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Erziehungskatastrophe: Wir müssen aufhören, unsere Kinder zu verhätscheln

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PROTECTIVE PARENT
Daniel Day via Getty Images
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Kinder brauchen Eltern als Leitwölfe, damit sie sich im Dickicht des Lebens zurechtfinden. Sie brauchen Eltern, die manchmal - es gibt da keine genaue Zahl - klare Signale senden. Wir sehen heute viele Familien, in denen die Eltern so große Angst haben, ihren Kindern zu schaden oder sie zu verletzen, dass die Kinder zu Leitwölfen werden. Und die Eltern streifen orientierungslos durch den Wald.

Meine Generation hat noch geglaubt, es sei ganz einfach. Wir dachten, wenn wir einfach das genaue Gegenteil dessen leben, was unsere Eltern gemacht haben, sei alles okay. Doch es war nicht alles okay, und auch die Männer und Frauen, die heute Eltern werden, haben kaum eine Vorstellungen davon, wie man als Familie so zusammenleben kann, dass alle zu ihrem Recht kommen.

Man kann natürlich als Individuum sehr starke Wertvorstellungen mitgebracht haben - aus der eigenen Familie oder aus der Gegend, dem Land oder der Kultur, aus denen man stammt -, aber eine gemeinsame deutsche, bayerische oder dänische Sammlung von Werten gibt es nicht. Das macht das Leben natürlich schwieriger. Entweder lebt man als Familie von Konflikt zu Konflikt, was dahin führt, dass es eine Riesennachfrage nach Lösungen gibt, die es nicht geben kann. Oder man muss reflektieren und nachdenken.

Man muss sich miteinander unterhalten, und man muss sich fragen: Was will ich als Basis für meine Familie, was will ich als Fundament für unser gemeinsames Heim? Und was finde ich so wertvoll, dass ich es meinen Kindern gern mitgeben möchte, weil ich glaube, dass es auch in zwanzig oder fünfzig Jahren noch wertvoll sein wird? Diese Fragen sind einfach zu stellen, aber sie sind nicht einfach zu beantworten. Und wie jede Krise bringt auch diese sowohl Leid als auch Potenzial für Wachstum und Veränderung mit sich.

Kinder wollen Erwachsene, die die Führung übernehmen

Woher wissen wir das? Wir wissen es aus Erfahrung: Kindern, die in Familien aufwachsen, in denen es keine oder nur ungenügende Führung durch Erwachsene gibt, geht es nicht gut, und sie können sich nicht richtig entwickeln. Dafür scheint es zwei Gründe zu geben. Der eine ist, dass Kinder zwar ihre Wünsche und Gelüste gut kennen, sie sich aber ihrer grundlegenden Bedürfnisse nicht bewusst sind.

Der andere Grund ist, dass man qualifizierte Anleitung braucht, um sich an eine Kultur anzupassen - an welche Kultur auch immer, sowohl in der Gesellschaft als auch innerhalb der Familie. Mit anderen Worten: Kinder werden mit großer Weisheit geboren, aber ihnen fehlen praktische Lebenserfahrung, Überblick und die Fähigkeit vorauszudenken.

Um diese Kompetenzen zu erlangen, brauchen sie Erwachsene. Wir müssen unbedingt begreifen, dass Führung und Erziehung völlig unterschiedliche Dinge sind, auch wenn die beiden Begriffe ständig miteinander verwechselt und im täglichen Sprachgebrauch sogar synonym verwendet werden.

Um ein Kind aufzuziehen und zu erziehen, muss der Erwachsene die Führung übernehmen.

Um ein Kind aufzuziehen und zu erziehen, muss der Erwachsene die Führung übernehmen. Wenn er oder sie das nicht kann beziehungsweise nicht will oder wenn Führung auf destruktive Art und Weise ausgeübt wird, wird niemand Erfolg haben - der Erwachsene wird seine Ziele nicht erreichen, und das Kind wird nicht in der Lage sein, sich zu entfalten und seine Persönlichkeit zu entwickeln.

Exakt formuliert müsste die Überschrift dieses Kapitels folgendermaßen lauten: Um fruchtbare und tragfähige Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern aufzubauen, müssen die Erwachsenen die Führung übernehmen. Every team needs a captain, jede Familie braucht ihre Leitwölfe.

Ich arbeite jetzt seit vierzig Jahren als Familienberater und Familientherapeut. Jede Zeit hat ihre Themen und Herausforderungen; in den letzten zwanzig Jahren bin ich einer ständig wachsenden Zahl von Eltern aus allen Gesellschaftsschichten begegnet, die sich über Themen wie morgens Aufstehen und Fertigwerden, Schlafen, Essen und Ähnliches beschweren.

Diese Punkte sind nicht an sich »problematisch«, aber die Tatsache, dass so viele Eltern und Kinder mit ihnen zu kämpfen haben, ist ein klares Zeichen für zu wenig Führung. Das heißt nicht, dass elterliche Führung früher besser war - nicht in dem Sinne, dass sie dem Wohlbefinden und der gesunden Entwicklung von Kindern gedient hätte. Aber sie war klarer und konsistenter, und das sorgte dafür, dass es weniger offene Konflikte gab.

Der heute so oft geäußerte Wunsch nach einer solchen elterlichen Führung klingt, als hätten heutige Eltern versehentlich den falschen Knopf gedrückt und müssten jetzt einfach den richtigen drücken. Wie Sie sicher wissen, ist es ganz so einfach leider nicht.

Mit einer primitiven Methode, Kinder zu manipulieren, ist es jedenfalls nicht getan.

Doch es sind nicht allein die Eltern, die in Schwierigkeiten stecken. Vor einigen Jahren habe ich mich während eines Vortrags sehr kritisch zu einer in Mode gekommenen Erziehungsmethode geäußert, die nach dem Grundsatz verfährt, gehorsame und folgsame Kinder zu belohnen. ...

Fast beschämt erzählte mir in der Pause die Leiterin eines kleinen Kindergartens, dass sie in Absprache mit den Erzieherinnen ebenjene Methode eingeführt habe, die ich so deutlich kritisiert hatte. Der Grund: "Wir waren nicht in der Lage, die Kinder am Ende des Tages dazu zu bringen, die Spielecke aufzuräumen."

Meine Antwort lautete: Wenn es den Erwachsenen in einer Tageseinrichtung nicht gelingt, in einer Gruppe von Drei- bis Sechsjährigen eine Atmosphäre und Kultur von Mitarbeit und Teilnahme zu erzeugen, müssen sie dringend ihre zwischenmenschlichen Kompetenzen überdenken und sie zusammen mit ihrem Führungskonzept grundlegend ändern. Mit einer primitiven Methode, Kinder zu manipulieren, ist es jedenfalls nicht getan.

Wenn es um Führung innerhalb von Familien, in Schulen oder auch in Unternehmen geht, wird die Beziehung zwischen den Führenden und denen, die geführt werden, traditionellerweise als Subjekt-Objekt-Beziehung definiert - mit dem Kind oder dem Angestellten als Objekt. Inzwischen wissen wir, dass Subjekt-Subjekt-Beziehungen für alle Beteiligten besser funktionieren, dass sie konstruktiver und fruchtbarer sind und dass sie mehr Gemeinsamkeit schaffen.

Sie fördern den Erfolg einer Beziehung im Sinne von Zufriedenheit, Gesundheit und Produktivität. Mir wurde klar, dass diese Erkenntnis einem neuen Paradigma die Tore öffnete, für das es noch keinen Begriff gab. Ganz grundsätzlich geht es um die gleiche Würde, die jedem Menschen zugestanden wird; sie ist entscheidend für die Qualität einer Beziehung.

Proaktiv, empathisch, flexibel, dialogbasiert und fürsorglich

So entschied ich mich für den Begriff der »Gleichwürdigkeit« - sowohl zwischen Mann und Frau als auch zwischen Erwachsenem und Kind. Die ideale durch Erwachsene ausgeübte Führung ließe sich folgendermaßen beschreiben: Sie ist proaktiv, empathisch, flexibel, dialogbasiert und fürsorglich.

Proaktiv zu sein bedeutet, dass man als Erwachsener in der Lage ist, seinen eigenen Werten und Zielen entsprechend zu handeln, anstatt lediglich auf das, was das Kind sagt oder tut, zu reagieren. Empathie ist die Fähigkeit, einen anderen Menschen wirklich wahrzunehmen. Flexibel sein bedeutet, dass man in der Lage und willens ist, Veränderungen und Entwicklungen beim Kind und bei sich selbst zu berücksichtigen - im Gegensatz zu der Haltung, immer »konsequent« zu sein.

Fürsorglich und dialogbasiert sein heißt, die Wünsche, Bedürfnisse, Gedanken, Ideen und Gefühle des Kindes ernst zu nehmen und zu berücksichtigen - auch dann, wenn sie den eigenen entgegengesetzt sind. Für Erwachsene, die auf diese neue Art und Weise Führung ausüben, ist der allerwichtigste Aspekt die persönliche Autorität.

Im Großen und Ganzen kann man sich eine Familie als einen Raum vorstellen, in dem jedes Familienmitglied so viel wie möglich von dem bekommt, was es für die bestmögliche Qualität seines Lebens braucht - und so wenig wie möglich von dem, was nicht gut dafür ist.

Will man Führung ausüben, die auf der Gleichwürdigkeit aller Familienmitglieder basiert, muss man dafür sorgen, dass es ein ungefähres Gleichgewicht gibt zwischen den Bedürfnissen der Gemeinschaft und den Bedürfnissen jedes einzelnen Familienmitgliedes. Natürlich gilt das ebenso für Kitas, Schulen und Fußballvereine: Hier wie dort geht es um ein Austarieren individueller und gemeinschaftlicher Bedürfnisse.

Der Artikel basiert auf dem Buch "Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie" von Jesper Juul und ist ein gekürzter Ausschnitt.

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