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Wenn es bei den Eltern stimmt, stimmt es auch bei den Kindern

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KID AND MOM TALKING
Leren Lu via Getty Images
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Meist erleben Familien, deren Lebenssituation durch Drogenkonsum oder eine psychische Erkrankung wie eine Depression eines Elternteils bestimmt ist, einen enormen Druck. Die betroffene Mutter oder der betroffene Vater ist dann meist wie abwesend, kann die Führungsrolle in der Familie nicht (mehr) übernehmen.

Und viele stellen sich dann die Frage, inwieweit diese Familiensituation dem Kind oder den Kindern schadet bzw. was man tun kann, damit keiner Schaden nimmt. Allein schon wegen der Sorgen, die sich die Kinder natürlicherweise machen, wenn Eltern krank sind.

Aber Kinder dürfen sich sorgen und auch ein gewisses Maß an Verantwortung übernehmen. Erst wenn sie sich über Gebühr für den kranken Papa oder die Mama, die nun allein die Familie stemmen muss, verantwortlich fühlen, wird es kritisch.

Kinder wissen alles

Aus einer natürlichen Verantwortlichkeit kann dann eine Überverantwortlichkeit entstehen, die man zum Beispiel daran bemerkt, dass Kinder schon sehr jung wie Erwachsene sprechen. In Familien, in denen ein Erwachsener oder sogar beide nicht in der Lage sind, die Verantwortung für sich selbst oder die Familie als Ganzes zu übernehmen, kommt dies häufig vor.

Wenn sich ein Kind jedoch überverantwortlich fühlt, dann trägt es eine Last, die eigentlich zu schwer für einen Heranwachsenden ist. Zumal es auch Einsamkeit in seiner Familie empfinden wird, weil der Vater oder die Mutter (wie) abwesend ist.

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Und ein Kind nimmt immer auch die Schuld für die Familiensituation auf sich. Diese Erfahrungen, vor allem wenn sie sich über Jahre erstrecken, werden zu einem 100 integralen Bestandteil des eigenen Selbstbildes des Kindes und beeinflussen auch später noch die Art der Beziehung zu anderen Menschen.

Eltern, die instinktiv versuchen, eine Krankheit, Schmerzen, Sorgen oder Ängste vor den Kindern zu verheimlichen, um das Kind zu schützen, sehen nicht: Kinder wissen alles! Sie wissen es, wenn ihre Eltern Probleme haben, Mama eine Affäre hat, wenn es ihrem Papa schlecht geht.

Kinder, auch wenn sie nichts Genaues wissen, bekommen mit, dass etwas im Familiensystem nicht stimmt, und versuchen, dieses Missverhältnis auszugleichen. Ein gutes Beispiel ist dies: Mein Sohn hat sich von seiner Frau nach 16, 17 Jahren Beziehung getrennt, und seine Frau ist nicht sehr glücklich damit.

Sie war immer - nicht immer, aber die letzten Jahre - unzufrieden und frustriert, aber jetzt ist sie unglücklich. Und sie sagt nun über ihren Sohn: "Er braucht mich im Moment unbedingt 24 Stunden am Tag. Er will unbedingt bei mir schlafen, er will unbedingt dies und das. So ist das."

Es ist ja nicht Sache eines Großvaters, der Mutter zu sagen - und ich habe es auch nicht gesagt! -, dass der Sohn seine Mutter nicht braucht. Aber seine Mutter scheint ihn zu brauchen. Er muss da sein, um seine verlassene Mutter zu trösten.

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Das ist ganz klar zu sehen. Und er macht das auch gern, mit großer Freude. Aber dieses Bild, das die Mutter hat, kommt vor allem ihren Bedürfnissen entgegen. Im Kindergarten sagte eine Erzieherin: "Ja, die Mutter von Ihrem Enkel sagt, er brauche Erwachsene sehr viel - das erleben wir hier aber nicht so."

Das war sehr diplomatisch von der Erzieherin. Im Kindergarten kann er mit Gleichaltrigen spielen und einfach nur Kind sein, was wichtig ist. Was sollten aber nun Eltern tun, die bemerken, dass für 101 ihre Kinder im Familiensystem etwas im Ungleichgewicht ist?

Dem Kind das Herz öffnen

Das Wichtigste ist, denke ich, offen zu sein und zu sagen: "Ich mache das Beste, was ich kann bzw. was ich weiß." Und dann schaue ich mein Kind an, und dann erlebe ich, war dies oder jenes okay oder war es nicht okay.

Und dann kann ich mich von meinem Kind korrigieren lassen. Das heißt nicht, dass Kinder über die ganze Tagesordnung entscheiden sollen. Das heißt nur, dass, wenn ich irgendetwas mache und es nicht funktioniert, dann muss ich etwas anderes machen.

Und dann kann ich, wenn mein Kind älter als zwei ist, auch mein Kind fragen: "Wie mache ich das besser?" Eltern auch mit schwerwiegenden Problemen, egal welcher Art, sollten ihr Herz öffnen und mit ihren Kindern sprechen. Angemessen sprechen, aber auch so, wie wir mit einem Erwachsenen sprechen würden, also freundlich und nicht kinderfreundlich süß.

Und mit Musik, mit der Sprache, die einem eigen ist. Das ist unheimlich wichtig. Während solcher Gespräche bekommt das Kind die Möglichkeit, das Verhalten, die Emotionen der Eltern zu verstehen, und es kann seine eigenen Sorgen aussprechen.

Bemerkt man dann oder schon vorher im Verhalten des Kindes, dass sich das Kind zu viel Verantwortung auflastet, sagen Sie ihm klar und persönlich: "Das ist nicht deine Verantwortung, dafür bin ich, deine Mama, verantwortlich/dafür ist dein Papa verantwortlich."

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Das Beste, was Eltern für ihre Kinder nun mal tun können, ist, die Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen und so ihrem Kind Vorbild zu sein. Es sind unschätzbare Erfahrungen und Erkenntnisse auf dem Weg ins Erwachsenenalter, wenn ein Kind erleben darf, wie Eltern ehrlich zu ihm und zu sich selbst sind und konstruktiv auf Schwierigkeiten reagieren.

Eltern, bei denen es stimmt, sind nicht Menschen, die keine Sorgen oder Nöte haben, sondern Erwachsene, die ihre Probleme ansehen und mit ihnen verantwortungsvoll umgehen. Es ist nicht die Aufgabe von Eltern, ihre Kinder vor Widrigkeiten und Schmerzen zu schützen.

Es ist aber ihre Aufgabe, ihnen ein Vorbild darin zu sein, wie man trotz schmerzvoller Erfahrungen und Schwierigkeiten sein Leben meistern kann. Dies sollten alle Eltern beherzigen!

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Liebende bleiben" von Jesper Juul. Es ist erschienen beim Verlag Beltz.

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