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Traum oder Albtraum? Mit der Messe Hannover in die Zukunft der Arbeit

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EXHIBITION HANOVER
Nigel Treblin / Reuters
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Früher einmal hatten Fachmessen einen eher begrenzten, branchenbezogenen Aussagewert. Völlig anders kommt mittlerweile die Industriemesse in Hannover daher: Sie gibt einen tiefen Einblick in die Welt von morgen, offenbart Chancen und Risken für die gesamte Gesellschaft, stellt Fragen. Ein guter Grund für einen kurzen Rückblick sowie Resümee zu ziehen.

Erste Formen intelligenter Maschinen vermitteln einen Hauch von Zukunft

Die Trendthemen des digitalen Zeitalters haben die weltgrößte Industriemesse in ihrem 70. Jubiläumsjahr endgültig eingeholt. Erneut ist die digitale, vernetzte Wirtschaft das Leitthema der Messe gewesen. Die sogenannten Industrie 4.0-Technologien - Synonym für die 4. industrielle Revolution - bestimmten das Geschehen auf dem riesigen Messegelände.

Wie umfassend und nachhaltig aus Industrie 1.0 mittlerweile Industrie 4.0 geworden ist, zeigten die unterschiedlichen Ausstellungen eindrucksvoll.

Die immensen Auswirkungen auf die Zukunft der menschlichen Arbeit lassen sich bereits jetzt anhand der sogenannten COBOTS erahnen. Ein COBOT ist ein Roboter, der nicht nur programmierte Prozesse ausführt, sondern auf den Menschen - oder andere Lebewesen - reagiert, da er mit Sensoren ausgestattet ist und von künstlicher Intelligenz gesteuert wird.

Solche „Collaborative Robots" eröffnen völlig neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Menschen und Maschinen - und werden damit auch die gesamte Gesellschaft tiefgreifend verändern.

Die digitale Revolution frisst ihre Kinder

Ein Opfer hat der technologische Wandel bereits gefordert: Die CeBIT. Für Besucher und Aussteller klang es - mitten in der laufenden Ausstellung im März - wie ein vorgezogener Aprilscherz, als die Messe AG ankündigte, die CeBIT zu verkürzen und mit völlig neuem Konzept in den Sommer zu verlegen!

Hintergrund: Die digitale Revolution, die in ihren zarten Anfängen in den 80er Jahren die Hannover Messe in zwei eigenständige Veranstaltungen, zum einen die „CeBIT" und zum anderen die „Industrie-Messe", zerlegte, lässt diese nun wieder thematisch verschmelzen - Digitalisierung betrifft mittlerweile die gesamte Wirtschaft, nicht nur Technologieunternehmen.

Auch sämtliche Gesellschaftsteile sind inzwischen von dem Prozess der digitalen Transformation betroffen - und genau da setzt das neue Messekonzept an: Um sowohl die dringend notwendige gesellschaftliche Akzeptanz, als auch eine allgemeine Begeisterung für die Möglichkeiten von Zukunftstechnik entstehen zu lassen, sollen alle Menschen - nicht nur Fachexperten - aktiv an der Gestaltung unserer Zukunft teilnehmen können.

Es ist daher konsequent, folgerichtig und mutig, dass die Messegesellschaft der traditionsreichen CeBIT ein komplett neues Format verpasst und damit versucht, sie für genau diese Aufgaben fit zu machen.

Ein Selbstläufer wird das garantiert nicht, denn eine Positionierung irgendwo zwischen einer Publikumsmesse wie der Berliner Funkausstellung, der kultigen Konferenzmesse re:publica, der als Fachmesse daherkommenden Consumer Electronics Show in Las Vegas sowie der eigenen, boomenden Industriemesse, erfordert sehr viel Fingerspitzengefühl.

Der Technologie fehlt das politische Äquivalent

Während Unternehmen und Institutionen ihre Strukturen an die Zukunft anpassen, befindet sich die Politik diesbezüglich - völlig unbeeindruckt von den rasanten Entwicklungen - in einem wahrhaftigen Dornröschenschlaf.

Das ganze Ausmaß unseres politischen Dilemmas zeigt beispielhaft eine Aussage von Kanzlerin Merkel, die anlässlich der Eröffnungsfeier der diesjährigen Hannover Messe formulierte: „Die ‚apokalyptischen Thesen', die eine Verdrängung des Menschen durch mechanische Helfer vorhersagten, hätten sich nicht erfüllt. Das Thema Weiterbildung sei aber ein wichtiges, zentrales Thema der Digitalisierung."

Eine gefährliche Verkürzung der Situation, denn Fakt ist: Die „apokalyptischen Thesen" haben sich - noch - nicht erfüllt, denn wir stehen erst am Beginn einer völlig neuen Epoche, die sowohl den Bedarf als auch die Formen zukünftiger menschlicher Arbeit, in einer von intelligenten Maschinen bestimmten Welt, extrem verändert - und Politik sowie Gesellschaft müssen schon heute darauf reagieren.

Fakt ist ebenso, dass lediglich der Weg der Veränderungen bei Wirtschafts- und Wissenschaftsexperten umstritten ist, nicht jedoch die dringende Notwendigkeit zu einem nachhaltigen Wandel an sich.

Genauso wie der Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft ein völlig neues, verändertes Sozialsystem zur Folge hatte, so verlangt auch das digitale Zeitalter nach neuen politischen Wegen als Antworten auf die sich abzeichnenden Herausforderungen.

„Exzessive Ungleichheit ist unvereinbar mit stabilem Wachstum"

Ein wirklich umfassender Wandel braucht Zeit und kostet Geld. Die momentane, sehr gute wirtschaftliche Lage in Deutschland böte gerade jetzt Spielraum dafür. Überfällige, massive Investitionen in Bildung und digitale Infrastruktur - Deutschland zählt hier europaweit bereits zu den Schlusslichtern - gehören ebenso dazu, wie der Umbau des Sozialsystems, welches die Wertschöpfung von Maschinen gerechter verteilen muss.

Dazu mahnte die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, anlässlich einer Veranstaltung der Business School ESMT in Berlin, dass Regierungen für neue Chancen aller Menschen Sorge tragen müssen: „Exzessive Ungleichheit ist unvereinbar mit stabilem Wachstum."

Quo vadis: Robotersteuer oder Grundeinkommen?

Zwei Varianten zur Mittelverteilung stehen dabei im Vordergrund der Diskussionen:
Zum einen die Robotersteuer, für die sich jüngst auch Microsoft Gründer Bill Gates aussprach. „Wenn Roboter die Arbeit von Menschen machen, dann sollen sie auch so besteuert werden", argumentiert er, denn „... mit diesen Einnahmen könnten andere Beschäftigungsformen finanziert werden ...".

Robert J. Shiller, Professor für Ökonomie an der Universität Yale und Nobelpreisträger für Ökonomie unterstützt diesen Standpunkt mit dem Hinweis, dass die Einführung disruptiver Technologien die Ungleichheit erhöhe. Sie sollte daher mit einer Abgabe belastet werden.

Andere Ökonomen zeigen sich hier eher skeptisch. Sie fürchten, dass eine solche Steuer den technischen Fortschritt abwürgt, da eine Robotersteuer technik- und innovationsfeindlich sei.

Das bedingungslose Grundeinkommen kommt als zweite Variante smart daher, denn es ist weder technik- noch innovationsfeindlich - schließlich wird nur der Überschuss, den innovative Technologie hervorbringt, an alle Bürger verteilt.

Ein Umstand, der die Gemeinde der Befürworter aus allen Gesellschaftsbereichen beständig wachsen lässt. Sowohl Unternehmenslenker aus dem In- und Ausland, als auch Wirtschaftsprofessoren wie Thomas Straubhaar, die die Finanzierbarkeit belegen und Philosophen wie Richard David Precht, die die gesellschaftliche Notwendigkeit beleuchten, reihen sich beispielhaft für viele Weitere ein.

Die Argumente der Skeptiker bleiben eher im sozial-menschlichen Bereich: „Wer macht denn dann noch schlecht bezahlte Arbeit?", oder „wer arbeitet dann überhaupt noch?" Gerne wird auch der Wegfall an Arbeitsplätzen generell bezweifelt und auf den massiven Fachkräftemangel und die offenen Stellen in der Technologiebranche verwiesen.

Streitbar ist nur der Weg, nicht die Notwendigkeit eines Wandels

Natürlich kann niemand mit Gewissheit sagen, wie die Welt in zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren aussieht. Und doch werden künstliche Intelligenzen zunehmend unser Leben bestimmen, sich Roboter irgendwann selbst warten und weiterentwickeln - teils ist das schon Realität.

Zweifellos wird sich dann - wenn wir es ungesteuert laufen lassen - eine kleine Elite von „Digital Masters" herausbilden, vielleicht sogar ein ständiger Fachkräftemangel an Spezialisten - wie heute bereits; daneben jedoch ein „digitales Lumpenproletariat", für die nicht mehr viel übrig bleibt.

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Die Mittelklasse bricht in diesem Szenario fast komplett weg: Eine Massenarbeitslosigkeit entsteht, die sich kein demokratischer Staat leisten kann, will er keine Revolution heraufbeschwören.

Allerhöchste Zeit für Politik daher, die Auswirkungen der technologischen Revolution in ganzer Dimension zu erfassen und konkret anzugehen!

Die Motivation könnte kaum größer sein; denn gelingt der Wandel, profitiert die gesamte Gesellschaft - geht gar paradiesischen Zeiten entgegen - gelingt er nicht, wird der Traum schnell zum Albtraum.

Dieser Beitrag ist Teil der Themenreihe "New Work". Alle aktuellen Beiträge dazu findet ihr hier.

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