Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Jesper Juul Headshot

Kinder brauchen Führung

Veröffentlicht: Aktualisiert:
CHILD EATING FILTER
sturti via Getty Images
Drucken

Kinder benötigen Erwachsene, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Müssen Kinder auf diese Führung verzichten, entwickeln sie sich nur schlecht. Anhand zweier Beispiele möchte ich deutlich machen, was Führung in der Familie bedeutet:

Ein Ärztepaar, beide Anfang dreißig, kam einmal mit seiner zweijährigen Tochter zu mir in die Beratung. Beide Eltern sahen sehr müde aus. Der Vater konnte das Problem nicht richtig erklären und forderte mich auf zu raten, wie viele Frühstücksprodukte sie wohl zu Hause hätten.

Es waren sechsunddreißig. Die Mutter erläuterte, dass ihre Tochter sehr wählerisch sei und meist genau das Produkt verlange, das gerade fehle. Wenn also Erdbeerjoghurt da sei, würde sie auf Joghurt mit Waldbeeren bestehen und ließe auch nicht mit sich reden.

Viele würden dieses Kind vermutlich als hoffnungslos verwöhnt bezeichnen

Doch meiner Meinung nach hat das nichts mit Verwöhnung zu tun, sondern damit, dass beide Eltern nicht wussten, wie sie mit Konflikten umgehen sollten. Sie kamen beide aus Familien, in denen es zahlreiche Konflikte und Trennungen gab, und vor allem die Frau dachte, sie wäre eine schlechte Mutter und schon so gut wie geschieden, wenn sie sich mit ihrem Mann streiten würde.

Im Gespräch stellte sich heraus, dass in dieser Familie nicht die Eltern die Leuchttürme darstellten, sondern das Kind als Leuchtturm fungierte. Seine Eltern trieben quasi auf offener See, versuchten verzweifelt zu navigieren und erhielten von ihrer Tochter Signale, was sie zu tun hätten.

Es handelte sich also um eine Zweieinhalbjährige, die die Macht "übernommen" hatte beziehungsweise dazu gezwungen worden war, da Kinder eigentlich kein Interesse an Macht haben. Sobald es aber ein Vakuum gibt, also einen Mangel in der Familie, springen die Kinder ein und übernehmen. Sie können gar nicht anders als diese Lücke zu besetzen.

Das Problem haben Eltern in ganz Europa

Diese Problematik tauchte in den skandinavischen Ländern vor circa zwanzig Jahren auf und wird nun auch in Deutschland, Österreich und den südost­euro­päischen Ländern aktuell.

Eltern müssen sich in so einer Situation entscheiden, ob sie die Funktion der Leuchttürme in der Familie (wieder) übernehmen wollen. Ob sie bereit sind, die Verantwortung für die Stimmung in der Familie zu tragen oder nicht. Wenn sie diese Verantwortung übernehmen, müssen sie lernen, wie man das tun kann, ohne auf die Disziplinierungsmethoden vergangener Tage - Grenzen setzen, Verbote aussprechen etc. - zurückzugreifen.

Das nächste Beispiel habe ich erlebt, als ich vor einem Supermarkt einen Kaffee trank und beobachtete, wie eine müde wirkende Mutter mit ihrer etwa zweieinhalbjährigen Tochter und sehr vielen Einkaufstüten vorbeikam.

Das Kind gab zu verstehen, dass es nicht mehr laufen könne. Daraufhin blieb die Mutter stehen und redete sehr pädagogisch mit ihrer Tochter. Sagte, dass sie es sicher schaffen würde, wenn die Mutter etwas langsamer ginge. Aber die Kleine ließ sich nicht überreden und quengelte einfach immer weiter. Irgendwann sammelte die völlig entnervte Mutter alle sechs Tüten in einer Hand, nahm ihr Kind auf den anderen Arm und schleppte die Einkäufe samt ihrer Tochter zum Auto.

Defensives Verhalten innerhalb der Familie ist immer gefährlich

Viele werden sich fragen, wie die Mutter hätte anders handeln können und inwiefern ihr Verhalten die Beziehung zur Tochter negativ beeinflusst. Das Problem besteht darin, dass die Mutter eine defensive Entscheidung traf, und defensives Verhalten innerhalb der Familie ist immer gefährlich.

Wenn wir etwas tun, um etwas anderes zu verhindern, geht es schief. Dann müssen wir irgendwann den doppelten Preis dafür zahlen. Wenn ein Paar beispielsweise keine Konflikte haben will und diese konsequent vermeidet, dann mag das ein paar Jahre gut gehen, doch die Explosion, die unweigerlich folgt, wird umso heftiger ausfallen. Für das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern gilt das Gleiche.

Die Mutter hätte ihrem Kind zum Beispiel sagen können - was eine Form der Anerkennung gewesen wäre -, dass sie selbst auch müde sei. Dass sie zusammen etwas trinken könnten und die Tochter die Strecke danach bestimmt schaffen würde. Oder dem Mädchen erklären, dass, wenn es so müde sei, es sich mit ein paar Tüten hinsetzen und auf die Mutter warten könne, die dann das Auto holen würde. Oder sie hätte der Tochter deutlich mitteilen können, dass sie sie nicht tragen will, um danach weiterzugehen. Das Weitergehen muss dann aber auch in die Tat umgesetzt werden und darf nicht nur zum Schein stattfinden. Auf jeden Fall hätte die Mutter ihrem Kind klar sagen sollen, dass sie es nicht tragen will.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Eltern tun so, als gäbe es kein Konflikt

Die Problematik beider Fälle besteht darin, dass die Eltern einen Konflikt lösen wollen, obwohl sie so tun, als wäre kein Konflikt vorhanden. Im ersten Beispiel geben die Eltern ihrer Tochter alles, was diese sich wünscht, weil sie ihr nichts abschlagen wollen.

Doch diese Eltern kennen den Unterschied zwischen Wünschen und Bedürfnissen nicht. Wenn man einem Kind all seine Wünsche erfüllt, dann befriedigt man mit großer Sicherheit nicht dessen Bedürfnisse, wie zum Beispiel das Grundbedürfnis nach Führung.

Letzteres ist deshalb gefährlich, weil "führungslose" Kinder ihre empathischen Fähigkeiten nicht entwickeln können. Das zeigt sich beispielsweise durch ihr Verhalten im Kindergarten. Sie gehen merkwürdig mit anderen Kindern um und wissen nicht, was Einfühlung ist.

Ergebnisse der Hirnforschung lassen darauf schließen, dass die Fähigkeit zur Empathie angeboren ist, sich aber innerhalb der ersten drei Lebensjahre nur dann richtig entwickelt, wenn Kindern die Möglichkeit gegeben wird, Frustrationen zu erleben. Denn das alltägliche Erleben von Frustrationen hat einen großen Lerneffekt.

Eltern denken, ihr Kind muss immer glücklich sein

Wenn Eltern jedoch weder den Unterschied zwischen Wünschen und Bedürfnissen noch zwischen Frustration und Unglück kennen, dann ist das für jedes Kind problematisch. Solche Eltern halten jede Unmutsäußerung ihres Kindes für den Ausdruck seines persönlichen Unglücks und sich für schlechte Eltern, weil sie ein vermeintlich unglückliches Kind haben.

Es ist dies gewissermaßen eine "Vernachlässigung" auf Business-Class-Niveau, zu der vor allem gebildete Eltern neigen, die sich sehr für ihre Kinder interessieren, diesen viel Zeit widmen, aber keinesfalls autoritär sein wollen. Aber wenn wir unsere Kinder in den ersten Jahren wie kleine Prinzen und Prinzessinnen behandeln, dann kooperieren sie und verhalten sich demzufolge auch wie kleine Prinzen oder Prinzessinnen, was die Erwachsenen natürlich überfordert und frustriert.

In manchen Ländern versucht man das Problem mit Geduld zu lösen, in anderen mit Gewalt, indem man die Kinder für ihr Verhalten bestraft. Dieser erzwungene Friede währt bis zur Pubertät, dann schlagen die Jugendlichen zurück.

Der Beitrag ist ein Auszug aus 5 Grundsteine für die Familie von Jesper Juul

Hier könnt ihr das Buch kaufen.

2016-10-13-1476351213-4261483-Cover_Juul_Grundsteine_fuer_die_Familie.jpg

Herausgegeben und eingeführt von Mathias Voelchert

2016-04-29-1461935692-4015253-logo.png
die familienwerkstatt
Mathias Voelchert GmbH
Amalienstrasse 71
D-80799 München
T 089 - 219 499 71
F 089 - 22 807 200
info@familylab.de
www.familylab.de

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.