Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform fĂĽr kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Jessica Donath Headshot

Franz Erhard Walther in Toronto

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

„Was hat denn das mit Kunst zu tun?" Dieser Frage begegnete Franz Erhard Walther schon als junger Künstler. Seine Antwort dass es sich bei seiner Kunst um eine „Skulpturensituation" handle, überzeugte in den späten 60er Jahren niemanden.

Walthers Kunstbegriff war schon immer ein radikalerer, und es scheint als hätte die internationale Kunstwelt sich ihm mit der Zeit angenähert. „Früher war es selbstverständlich dass eine Skulptur oder überhaupt ein Werk da war, aber es konnte nicht in der Zeit existieren," erklärte er. Walthers Ansatz erlaubt einem Werk für einen gewissen Zeitraum real zu existieren und dann wieder zu verschwinden.

2016-08-15-1471287161-3710502-DSCF0417.jpg

Auf seine lange künstlerische Schaffenszeit zurückblickend wirkt der 77-jährige der schon auf der Dokumenta '72 mit Joseph Beuys für Furore sorgte, aufgeräumt und ein bisschen stolz. „Ich war immer einsam und alleine," sagte Walther, der sich nie mit den Begriffen, die Andere seiner Kunstform anheften wollten, anfreunden konnte. Von aktionistischer minimal art in den 60ern zu body art und land art lehnte er alles ab.

Keine Performance!

Und dann kamen sie mit performance! „Das ist keine performance! Performance ist im Grunde erweitertes Theater - sie agieren vor Publikum. Hier sind die Akteure und Akteurinnen ihr eigenes Publikum. Das ist eine ganz andere Werkkonzeption," erklärte er im Museum Powerplant in Toronto, das als erstes Museum in Kanada eine große Einzelausstellung des Deutschen zeigt.

Sitzend auf einem seiner ersten Werksätze erholte sich der Künstler von einer solchen Werkaktivierung. Dieses Mal hauptsächlich mit Kindern. Da die Originale zu fragil sind, um noch aktiviert zu werden, steckten die kunstbegeisterten Kinder und einige wenige Erwachsene ihre Köpfe, Hände und Füße in eine von 26 Replikationen aus Stoff die genau zu diesem Zweck angefertigt wurden.

2016-08-15-1471287238-9208230-DSCF0451.jpg

„Der Kleine hier, der könnte genauso gut ein Bettlaken haben," beobachtete Walther einen seiner enthusiastischen Kunstaktivierer. Der sieben-jährige Matthew Zhao, der mit seiner Mutter an der Aktion teilnahm und zu den Stammgästen in der Galerie gehört, war begeistert. „Ich mache mit, weil es lustig ist und mich glücklich macht," sagte er.

Aktivierung lässt über Zeit nachdenken

Die mehr oder weniger langen Stoffstücke müssen in einer bestimmten Art und Weise auseinandergefaltet und wieder zusammengelegt werden. „Das verlangsamt einen und man denkt über die Zeit anders nach," bemerkte Powerplant Mitarbeiterin Nadijah Robinson, die die Aktivierungsaktion gemeinsam mit Walther leitete.

Am Ende bildeten neun Kinder und Erwachsene eine walking sculpture of nine (neunköpfige laufende Skulptur) und paradierten durch das gesamte Untergeschoss der Galerie. „Am Anfang war es ein komisches Gefühl," sagte Brad Allen aus Rochester, New York, der die Aufgabe hatte, die laufende Skulptur auf Trab zu halten. Auf der anderen Seite genoss er den etwas anderen Kunstansatz, bei dem er mitwirken durfte. „Man denkt sonst immer Kunst sei etwas Vorgegebenes." Hier sei das nicht so.

2016-08-15-1471287292-8610863-DSCF0483.jpg

Obwohl Walther, der eine 15-jährige Tochter hat, nach der Kinderaktion etwas erschöpft schien, blickte er doch zufrieden auf den Tag und seine Karriere zurück. Er fühle sich nicht mehr so allein mit seinem Kunstbegriff und nahm auch wahr, dass sich die Rezeption seiner Kunst geändert hat. „Junge Künstler haben diese Konzeption aufgegriffen. Für die bin ich so etwas wie eine Vaterfigur."

„Das bedeutet schon etwas. Auch wenn ich als Künstler weiß ich habe etwas wichtiges gemacht - vergessen werden ist nicht so schön," bemerkte er abschließend.

Franz Erhard Walther @ Powerplant Toronto, 231 Queens Quay West, Toronto, Ontario M5J 2G8, Canada, noch bis 26. September 2016.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform fĂĽr alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: