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Bekenntnisse einer Vollzeitmama

27/01/2016 13:00 CET | Aktualisiert 27/01/2017 11:12 CET
Jessica Johnston

Du glaubst vermutlich, dass ich Yogahosen und Sportshirts trage, weil ich den ganzen Tag Pilates mache, während meine Kinder Mozart auf ihren Harmonikas üben. Um das einmal klarzustellen: Ich trage sie, weil sie dehnbar sind.

Wenn ich einmal keinen Berg Wäsche vor mir habe, bringe ich ihnen Französisch bei und helfe ihnen, Rembrandt-Replika mit ihren Buntstiften zu malen. Das habe ich zwar bisher noch nicht gemacht, mein Ziel ist es jedoch, den Boden des Wäschekorbs zu erreichen, bis sie in ihren 30ern sind. Ich freue mich schon riesig darauf, endlich loszulegen.

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Ich leide an Kinder-Taubheit.

Wenn mein Mann und ich zusammen unterwegs sind und er fährt, höre ich entspannt Musik im Radio und zupfe mir die Augenbrauen. Völlig selbstverständlich. Doch nach einer Weile merke ich, wie sich seine hochgezogenen Augenbrauen tief in meine Seele bohren. Das kann das Selbstbewusstsein einer Frau ganz schön ins Wanken bringen. Irgendwann werden die Anspielungen dann so direkt, dass ich sie nicht länger ignorieren kann. „Was?"

„DIE KINDER", sagt mein Mann.

„Was?", frage ich nach.

„Ich muss FAHREN, kannst du nicht IRGENDETWAS TUN?"

Erst dann fällt mir das Geschrei auf dem Rücksitz auf. Es geht um einen Kassenzettel, den sie auf dem Boden gefunden haben und darum, wer nun der stolze Besitzer dieses Schatzes sein darf. Ich versuche ihm zu erklären, dass ich mir die Fähigkeit des „Ausblendens" auch erst antrainieren musste, doch er will sie nicht von mir lernen.

Es gibt nur einen einzigen Grund, warum ich im Frühling einen Parka trage, wenn ich die Kinder von der Schule abhole.

Ich konnte an diesem Tag keinen BH anziehen. Es ging einfach nicht.

Ich habe Freunde, die keinen Kaffee trinken.

Ich verstehe überhaupt nicht, wie sie so leben können. Meine Erziehungsstrategie lautet, dass ich nicht spreche, bevor ich meinen Kaffee bekommen habe. Jemand sagte mir einmal, dass man von einem Apfel mehr Energie bekommt als von einer Tasse Kaffee. Hmmm.

Also erstens bekomme ich von einem Apfel höchstens genug Energie, um zwei getoastete Käse-Bagel zu essen. Und zweitens habe ich es ausprobiert und wenn sich dein Körper durch die Energie eines Apfels wie Blei anfühlt und dein Gehirn wie Apfelmus, dann habe ich es auch erlebt.

Außerdem denke ich darüber nach, mir quer über die Brust ein Tattoo stechen zu lassen mit der Aufschrift: „Kaffee ist mein Leben."

Wenn ich mich anziehe und schminke, will ich auch irgendwo hingehen.

Selbst wenn es nur die Post oder der Baumarkt ist, ich brauche Zeugen. Ich habe mich heute angezogen und Kleidung getragen. Gern geschehen. Wenn du also nächstes Mal eine Mama siehst, die angezogen und geschminkt ist, dann nimm dir einen Moment Zeit und würdige es.

Vielleicht bietest du ihr sogar an, ein Foto zu machen und es mit dem Hashtag #hottie bei Instagram zu posten. Sie wollte eigentlich um 9 Uhr morgens aus dem Haus gehen und jetzt ist es 15:45 Uhr. Sie braucht die Bestätigung.

Das Essen der Kinder schmeckt am besten.

Es gibt einen Grund, weshalb ich so weit gesunken bin, Chicken Nuggets „für die Kinder" zu machen. Der Grund dafür ist, dass ich dann ganz zufällig 15 Stück davon selbst essen kann. Warum schmecken sie SO GUT?? Okay, ich kaufe solche Sachen nicht ständig (verurteile mich nicht dafür). Aber seien wir doch mal ehrlich: WIE unglaublich lecker sind eigentlich Käse-Makkaroni? Mehr muss ich dazu nicht sagen.

Es stimmt. Mein Gehirn befindet sich mittlerweile im Mama-Modus.

Eine Freundin von mir hat einmal ihren eigenen Namen vergessen, als sie eine Quittung unterschreiben sollte. Es dauert zehn Minuten, bis mir die Geburtsjahre meiner Kinder einfallen und ich muss dabei viel herumrechnen. Wenn Leute mich fragen, was ich vorhabe, starre ich sie so lange ausdruckslos an, bis sie sich unwohl fühlen. Ich will sie nicht hypnotisieren... Ich versuche, mich an meine Pläne für die Woche zu erinnern und tja, mir fällt nichts ein.

Socken sind meine Erzfeinde.

Wo sind sie? Es ist egal, wie viele davon ich kaufe. Und ich lege schon lange keinen Wert mehr darauf, dass sie „zusammenpassen" müssen. Ungleiche Sockenpaare gehören in unserem Haushalt irgendwie dazu aber wenn ich mit meinem 8-jährigen Sohn feilschen muss, weil er „einfach mal probieren" soll, ob die Socken seiner 4-jährigen Schwester ihm nicht auch passen... dann grenzt das schon an Verzweiflung.

Hi, ich hätte gerne ein Abo für 100 Paar neuer Socken pro Monat. In einer Größe, die jedem zwischen 2 und 30 Jahren passt. Danke.

Auszeiten gehören mir ganz allein.

Logisch. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, aber man weiß ja nie. Wenn ich mir eine Auszeit gönne, nasche ich Schokolade und schaue mir ein paar Videos auf YouTube an, in den Erwachsenensprache verwendet wird. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass diese Videos für bessere Laune sorgen und das überträgt sich auch auf mich.

Ich bin eben eine richtige Mama.

Wenn eine Gruppe von Kindern mitten auf der Straße entlang geht, kann ich nicht mehr einfach abwarten, bis sie mich bemerken und dann vorsichtig an ihnen vorbeifahren. Ich muss anhalten und ihnen ausführlich erklären, wie man es am besten schafft am Leben zu bleiben.

Unbeaufsichtigte Kinder lassen die „Sch-Bombe" platzen und den anderen Kindern fliegen die Splitter davon nur so um die Ohren? Kein Problem. Hier wird ein Mama-Vortrag gebraucht und ich kann ihn liefern. Meine neueste Spezialität.

Ich mag meinen Job.

Liebe Unbekannte, lieber Unbekannter, die/der du so dankbar bist, nicht mein Leben führen zu müssen. Du scheinst zu denken, dass ich dazu gezwungen wurde, meine Zeit mir kleinen Kindern zu verbringen. Vielleicht schockiert es dich zu erfahren, dass mein Mann mich nicht jeden Tag im Haus einsperrt.

Ich hänge freiwillig mit diesen kleinen Menschen ab. Ich werde wahrscheinlich nicht für immer Vollzeitmama sein, aber jetzt im Moment habe ich mir das so ausgesucht.

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Sie sind sehr „aktiv", aber sie sind auch kostbar und witzig. Ich mag zwar erschöpft sein, doch ich bin auf eine ziemlich wundervolle Weise erschöpft.

Dieser Blog ist ursprünglich bei der Huffington Post USA erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

Video:

Video: Nach diesem Video denkt ihr vielleicht anders über andere Mamas auf dem Spielplatz

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