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Gibt es ein Trotzalter?

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LITTLE CHILD ANGRY
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Ungefähr zu Beginn des dritten Lebensjahres bringen Kinder ein neues Verlangen zum Ausdruck - das Verlangen nach bzw. den Willen zu größerer Selbstständigkeit und Unabhängigkeit von den Eltern. Traditionellerweise wird diese Phase (die eigentlich 18 Jahre lang anhält!) als "Trotzalter" bezeichnet.

In den USA wird sie manchmal auch "the trouble 2's" oder "the terrible twos" ("das schreckliche zweite Jahr") genannt. Beide Bezeichnungen bezeugen eine alte Tradition, der zufolge die Erwachsenen jeden Konflikt mit einer bestimmten Entwicklungsstufe des Kindes in Verbindung bringen.

Doch heute wissen wir, dass die Ursachen komplexer sind. Sie haben mit der Entwicklung des Kindes, aber auch mit der Fähigkeit und dem Willen der Erwachsenen zu tun, den Weg des Kindes zu begleiten. Darüber hinaus sagen die Konflikte in der Trotzphase etwas über die Qualität des Zusammenspiels zwischen Eltern und Kind in den vergangenen zwei Jahren aus.

Der Drang zur Selbstständigkeit

Kinder in diesem Alter wollen vor allem vieles selber machen: Zähne putzen, Schuhe anziehen, sich etwas zu essen aus dem Kühlschrank holen etc. Viele Eltern haben Schwierigkeiten damit, sich auf diesen Drang einzustellen. Wenn sie nur widerstrebend die totale Kontrolle aufgeben und sich nicht wirklich über den Selbstständigkeitsdrang ihrer Kinder freuen können, kommt es zu einem Machtkampf, der folgendermaßen aussehen kann:

"Selber Essen auftun!"
"Das schaffst du noch nicht. Ich mach das für dich."
"Selber machen!"
"Nein, lass mich ... siehst du! Jetzt habe ich wegen dir das Essen verkleckert. Ich hab doch gesagt, du bist zu klein."

In gewisser Weise haben die Eltern natürlich recht. Das Risiko ist groß, dass auf dem Weg von der Schüssel bis zum eigenen Teller etwas verloren geht.

Doch in der Kooperation zwischen Eltern und Kindern geht es nicht ums Rechthaben, sondern darum, den Kindern die Möglichkeit zu geben, all das zu lernen, was sie in wenigen Jahren beherrschen sollen. Darum müssen sie auch Dinge ausprobieren dürfen, die noch nicht einwandfrei funktionieren. Helfen sollte man ihnen erst dann, wenn sie darum bitten.

Kinder besitzen nahezu geniale Fähigkeiten, wenn es darum geht, etwas zu lernen. Unablässig versuchen sie Aufgaben zu lösen, die ein wenig zu schwer für sie sind. Erst in einer (viel) späteren Phase des Lebens lernen sie, ihre eigenen Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren - doch zu diesem Zeitpunkt sind sie längst von zu Hause ausgezogen.

Wenn Kinder plötzlich zu erkennen geben, dass sie vieles selbst in die Hand nehmen wollen, dann tut man gut daran, sie in diesem Bestreben zu unterstützen und ihnen Hilfe anzubieten - sofern sie das wollen:

"Selber Essen auftun!"
"Gut, also da bin ich mal gespannt, ob du das schaffst."
Wenn das Kind kleckert:
"Hoppla, das hätte ja fast geklappt. Soll ich dir helfen?"
"Nein, selber machen."
"Okay, du kriegst das schon hin."

Sollen am Morgen Jacke und Schuhe angezogen werden, ehe es in den Kindergarten geht, erklären viele Eltern ihre "Hilfsbereitschaft" damit, dass keine Zeit zu verlieren sei. Schließlich müsse man den Bus erreichen oder selbst rechtzeitig in die Arbeit kommen.

Zu diesem Argument muss ich leider sagen, dass es nur eine lausige Ausrede ist. Wenn Sie glauben, dass für die Entwicklung Ihrer Kinder am Morgen kein Platz ist, dann müssen Sie eben mehr Zeit einplanen. Stellen Sie sich vor, derselbe Junge sei inzwischen acht Jahre alt und rackere sich mit den Hausaufgaben ab:

"Ich komme mit den Matheaufgaben einfach nicht klar!"
"Gib nicht zu schnell auf. Es dauert immer ein wenig, etwas Neues zu lernen. Wenn du keine Geduld hast, wirst du nie etwas lernen!"

Aber natürlich gibt es im Leben einer Familie Situationen, in denen auch die sorgfältigste Planung durch unerwartete Begebenheiten durchkreuzt wird. Wie soll man sich in diesem Fall verhalten? Man bringt seine Anerkennung für die Lernwilligkeit seiner Kinder zum Ausdruck und entschuldigt die eigene Eile:

"Ich weiß, dass du es selber versuchen möchtest, und das finde ich auch sehr schön, aber leider habe ich es gerade so schrecklich eilig - darf ich es für dich tun?"

In neun von zehn Fällen wird das Kind halbherzig einwilligen, womit man sich zufrieden geben muss, wenn man schon die Selbstständigkeit eines anderen Menschen beeinträchtigt und wichtige Lernprozesse unterbindet. Eltern verlieren weder ihren Einfluss noch ihre enorme Bedeutung für ihre Kinder, wenn sie ihnen diese wichtige Lehre vermitteln. Hingegen gewinnen sie ein wenig mehr Zeit und Raum für sich selbst und einander.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Die kompetente Familie von Jesper Juul

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