktraining zu gehen, oder in einem Chor zu singen.

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Die harte Arbeit hört nicht auf, wenn ich versuche ein besonderes Abendessen zu planen, das nicht nur aus Brot und Gerichten aus der Tiefkühltruhe besteht, oder mir Zeit zu nehmen, um mit meinen Kindern zu kuscheln, obwohl meine Gedanken darum kreisen, wie ich es schaffen soll, die Nebenkostenabrechung zu bezahlen.

Meine Kinder sind zwischen sechs und sechzehn Jahre alt. Und sie sind nicht dumm. Sie bekommen diese Sachen mit. Und sie wissen, dass Mama und ihr Stiefpapa gestresst sind.

Aber sie sehen auch mehr als das. Sie sehen die Liebe. Sie sehen die Hingabe. Und sie verstehen, dass egal was passiert, sie immer das Wichtigste in unserem Leben sind.

Das wissen sie, weil es so viel Arbeit ist, ihr Leben so sorglos und normal zu halten, wie möglich. Selbst, wenn unser eigenes dabei fast auseinanderfällt.

5. Unsere Kinder sind empathisch

Nochmal: Ich möchte nicht sagen, dass wohlhabendere Kinder nicht mitfühlend sein können. Was ich sage, ist lediglich, dass meine Kinder Empathie empfingen für diejenigen, die diese benötigen. Das alles, weil sie wissen, wie es sich anfühlt, in Not zu sein.

Sie zeigen diese Eigenschaft täglich, zum Beispiel in der Tafel, wenn sie anderen Kindern den Nachtisch abgeben, den sie gerade bekommen haben, weil diese Kinder vielleicht keine große Schwester haben, die für sie backen kann.

Meine mittlerweile 16 Jahre alte Tochter, hat sich schon im Alter von acht Jahren für ihre Freundin, die in der Schule gehänselt wurde, eingesetzt. Und das, weil sie selbst schon oft genug ausgelacht wurde, weil sie die "falschen" Klamotten anhatte.

Mein neunjähriger Sohn teilt alles, was er bekommt, mit seiner kleinen Schwester, weil er weiß, dass so schnell vielleicht keiner von beiden wieder so etwas Tolles bekommen wird.

Ich habe schon oft Komplimente dafür bekommen, nicht immer dafür, wie wohlerzogen meine Kinder sind. Sondern vor allem dafür, wie gut sie einander behandeln. Die Worte von einer älteren Dame werde ich wohl nie vergessen: "Es ist so schön, Ihre Kinder zusammen zu sehen. Man kann wirklich spüren, dass sie sich gegenseitig sehr lieb haben."

Prahle ich gerade? Vielleicht ein bisschen. Aber nur, weil ich weiß, dass meine Kinder, wenn sie nicht in so harten Verhältnissen aufgewachsen wären, niemals so geworden wären, wie sie jetzt sind.

Natürlich haben auch mein Einfluss und meine Bemühungen eine Auswirkung darauf gehabt. Aber nochmal: Ich bin die Art Mutter, die ihre Kinder von A bis Z verwöhnen würde, wenn sie das Geld dazu hätte.

Und wäre das der Fall, würden sie sicher nicht verstehen, wie es sich anfühlt, bedürftig zu sein. Am Boden zu sein. Außenseiter zu sein. Ohne dieses Verständnis fällt es schwer, sich mit denjenigen zu identifizieren, die in derselben Situation sind.

Ich sitze nicht hier und sage euch, dass ich für immer arm bleiben will. Wie die Mehrheit der Menschen möchte auch ich nur das beste Leben für mich, meinen Mann und meine Kinder.

Deshalb habe ich so hart gearbeitet, um meinen Masterabschluss zu bekommen. Immer noch bin ich traurig, dass ich hauptsächlich nur über die schlechten Seiten des Armseins höre.

Arme Eltern sind nicht gleich schlechte Eltern. Und wir sind nicht immer unglücklich.

Tatsächlich kann es manchmal auch ziemlich toll sein, eine arme Familie zu sein.

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Dieser Text erschien zuerst in der HuffPost US und wurde von Rebecca Nothvogel aus dem Englischen übersetzt.

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