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Das Kind im Mittelpunkt

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PARENTS ADMIRE CHILD
Wonwoo Lee via Getty Images
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Zwei Dinge sind verkehrt: Das eine ist der Glaube, Eltern könnten die Rolle professioneller Pädagogen übernehmen. Das andere ist die Überzeugung, das Kind müsse unter allen Umständen im Mittelpunkt stehen, die teils absurde Ausmaße angenommen hat.

Denn oft stellen gerade Eltern mit hohem Wissens- und Bildungsniveau das Kind in einer Art und Weise in den Mittelpunkt, die sie selbst zum Verschwinden bringt. Die Folge können so genannte Tyrannische Kinder sein, die desto mehr einfordern, je mehr ihnen angeboten wird.

Und wenn das, was ihnen angeboten wird, einen distanzierten, kühlen pädagogischen Charakter trägt, dann bekommen sie nicht die Nahrung, derer sie bedürfen, sondern nur ein analytisches Hirngespinst.

Eltern, die ihre Kinder stets in den Mittelpunkt stellen, reduzieren ihr Leben auf eine Rolle - zumindest dann, wenn sie mit den Kindern zusammen sind. Sie versuchen ihre Elternrolle so gut wie möglich zu spielen und vergessen dabei, Mensch zu sein.

Die Kinder begegnen also stets einem Rolleninhaber

Dazu neigen viele Eltern auch in ihrer Beziehung, denn ein solches Verhalten färbt eben leicht ab. Die Eltern haben dies von den Profis gelernt, vor allem von denen, die in Betreuungsinstitutionen arbeiten.

Vor 30 Jahren begannen die Mitarbeiter der Betreuungsinstitutionen, die Kinder "ins Zentrum" zu rücken. Jetzt müssen wir etwas für die Kinder tun, hieß es, und mit dieser Begründung wurde ihnen unentwegt Aufmerksamkeit geschenkt, was sich auf die heimische Erziehung übertragen hat.

Ich habe viele frustrierte Eltern kennen gelernt, die sich darüber beschwerten, dass ihre halbwüchsigen Kinder plötzlich nicht mehr mit ihnen in den Urlaub fahren wollten. In all den Jahren hatten sie die Urlaube ausschließlich nach den Bedürfnissen der Kinder ausgerichtet und konnten nun nicht verstehen, dass sich die Begeisterung ihrer Sprösslinge offenkundig in Grenzen hielt.

Natürlich spricht nichts dagegen, den Urlaub an einem kinderfreundlichen Ort zu verbringen, doch sollte dies nicht ausschließlich der Kinder wegen geschehen, sondern auch den Bedürfnissen der Eltern Rechnung tragen.

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Die Kinder ihrerseits finden auch unter den widrigsten Umständen Möglichkeiten, sich zu beschäftigen, das gilt auch für den Urlaub mit ihren Eltern. Das Wichtigste für Kinder ist immer noch der Umgang mit Erwachsenen, die als Modell dafür dienen, wie man erwachsene Dinge tut.

Die Kehrseite desselben Problems bilden gewissermaßen die Eltern, denen ganz einfach grundlegende Fähigkeiten im Umgang mit ihren Kindern fehlen, sofern es nicht um konkrete Spiele oder Beschäftigungen, sondern um das ruhige, gelassene Miteinander geht.

Das liegt vor allem daran, dass die neue Elterngeneration selbst nicht erfahren hat, wie es ist, ganze Tage, Wochen oder Monate mit ihren Eltern zu verbringen, sondern in Betreuungsinstitutionen untergebracht war.

Sie wissen nur, wie Kinder und Pädagogen miteinander umgehen, und wenn ihnen das "Pädagogische" nicht liegt, kommt es nicht selten vor, dass sie ihre Kinder auch an Urlaubstagen von anderen betreuen lassen.

In derselben Zeit, in der die Pädagogen die Kinder ins Zentrum rückten, hat sich die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit weiterentwickelt und die fundamentalen Bedürfnisse der Kinder nach Nähe und Sicherheit an den Rand geschoben.

Mama mag es nicht, wenn du ein Symptom zeigst

Geht es um verhängnisvolle Slogans, können wir vom Kempler-Institut, dem ich viele Jahre meiner beruflichen Laufbahn gewidmet habe, uns an die eigene Nase fassen. Unsere Botschaft, dass die Signale der Kinder auf tiefer liegende Konflikte in der Familie verweisen, hat hin und wieder groteske Folgen nach sich gezogen.

Eltern, deren Kinder schwerwiegende Symptome zeigen, sind oft so konzentriert darauf, die tiefer liegenden Konflikte zu bearbeiten, dass sie die konkrete Situation der Kinder aus dem Blick verlieren.

Wird ihnen dies bewusst, kommt es etwa zu folgenden Aussagen: "Entschuldigung, ich weiß, dass es sich nur um ein Symptom handelt und eine mehrjährige Arbeit vor uns liegt, doch wie soll ich meine Tochter in der Zwischenzeit dazu bewegen, etwas zu essen?"

Lassen Sie mich also Folgendes feststellen: Wenn wir zunächst die Signale thematisieren, dann wollen wir einerseits unterstreichen, dass sie einen Sinn haben, und andererseits betonen, dass man die Kinder für diese Signale nicht kritisieren darf!

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Damit ist keinesfalls gesagt, dass Eltern die eigene Familie zur psychologischen Werkstatt umbauen soll, um sich zu bewähren. Und nur weil Kinder und andere Leute gute Gründe für ihr Verhalten haben, braucht man nicht Model dafür zu stehen.

Was einem nicht gefällt, darf man zum Stillstand bringen, solange man die Würde der betreffenden Person wahrt. Die halbprofessionelle Einsicht in Symptome hat mitunter noch eine andere unangenehme Konsequenz: Gerade in so genannten alternativen Kreisen empfindet man es oft als peinlich, gewisse Symptome zu zeigen, denn sie belegen, dass man nicht "richtig" gewesen ist.

Mit einer solchen Haltung ist es nicht mehr weit bis zu der Mutter, die eines Tages zu ihrer Tochter sagte: "Ich mag dich nicht, bevor du nicht gegessen hast!" Weniger dramatisch, aber nicht minder gefährlich ist ein anderer Aspekt des Problems, der mir aufgefallen ist, nämlich die ständige Besorgnis wissenschaftlich vorgebildeter Eltern.

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Zugegeben ist es nicht leicht, eigenes Fachwissen zur Anwendung zu bringen, ohne die Kinder damit zu belasten. Wer über gründliche Kenntnisse und einen großen Erfahrungsschatz verfügt, will bei seinen eigenen Kindern natürlich kein Symptom übersehen.

Doch wer seine Kinder unablässig kontrolliert, gibt ihnen schnell das Gefühl, etwas falsch zu machen bzw. eine Last zu sein. Nichts raubt Kindern so gründlich das Selbstvertrauen wie ständig besorgte Eltern.

Zurück zum Wesentlichen

Doch was bleibt uns noch übrig, wenn all unser Wissen mitunter so fatale Folgen hat? Sollen wir ganz auf Aufklärung verzichten oder alle Ratgeber und Fachbücher (dieses natürlich ausgenommen) mit folgender Warnung versehen? Nicht für den praktischen Gebrauch bestimmt! Vergessen Sie alles, was Sie gelesen haben! Schädlich für Kinder!

Auf irgendeine Weise muss es doch möglich sein, Kenntnisse so zu vermitteln, dass der Leser sie nicht in den falschen Hals bekommt. Vielleicht sollte man sich einfach auf das gute alte Prinzip besinnen: Es geht darum "Ich will!" oder "Ich will nicht!" zu sagen. "Ich mag!" oder "Ich mag nicht!", "Das akzeptiere ich!" und "Das akzeptiere ich nicht!"

Denn genau das ist es schließlich, was viele Familien trotz ihrer theoretischen Bildung nicht fertig bringen. Sie tragen Konflikte aus, ohne sich jemals richtig in die Haare zu kriegen. Sie vertiefen sich in Analysen und Unterlagen, statt mit Thermoskannen zu werfen.

© "Die kompetente Familie" erschienen im Beltz-Verlag, Autor Jesper Juul, € 9,95 erhältlich im familylab-online Bücherladen http://shop.famlab.de/Die_kompetente_Familie

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Der Beitrag erschien ursprünglich auf familylab.de. www.familylab.de

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